16. April 2014

Analyse: «Volksrepublik Donezk»

Donezk (dpa) - In der zweiten Woche ihrer fragwürdigen Existenz besteht die «Volksrepublik Donezk» aus einem Haufen besetzter Gebäude - und einer eigenen Fallschirmjägereinheit. Zumindest, wenn man den Separatisten glaubt, die das anführen, was sie selbst als Volksrebellion in der Ostukraine bezeichnen.

Panzer in Slawjansk
Pro-russische Bewaffnete klettern in Slawjansk in einen Panzer. Foto: Roman Pilipey
dpa

«Wir haben jetzt unsere eigene Armee von Fallschirmjägern», erklärt Miroslaw Rudenko, der selbst ernannte Kommandeur der «Volksmiliz», am Mittwoch vor dem elfstöckigen Regionalverwaltungsgebäude im Zentrum von Donezk. Rudenko, ein junger Mann mit weißem T-Shirt, bezieht sich dabei auf Berichte aus Kramatorsk. In der Stadt 80 Kilometer nördlich von Donezk, so behaupten bewaffnete prorussische Separatisten, ist eine Lufteinheit der ukrainischen Armee übergelaufen - statt dieProteste niederzuschlagen.

Zivile Aktivisten hätten menschliche Schutzschilde gebildet, um das ukrainische Militär aufzuhalten, fügt Rudenko hinzu. Die Regierungsgegner fürchten, dass die Führung in Kiew ihre Proteste mit blutiger Gewalt niederschlagen wolle. «Die Stürmung dieses Gebäudes kann jeden Tag passieren», warnt ihr Sprecher Alexander Chrjakow.

Die Besetzer haben russische Flaggen gehisst und Banner mit Aufschriften wie «Faschismus stoppen». Das soll die auch von Moskau immer wieder ins Feld geführte Behauptung unterstreichen, dass hier rechtsextreme Ultranationalisten aus dem Westen des Landes die Kontrolle übernehmen und Jagd auf ethnische Russen machen wollten. Beweise dafür gibt es nicht.

Das Gebäude ist mit Reifen, Sandsäcken sowie Nato-Draht verbarrikadiert. Innerhalb der Barrikaden sind Pflastersteine angehäuft, die Aktivisten haben nach eigenen Worten auch zahlreiche Brandsätze vorbereitet. Dutzende Unterstützer stehen vor dem Gebäude, während ein orthodoxer Geistlicher Spenden einsammelt. Anders als in Kramatorsk tragen die Aktivisten keine sichtbaren Schusswaffen. Unter ihnen sind aber viele Maskierte, die ihre Schlagstöcke schwingen.

Es mögen nur einige Hundert Besetzer sein. Sie beanspruchen aber, für die Mehrheit der örtlichen Bevölkerung zu stehen. Ihr Held ist Russlands Präsident Wladimir Putin. «Er ist ein echter Mann», sagt ein Aktivist vor dem Gebäude.

Die Protestanführer haben noch nicht klargestellt, ob ihr Ziel ein unabhängiger Staat oder die Zugehörigkeit zu Russland ist. Ein bärtiger Mann, der die Treppen des Hauses bewacht, stellt sich selbst als prorussischer Kosaken-Führer vor. Die Ukraine habe sich als Staat überlebt, sagt er. «Diese 23 Jahre, in denen versucht wurde, die Ukraine aufzubauen, haben in einen Abgrund geführt.»

Aber bereits gegenüber der Regionalverwaltung, auf dem grünen Puschkin-Boulevard, ist es schwer, Anhänger der Aktivisten zu finden. Ein junger Eisverkäufer sagt, er unterstütze die Proteste, aber er wolle nicht in Russland leben. «Die Regierung in Kiew ist illegitim, aber Donezk hat doch immer zur Ukraine gehört.» Viktor Gratschjow, ein pensionierter Mittelstürmer des legendären Fußballvereins Schachtjor Donezk, spricht sich ebenfalls entschieden gegen ein Auseinanderbrechen des Landes aus. «Wir sind alle Ukrainer», sagt er.

Gegner des Aufstands sind vor allem junge und gebildete Donezker. Kaum ein Drittel der Einwohner unterstütze die Abspaltung der Region von der Ukraine, ist sich Professor Igor Todorow von der Nationalen Universität Donezk sicher. «Das ist eine Randbewegung, und ihre Anführer kennt kein Mensch», sagt er. Wie auch die ukrainische Regierung glaubt Todorow, dass die Separatisten mit direkter Hilfe aus Moskau losgelegt haben.

«Das ist das Ergebnis eines russischen Spezialeinsatzes, der im März begann, gleich nach dem Sturz von Präsident Viktor Janukowitsch», sagt der Dozent. Trotzdem: Der Zuspruch für die Protestler sei in jedem Fall besorgniserregend, betont die Donezker Soziologin Lina Nikonenko. «Das zeigt, dass alle Bemühungen, eine ukrainische Nationalidentität zu errichten, sehr schwach waren.» Besonders die sozialen Probleme wie hohe Arbeitslosigkeit, niedrige Löhne und steigende Preise haben die ansonsten eher teilnahmslose Bevölkerung nach Meinung von Experten zuletzt immer mehr politisiert.

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