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Historie

Wozu die Kelten alles imstande sind

„Sonntag der Kelten“ wieder Ausflugsziel für die ganze Familie – Museumsleiterin Simone Stork lädt zum Abschied 20 altbekannte Personen ein

Beim Keltensonntag gibt es viele Mitmach-Programme für Kinder, aber auch viel Informationen über alte Handwerkskunst für die Erwachsenen.Fotos: Ramona Theiss
Beim Keltensonntag gibt es viele Mitmach-Programme für Kinder, aber auch viel Informationen über alte Handwerkskunst für die Erwachsenen. Foto: Ramona Theiss
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Eberdingen. Der „Sonntag der Kelten“ ist eine Attraktion und lockt viele Besucher zum Keltenmuseum. Dabei sorgt Museumsleiterin Simone Stork zu ihrem Abschied für einen besonderen Zuschnitt des Programms.

Der erste Sonntag im Juni gehört den Kelten. Jedenfalls in Hochdorf mit dem zugehörigen Keltenmuseum, wo der „Sonntag der Kelten“ ein Fest ist. Und ein Ausflugsziel für die ganze Familie, wie sich nun bei der 16. Auflage wieder zeigte. Kein Wunder, wenn es sogar kompakte Kinderführung zur rekonstruierten Grabkammer des berühmten Keltenfürsten gibt! Und jede Menge Mitmach-Programm.

Selma und Jule zum Beispiel basteln gerade an Freundschaftsbändchen aus robuster Wolle, von Karin Gläßle-Sieler aus Schafwolle gesponnen und gefärbt. Mit Substanzen aus jenen Pflanzen, die sie in dem von ihr ehrenamtlich betreuten „Färbegarten“ zieht. Zur Abgrenzung gegen die Wiese werkelt ihr Mann Max an einem Flechtzaun aus Weiden- und Haselnuss-Ruten. Die einschlägigen Pflanzen kennt er natürlich: Zwergholunder und Waid für Blautöne, die Wurzel des Färbetrapp für Rot, Rainfarn, Kamille und Königskerze für Gelb. Und nebenbei ergibt sich ein Tauschhandel mit einer Besucherin, die die frische Schur von Coburger Fuchsschafen hat. Ein Geschenk, für das sie ein Körbchen Wolle kriegt.

Ein Hit ist es, fertige Schwerter und Schilde zu bemalen, was hier nicht nur Jungs machen. Meditativ wirkt dagegen, Feuerböcke zu modellieren. Also mondsichelförmige Objekte, die den Kelten wohl zur Stütze des Holzes beim Herdfeuer, mithin zur besseren Sauerstoffzufuhr gedient hatten, wie Antje Langer weiß. Die Archäologie-Studentin aus Tübingen ist auch sonst aktiv im Museumsprogramm, etwa bei pädagogischen Aktionen. Stempeln wie die Kelten kann man in einer weiteren Töpferwerkstatt, während gegenüber die Späne fliegen.

Dort sorgt der Eberdinger Zimmermann Michael Truckses, der einen Meisterbetrieb für ökologischen Holzbau und Restauration hat, für ordentlich Auflauf. Zwei Stämme sind aufgebockt, an der frisch geschlagenen Lärche aus dem heimischen Wald ist Geselle Philipp Hutter dabei, einen Balken zu formen. In klassischer Manier, per Behau mit der leicht schräg laufenden Fällaxt: „Bei historischen Gebäuden braucht man das manchmal im sichtbaren Bereich“, erklärt er den Umstehenden, für die solche Handwerkskunst Neuland ist. Und Staunen erregt auch Andreas Schweikert, der behände zwei Blasebälge aus Schweinsleder bedient und in seiner mobilen Schmiede etwa Pfeilspitzen, Anhänger und Feuerschläger fertigt: „Die Feuerzeuge der Kelten!“, zeigt er sich überzeugt.

Im großen Hofhaus des Keltendorfs ist Coiras Handwerkerlager aufgebaut. Immer schön weg vom Körper schnitzen!“, lautet die Anleitung für Amadeus und Lev, die eine Nadel aus Holz formen. Hier wird auch gewoben, gestrickt und gesprangt, also eine netzförmiges Textil aus dünner Wolle gefertigt.

Ein Treiben, das Simone Stork mit Wohlgefallen betrachtet: „Wir wollen altes Handwerk zeigen und so dafür sensibilisieren, was die Kelten auf diesem Gebiet zu leisten imstande waren.“ Es ist Storks 16. und letzter Keltensonntag, denn im August geht sie in Ruhestand: „Zum Finale habe ich 20 Personen eingeladen, die schon lange mit dem Museum verbunden sind und die wirklich was können“, betont Stork – und zwar unter einem Aspekt, der sich zu einer Grundsatzerklärung auswächst: „Weil es von den Kelten keine Belege für eine Schriftkultur gibt, besteht die Neigung ihre Kultur nicht zu den Hochkulturen zu zählen. Solches Ranking halte ich für falsch. Wichtiger ist, welche Antworten Menschen auf die Notwendigkeiten ihrer Zeit finden.“ Handwerkliche Fertigkeiten hätten bei den Kelten eine überragende Rolle gespielt: „Dies hier in der entsprechenden Qualität zu zeigen, das war mit immer wichtig, denn das lässt bei den Besuchern Verständnis und Wertschätzung für die Kelten insgesamt wachsen“, betont Stork, die sich selbst als „Hardlinerin in der Verweigerung spekulativer Interpretationen“ bezeichnet. Ihr gefällt das Konkrete. Also auch an ihrem letzten Keltensonntag, „wie neugierig die Besucher sind und wieviel Begeisterung ich in den Gesichtern sehe“. Da schmeckt so ein Keltenbraten mit Kruste samt dem kühlen Hochdorfer gleich doppelt gut.

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