Logo

Weinbau

Trollinger-Freunde werden weniger

Der Trollinger ist der Inbegriff des schwäbischen Vierteles und bodenständiger Weinkultur in Württemberg. Doch bei hoher Ertragsstabilität geht der Absatz drastisch zurück.

Erntereife Trollinger-Trauben.Archivfoto: Drossel
Erntereife Trollinger-Trauben. Foto: Drossel

Neckartal. Trollinger wird wohl in jeder Besenwirtschaft und fast jeder Gaststätte im Neckartal ausgeschenkt. Es ist ein süffiger, meist preiswerter Wein, vom Deutschen Weininstitut als „schwäbisches Nationalgetränk“ tituliert. Trollinger reift spät und wird jung getrunken. Eine der prominentesten Lagen des schwäbischen Zechweins ist der Mundelsheimer Käsberg.

Ursprünglich kommt der Trollinger aus Südtirol, was auch die Herleitung des Namens aus „Tirolinger“ erklärt. Dort ist er als Vernatsch bekannt. Die Römer brachten die Reben an den Rhein, von dort verbreitete sich die Sorte weiter ins Neckartal. Im Jahr nach der Ernte ist der süffige Wein trinkreif, eine mehrjährige Lagerung ist nicht vonnöten. Weit verbreitet ist der Verschnitt mit Lemberger. Während die Trollingertraube heute fast nur noch in Württemberg und Südtirol zur Weinherstellung genutzt wird, ist sie unter der Bezeichnung Black Hamburg weltweit als Tafeltraube beliebt.

In den terrassierten Weinbaulagen entlang des Neckars ist es bis heute die meist angebaute Rebsorte, also dort, wo im Weinberg noch anstrengende und zeitaufwendige Handarbeit angesagt ist. Die Rebe braucht Sonne und nährstoffreiche Böden. Sie ist zudem empfindlich gegen Kälte und pilzanfällig. Dafür liefert sie den Wengertern zuverlässig große Erträge. Doch denen steht ein deutlich sinkender Absatz gegenüber. Während der Trollingermarkt in den 80er Jahren wuchs und die Weinberge auf Massenproduktion ausgerichtet wurden, gibt es heute nicht mehr die entsprechende Nachfrage. Die Keller sind voll von den ertragreichen Jahrgängen 2016 und 2018. „Die klassischen Trollingertrinker werden weniger, der Geschmack ändert sich“, sagt Götz Reustle, Vorstandsvorsitzender der Felsengartenkellerei Besigheim. Hohe Erträge und Bestände in Kombination mit verändertem Kaufverhalten lasse die Sorte unter Druck geraten. Der eher leichte Wein in hellem Rot und mit wenig Struktur komme nicht mehr so gut an. Beste Lagen mit hohem Arbeitseinsatz und trotzdem nur ein einfacher Trinkwein in Literflaschen – das ist eine Diskrepanz, die sich für die Weinbauern nicht bezahlt macht.

„Wenn wir Trollinger gut verkaufen wollen, müssen wir guten Wein machen“, betont Reustle. Prädikat und Image müssten sich verbessern. Eine erste Mengenreduzierung sorgte für intensivere Farbe und Struktur. Doch um den Trollinger aufzuwerten, müssten alle an einem Strang ziehen. „Allein kann man nichts bewegen“, so Reustle. Weg vom Massenertrag lautet die Maxime. Weine, die geringe Erträge zur Grundlage haben, präsentieren sich vielschichtiger und intensiver im Glas. Dafür ist Mengenreduzierung beim Rebschnitt und später bei der Grünlese Voraussetzung.

Aber auch wenn ein hochwertigerer Trollinger hergestellt wird, müsse auf einem Teil der jetzigen Anbaufläche ein Sortenwechsel vorgenommen werden, so die offizielle Strategie der Felsengartenkellerei. „Trollinger ab 80 Grad Öchsle, die wir bei Mengenreduzierung jetzt schon erreichen, ist durchaus vermarktungsfähig. Hier ist eine gute Werbestrategie gefordert“, sagt ein älterer Ingersheimer Weinbauer. „Überall werden regionale Produkte hervorgehoben. Da kann es nicht sein, dass wir diesen typisch württembergischen Wein, den es nur bei uns gibt, zugunsten von überall wachsenden Rebsorten aufgeben.“ Dass man auf die regionale Werbeschiene setzen muss, darin ist man sich auch durchaus einig, nur entscheidet letztendlich das Kaufverhalten. Auch wenn Trollinger auf deutschem Boden fast nur in Württemberg angebaut wird, macht sich dieses Alleinstellungsmerkmal nicht bezahlt. Wer Trollinger kauft, will in der Regel einen preiswerten Wein.

„Ein Trollinger trocken ausgebaut als Rosé, im Sommer gekühlt auf der Terrasse zu einem Camembert getrunken, ist wunderbar“, sagt der Benninger Claus-Peter Hutter, Leiter der Umweltakademie Stuttgart und Mitautor des Werkes „Das große Baden-Württemberg Weinbuch: 111 Weingüter, Winzer und Wengerter“. Doch auch wenn er selbst gern mal ein Viertele Trollinger genießt, sieht er wie Reustle das Missverhältnis zwischen schwieriger Bearbeitung und Erlös des einfachen Weins.

Autor: