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Offene Auseinandersetzung mit einem Tabuthema

Gesprächsrunde über sexuellen Missbrauch – Referentin nennt erschreckend hohe Fallzahlen – Opfer leiden oft ganzes Leben unter traumatischer Erfahrung

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Im Mariensaal wird über Missbrauch gesprochenFoto: Oliver Bürkle

FREIBERG. Jedes vierte bis fünfte Mädchen und jeder siebte bis neunte Junge werden bis zum 18. Geburtstag Opfer eines sexuellen Übergriffs. Diese erschreckend hohen Zahlen nannte Sabine Hesse, Präventionsbeauftragte für Kinder- und Jugendschutz in der Diözese Rottenburg-Stuttgart, bei der Veranstaltung „Bittere Tränen? Gemeinsam für den Schutz der Kinder“ im Mariensaal der katholischen Kirche. Initiator der Gesprächsrunde war Uwe Trentsch, der selbst als Kind Opfer sexualisierter Gewalt wurde, und vor einigen Monaten Selbsthilfegruppen für Opfer und Angehörige ins Leben gerufen hat.

Rund 40 Frauen und Männer verschiedener Altersgruppen nahmen am Samstag an der Gesprächsrunde teil. Eltern, Erzieherinnen, kirchliche Mitarbeiter waren ebenso dabei wie eine Ärztin und Vertreter von Hilfsorganisationen und vielleicht auch Betroffene.

„In Stuttgart habe ich bereits eine solche Veranstaltung angeboten, aber es gab keinen einzigen Teilnehmer. Das war frustrierend“, freute sich Trentsch umso mehr, dass in Freiberg gleich mehrere Dutzend Leute bereit waren, sich offen mit diesem Tabuthema auseinanderzusetzen. „Ich möchte die Menschen sensibilisieren hinzuschauen. Viele reagieren aus Angst, falsch zu reagieren, lieber gar nicht.“

Sabine Hesse machte in ihrem Referat deutlich, dass es überall zu Missbrauch von Kindern kommen könne – zunehmend auch im Internet. Es fange bei Anzüglichkeiten an, gehe damit weiter, ein Kind zu zwingen, einen Erwachsenen oder Jugendlichen nackt anzuschauen oder einen Zungenkuss zu fordern. Schlimmste Form sei die Vergewaltigung. Die überwiegende Zahl der meist männlichen Täter, nämlich 80 bis 90 Prozent, kämen aus dem sozialen Nahraum der Kinder. Es seien Verwandte, Nachbarn, Bezugspersonen in Verein, Kirche und Schule oder Betreuungseinrichtungen. Viel seltener sei es der böse Unbekannte. Täter kämen aus allen sozialen Schichten, kulturelle Herkunft oder Bildung t keine Rolle. „Der Täter geht strategisch vor, er spinnt ein Netz, aus dem das Kind schwer wieder herauskommt“, so Hesse. Er baue zunächst Vertrauen auf, fülle Lücken aus und nutze Notlagen sowie die kindliche Neugier aus. Er ignoriere Widerstand, mache Versprechungen und Geschenke. Das Kind werde zu Lügen und Geheimhaltung angehalten.

„Wenn Kinder mit tollen Geschenken wie einem Handy auftauchen, sollte man unbedingt nachfragen, woher es kommt“, riet Hesse. Hellhörig sollte man auch werden, wenn ein sportbegeistertes Kind plötzlich nicht mehr zum Training gehen will. Andererseits dürfe man nicht alles als Symptom für Missbrauch sehen. Wichtig sei sensibles Vorgehen und zuhören. „Wahrnehmen, bewerten – gegebenenfalls mit einer zweiten Meinung – und dann handeln“, nannte Hesse wichtige Schritte, bei denen man grundsätzlich auch Ruhe bewahren solle.

Uwe Trentsch warnte davor, in jedem Fall gleich die Polizei einzuschalten. Dazu müsse der Betroffene bereit sein, deshalb sei es manchmal besser, zunächst einmal eine Hilfsorganisation um Unterstützung zu bitten. „Sie müssen mit dem Betroffenen gucken, was er gerade braucht“, so Trentsch, der ein Coaching zum psychologischen Berater absolviert und bereits in der Kinder- und Jugendtelefonseelsorge gearbeitet hat.

Ob Kirche, Vereine oder andere Organisationen und Einrichtungen, sie alle sollten sich Sachkenntnis zu diesem Thema aneignen, Missbrauch als Realität anerkennen und Strukturen transparent machen. „Wir brauchen eine Kultur der Achtsamkeit und Verantwortung“, so Sabine Hesse. Hauptamtliches Personal müsse ebenso wie Ehrenamtliche genau angeschaut werden. Denn oft schlichen sich die Täter bewusst in ein Umfeld mit Kindern ein. Man müsse sich offen über Grenzen verständigen. Uwe Trentsch mahnte auch alleinerziehende Mütter, sich einen möglichen neuen Partner genau anzuschauen. Häufig suchten Täter über die Mutter Kontakt zu Kindern.

Natürlich wurden auch die Gefühle der Opfer thematisiert, die von Scham, Schuld, Ekel, Verwirrung und Einsamkeit reichen. Unter den traumatischen Erfahrungen leiden die Opfer sexualisierten Missbrauchs oft ihr ganzes Leben lang.