13. Juli 2013

Analyse: Belagerungszustand auf Terminal F

Moskau (dpa) - Edward Snowden geht in die Offensive: Nach fast dreiwöchiger Hängepartie im Transitbereich des Moskauer Flughafens Scheremetjewo lud er für Freitag aus heiterem Himmel Menschenrechtler zum Gespräch.

Journalisten in Moskau
Journalisten drängen sich am Moskauer Flughafen. Foto: Sergei Ilnitsky
dpa

Bei diesem ersten öffentlichen Auftritt seit seiner Flucht wollte er über seine Zukunft reden. Und dafür danken, dass Länder wie Venezuela, Bolivien und Nicaragua ihm mutig Asyl angeboten hätten. «Sie haben den Respekt der ganzen Welt verdient», hieß es in einer Erklärung Snowdens, die Juristen und Menschenrechtler am Freitag samt Einladung zum Gespräch erhielten.

Journalisten sind zu dieser ersten Begegnung von Offiziellen mit Snowden im Terminal F von Moskaus größtem Airport nicht eingeladen. Gleichwohl erinnert die Lage in der Flughafenhalle an einen Belagerungszustand - die Hoffnung der mehr als 200 Reporter: endlich ein Augenzeugenbericht, dass der 30-Jährige tatsächlich hier ist. Denn seit seiner Ankunft aus Hongkong mit einer Aeroflot-Maschine am 23. Juni um 17.05 Uhr (Ortszeit) gilt der US-Bürger ohne gültigen Pass als «Phantom von Moskau».

Niemand hat ihn bisher gesehen im Transitbereich, in dem es auch Bars, Restaurants und Unterkünfte gibt. Aber Kremlchef Wladimir Putin hat nicht nur einmal bestätigt, dass Snowden sich auf dem Airport aufhalte, ohne die russische Staatsgrenze überschritten zu haben. Im Transitbereich kann der wegen Geheimnisverrats von den USA Gejagte leben, solange er will. Das hat Russland immer wieder betont.

«Es gibt keine Begrenzungen. Alles hängt nur von der Größe des Geldbeutels ab», erklärt der Direktor der mächtigen russischen Einwanderungsbehörde, Konstantin Romodanowski. Der einflussreiche Funktionär hat wie zuvor auch Wladimir Lukin, der Menschenrechtsbeauftragte der russischen Regierung, angeregt, der Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen möge sich um Snowdens Schicksal kümmern. Auch die Vereinten Nationen stehen auf der Liste des Moskauer Treffens.

Bisher hat der Amerikaner keines der Asylangebote aus mehreren lateinamerikanischen Staaten angenommen - wohl nicht zuletzt deshalb, weil er sieht, wie scharf die USA Hilfswilligen wie Venezuela drohen. Auch Russland lehnt es mit Blick auf die in den USA angewendete Todesstrafe ab, Snowden dorthin auszuliefern. Sollten die Vereinten Nationen Snowden Schutz gewähren, entspräche dies aus Sicht von Beobachtern klar der außenpolitischen Linie Moskaus. Der Kreml setzt in internationalen Konfliktfällen traditionell auf die UN.

Die Begegnung mit Bürgerrechtlern bedeute, dass Snowden seinen Status als politischer Dissident und Kämpfer gegen Menschenrechtsverstöße festigen wolle, twittert der prominente russische Außenpolitiker Alexej Puschkow. Zwar hat Snowden ein Asylangebot Russlands abgelehnt. Doch so ganz ausschließen will diese Variante weiter niemand in Moskau.

«Ich erwarte, dass Snowden wohl in Russland Asyl beantragt. Ich sehe sonst keinen Grund, die Menschenrechtler einzuladen», meint der Präsident der russischen Anwaltskammer, Genri Resnik, einer der Eingeladenen. Vor allem aber gilt die Initiative Snowdens als erster greifbarer Versuch, das Problem aus der Sackgasse zu manövrieren. Die Ungewissheit um Snowdens Zukunft gilt seit längerem auch als extreme Belastungsprobe für die ohnehin gespannten Beziehungen zwischen Moskau und Washington.

Snowdens Einladung via Lokschina bei Facebook

Puschkow bei Twitter

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