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Verkehr

Tragischer Trend setzt sich fort

Am vergangenen Freitag ist der vierte Mensch auf den Straßen im Kreis binnen einer Woche gestorben. Die Häufung fordert nicht nur die Einsatzkräfte – und lässt auch die Polizei manchmal ratlos zurück.

Bei diesem schweren Unfall am Engelberg stirbt am Freitagabend ein Mensch, die Retter sind im Großeinsatz. Foto: Holm Wolschendorf
Bei diesem schweren Unfall am Engelberg stirbt am Freitagabend ein Mensch, die Retter sind im Großeinsatz. Foto: Holm Wolschendorf

Kreis Ludwigsburg. Es ist ein Bild des Grauens, das sich den Rettungskräften am Freitagabend auf der A.81 beim Engelbergtunnel bietet: Ein Auto ist von einem Lastwagen am Stauende unter den Auflieger eines vorausfahrenden Sattelzugs geschoben worden. Wie viele Menschen sich in dem eingequetschten Kleinwagen befinden, ist für die Feuerwehr zu dem Zeitpunkt nicht erkennbar, heißt es. Erst nach einer sehr aufwendigen Aktion kann der Auflieger hydraulisch so weit angehoben werden, um das Auto mit einer Seilwinde hervorzuziehen. Für den Fahrer kommt jedoch jede Hilfe zu spät.

Der Unfall ist der traurige Höhepunkt der vergangenen Tage. Erst eine Woche zuvor hatte es auf der A.81 schon einmal gekracht: Bei einem Lastwagen hatte sich bei Pleidelsheim offenbar ein Reifen gelöst, das Fahrzeug geriet ins Schleudern und überschlug sich. Der Beifahrer starb noch vor Ort. Zwischen diesen Unfällen auf der Autobahn lagen zwei mit Motorradfahrern auf Möglinger und Tammer Gemarkung. Und Mitte des vergangenen Monats war ein weiterer Zweiradfahrer bei Ottmarsheim tödlich verunglückt.

Viel Hitze, viele Motorräder, viele Staus

Mit letztgenannter Verkehrsteilnehmergruppe erklärt die Polizei auch die derzeitige Häufung. Sprecher Peter Widenhorn bejaht aber ebenso einen möglichen Zusammenhang mit den aktuellen Temperaturen. „Es ist allgemein bekannt, dass an heißen Tagen die Leistungsfähigkeit deutlich eingeschränkt ist. Obwohl die meisten Fahrzeuge heutzutage über Klimaanlagen verfügen, ist dies kein Garant dafür, dass Konzentrationsschwäche und Müdigkeit während der Fahrt nicht auftreten. Hier helfen nur regelmäßige Pausen.“

Die gibt es derzeit auf den Straßen, gerade auf der A.81, allerdings eher ungewollt: im Stau. Damit steigt jedoch auch das Risiko von Auffahrunfällen. Gleich zwei größere Karambolagen verzeichnete die Polizei in der vergangenen Woche im südlichen Kreis, mal waren nur Autos beteiligt, mal auch kleine Laster. Oder eben Sattelzüge. „Bringen die Abstands- und Notbremssysteme etwa nichts?“, hatten mehrere Leser gefragt. Die sind zwar schon seit vier Jahren bei Fahrzeugen über acht Tonnen vorgeschrieben, doch entgegen der landläufigen Meinung müssten diese Assistenzen das Fahrzeug gar nicht zum Stehen bringen, so Widenhorn. Es würde lediglich, je nach Ausgangsgeschwindigkeit, heruntergedrosselt – wenngleich es zwar effektivere Systeme gebe, diese seien aber noch nicht vorgeschrieben. Und er bestätigt auch, was einige Leser schon vermutet haben: Bei diversen Herstellern lässt sich der Notbremsassistent für die Dauer einer Fahrt deaktivieren. Das werde laut Widenhorn auch genutzt, wenn es häufig Fehlererkennungen gebe, oder ein Brummi abgebremst wird, weil vor ihm ein anderer einschert – ein Zeitverlust im immer größeren Lieferstress.

Zahl der Verkehrstoten steigt an

Den häufig andere mit dem Verlust des Lebens bezahlen. Mit den fünf Todesfällen binnen eines halben Monats setzt sich der traurige Trend im Kreis Ludwigsburg offenbar weiter fort. Kontinuierlich ist in den vergangenen Jahren die Zahl der Unfälle angestiegen, und auch die Zahl der Getöteten steigt in den Jahresbilanzen seit 2016 (neun) wieder an, auf zuletzt 16. Und für das erste Halbjahr 2019 sind es den Polizeiberichten zufolge bereits elf Todesfälle, dazu kommt der schwere Zusammenstoß eines SUV und eines Kleinwagens auf der B.295 kurz hinter der Kreisgrenze bei Ditzingen Ende April, bei dem eine Mutter mit ihren Kindern im Auto verunglückte.

Wie sie sind die meisten Todesopfer nicht auf den Autobahnen zu beklagen. Dort hatte es von 2017 auf 2018 sogar einen Rückgang von vier auf drei gegeben, hatte das Polizeipräsidium zusammengefasst für die Kreise Ludwigsburg und Böblingen sowie ihren A.8-Abschnitt von Vaihingen aus bekanntgegeben. Einen Grund dafür gibt die Polizei in ihrer Jahresstatistik auch gleich an: weniger Großbaustellen. „Sie beeinflussten in den Jahren zuvor das Unfallgeschehen, wirkten sich aber im letzten Jahr nicht mehr so deutlich aus“, schreibt das Präsidium in seinem Sicherheitsbericht für 2018.

Widenhorn will das so aber angesichts der aktuellen Anfrage nicht stehen lassen. Die Baustellen würden vorschriftsgemäß gesichert, die Polizei sei schon bei der Planung involviert. Zudem beobachte und überwache man die eingerichteten Baustellen – und damit haben die Beamten derzeit wohl wieder viel zu tun, schließlich wird wieder die A.81 saniert, bald beginnen zudem die Maßnahmen im Engelbergtunnel. Allgemein gelte: „Sollten Probleme, Gefahren oder Unfallhäufungen zu erkennen sind, werden unverzüglich Maßnahmen eingeleitet um eine Verbesserung der Situation zu erreichen.“ Zudem gebe es auf der A.81 im Kreis eine Verkehrsbeeinflussungsanlage, die bei einem Stau die Reduzierung der erlaubten Geschwindigkeit einblende. Am wohl wichtigsten aber ist für ihn dieser Punkt: „Die Straßenverkehrsordnung fordert in Baustellen das Fahren auf Sicht, insbesondere am Stauende und an unübersichtlichen Stellen.“

Notfallseelsorge im Kreis gut aufgestellt

Die Unglücke der vergangenen Tage haben nicht nur Polizei, Sanitäter und Feuerwehr gefordert, sondern auch diejenigen, die seelischen Beistand leisten. „Wir haben zwar genügend Leute, auf die sich die Lasten verteilen“, sagt der Leiter der Notfallseelsorge im Kreis, der Oberriexinger Pfarrer Ulrich Gratz. Denn mit rund 100 Ehrenamtlichen sei man zwar zahlenmäßig weitaus besser aufgestellt als andere Kreise, was auch daran liegt, dass es keine Trennung der Systeme in Notfallseelsorge und Nachsorge für Einsatzkräfte und die Wahrscheinlichkeit damit höher ist, im Alarmfall jemanden für den Einsatz zu erreichen und schicken zu können. „Aber speziell in der vergangenen Woche hat der Diensthabende fast nichts anderes gemacht.“

Besonders intensiv sei die Woche, die auch noch vor allem einen der beiden Bereiche des Kreises getroffen hat, zudem gewesen, weil man sich nicht nur um die Hinterbliebenen kümmern musste, sondern ebenso um die Einsatzkräfte. Und anschließend um die Notfallseelsorger selbst, so Gratz. „Wenn es so eine Häufung an schweren Ereignissen gibt, muss man das unbedingt auffangen, durch Supervision“, weiß er. Denn es sei wichtig, dass diejenigen das Erlebte für sich „zu einem guten Abschluss“ bringen und verarbeiten. Und gleichzeitig Sicherheit für den nächsten Einsatz gewinnen. „Denn man geht immer mit einem gewissen Gefühl der Unsicherheit heraus. In der Regel bekommen wir ja kein Feedback, was gut oder nicht so gut gelaufen ist.“ (jsw)

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