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Nahversorgung Hohenstange

Mit Treff stirbt mehr als ein Laden

Der ehemalige Schlecker-Markt steht leer, Metzger und Gemüseladen sind schon lange verschwunden, in den Filialen von Volksbank und Kreissparkasse stehen nur noch Automaten, die kleine Kneipe ist geschlossen. Jetzt macht im Zentrum der Hohenstange auch der Discounter Treff dicht: Für 6000 Einwohner bricht ein wichtiges Stück Nahversorgung weg, der Mittelpunkt der Trabantenstadt verödet.

Vor dem Aus: der Treff-Markt. Dem Veröden des Einkaufszentrums in der Hohenstange möchte Schultes Bernhard mit einem Masterplan entgegenwirken. Fotos: Holm Wolschendorf
Vor dem Aus: der Treff-Markt. Dem Veröden des Einkaufszentrums in der Hohenstange möchte Schultes Bernhard mit einem Masterplan entgegenwirken. Foto: Holm Wolschendorf
Am 6. Juli ist für den Treff Zapfenstreich.
Am 6. Juli ist für den Treff Zapfenstreich.

Tamm. Seit 1979 wohnt Rosemarie S. in der Hohenstange, im Treff 3000 hat sie von Anfang an eingekauft. Der kleine Discounter sei doch gut frequentiert, sagt sie, die Schließung durch Edeka Südwest aus Kundensicht schlicht nicht nachvollziehbar. Etliche Menschen hier oben seien mit der Hohenstange alt geworden, nur noch eingeschränkt mobil und daher auf das Lebensmittelgeschäft mitten in der Trabantenstadt angewiesen – die Wege zum Edeka-Markt in der Tammer Ortsmitte, zum Aldi am Rand der Hohenstange oder ins Breuningerland für viele einfach zu weit.

Gerade für die kleinen Besorgungen, die – wie der Liter Milch oder ein Stück Butter – tagtäglich anfallen können, sei der Treff unverzichtbar, meint auch Eva Schymik, und Jaroslav Cernoch wird den kleinen Supermarkt vor der Haustür ebenfalls vermissen. „Seit Jahren sterben die Geschäfte hier oben“, sagt er – und das Rathaus sehe tatenlos zu.

Bürgermeister Martin Bernhard dürfte das anders sehen und will es jedenfalls ändern, fühlt sich im konkreten Fall aber zunächst einmal regelrecht düpiert von Edeka Südwest. Erst direkt vor Fronleichnam – der Schultes war gerade im Krankenstand – habe die Handelskette das Rathaus darüber informiert, dass der Treff auf der Hohenstange in Kürze geschlossen werde. Als Begründung sei ihm eine grundsätzliche Neuausrichtung der Marktstrategie der Edeka-Gruppe genannt worden.

„Neue Unternehmensstrategie“

Diese Auskunft gibt auch die Presseabteilung des Konzerns: Edeka Südwest habe bereits im vorigen Jahr die „strategische Entscheidung“ getroffen, „sich auf die Kernkompetenz Vollsortiment zu konzentrieren und die Discountermarke bzw. Vertriebsschiene Treff 3000 nicht weiterzuführen“. Die Hälfte der bisher etwa 160 Treff-Märkte werde an eine weitere Edeka-Tochter abgegeben, den Markendiscounter Netto. Zudem würden rund 40 bisherige Treff-Filialen umgebaut und dann von selbstständigen Kaufleuten weiter geführt, der Rest werde geschlossen. Darunter der einzige Treff im Kreis, also eben der in Tamm-Hohenstange.

Die Gründe, die gegen eine Weiterführung der Tammer Filiale sprachen, konkretisiert Edeka Südwest nicht. Schultes Bernhard glaubt nach einem Gespräch mit der Edeka-Zentrale, da sei schlicht nach Verkaufsfläche entschieden worden. „Alles unter 500 Quadratmeter wird geschlossen“, habe man ihm signalisiert. Der Tammer Treff hat nur 423 Quadratmeter Verkaufsfläche. Da habe es offenbar nicht geholfen, dass der kleine Markt „ganz sicher keine roten Zahlen“ geschrieben habe, glaubt Bernhard. Dazu sei der Laden zu gut frequentiert. Außerdem habe es bei Edeka vor nicht allzu langer Zeit noch Umbauüberlegungen für die Filiale gegeben. Für ihn sei die Schließung daher „völlig unverständlich“, sagt Bernhard: „Hier wird über die Köpfe der Menschen hinweg entschieden“, empört er sich, Edeka entziehe sich seiner sozialen Verantwortung.

Genauso sieht das auch die treue Treff-Kundin Rosemarie S. „Menschenunwürdig“ nennt sie vor allem den Umgang der Handelskette mit den bisherigen Treff-Mitarbeiterinnen. Erst vor 14 Tagen habe auch sie erfahren, dass der Laden am 6. Juli schließen werde und sie damit ihren Arbeitsplatz verliere, erzählt eine Kassiererin. Die Nachricht habe sie wie aus heiterem Himmel und mitten im Urlaub getroffen. Die gesamte, siebenköpfige Treff-Belegschaft stehe damit vor dem Gang ins Arbeitsamt, es werde niemand vom Edeka-Markt in der Ortsmitte übernommen. Dabei ist genau eine solche Übernahme in andere Märkte nach Edeka-Bekundung aber Ziel der Handelskette: „Sollte dies nicht möglich sein, sollen sozialverträgliche Lösungen gefunden werden.“

Gemeinsamer Masterplan gesucht

Indessen sind nicht nur Personal, Kunden und Bürgermeister von der plötzlichen Schließung des Treff-Markts überrascht worden. Auch den Vermieter der Ladenflächen, eine Immobilienverwaltung aus Ludwigshafen, hat die Kündigung erst vor wenigen Tagen erreicht. Während in der Treff-Filiale auf der Hohenstange in dieser und der nächsten Woche noch die letzten Waren mit 30 Prozent Preisnachlass abverkauft werden, will Schultes Bernhard jetzt auf die für einen Immobilienfonds tätige Firma zugehen. Gesucht: ein gemeinsamer Masterplan, der dem ausblutenden Geschäfts- und Dienstleistungszentrum in der Hohenstange insgesamt neue Perspektiven gäbe. Die Aufgabenstellung erinnert an die der Neubelebung des Marstallcenters in Ludwigsburg vor wenigen Jahren – wenn auch in viel kleinerem Maßstab.

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