02. März 2013

Analyse: Durch Transparenz zu Diskussion

Rendsburg (dpa) - Ein nüchtern eingerichteter Stall - sauber, aber ungemütlich. In zwei Boxen liegen Mutterschweine mit ihren Ferkeln auf Gitterrosten. Die Sauen sind mit einem Bügel fixiert. Das soll verhindern, dass sie ihre Ferkel erdrücken. Diese Bilder aus dem Schweinestall von Werner Schwarz, dem Verbandspräsidenten des Bauernverbandes Schleswig-Holstein, erhitzen die Gemüter. Auf der Facebook-Seite des Verbandes diskutieren Nutzer eifrig: Ist das Tierquälerei oder nicht? Werden die Schweine artgerecht gehalten oder müssen sie leiden.

Webcam im Schweinezuchtbetrieb
Der Screenshot zeigt die Internetseite des Bauernverbands Schleswig-Holstein mit einem Webcam-Bild aus dem Sauenstall auf dem Hof von Werner Schwarz. Foto: Christian Charisius
dpa

Die Aufnahmen stammen von der bundesweit ersten Webcam, die Livebilder aus einem Schweinezuchtbetrieb überträgt. Der Bauernverband und Schwarz wollten damit Transparenz schaffen - zeigen, wie es tatsächlich in einem Stall aussieht. Die konventionelle Tierhaltung, wie Schwarz sie betreibt, ist in Deutschland die Regel. Sie ist wirtschaftlich optimiert und hat mit dem Bild vom glücklich im Stroh wühlenden Schwein nichts gemein. Die Kritik, seine Tiere würden nicht artgerecht gehalten, weist Schwarz zurück: «Ich kann mit dem, was ich mit meiner Tierhaltung mache, ruhig schlafen, weil es genehmigt und von Baubehörden und Veterinären geprüft ist.»

«Ich will nicht sagen, dass es in allen Ställen in Ordnung ist», räumt Schwarz ein. «Aber bis jetzt gibt es doch nur das Bild des armen kranken Tieres, das leiden muss, oder das Tier auf der grünen Weide, das nur noch glücklich ist. Aber das ist beides nicht die Realität.»

Die Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein begrüßt die Bemühungen des Bauernverbandes. Sie fände es gut, wenn sich noch mehr Landwirte um Transparenz bemühten und beispielsweise ebenfalls Webcams in ihren Ställen anbrächten, sagt Gudrun Köster. Sie ist bei der Verbraucherzentrale für Lebensmittel und Ernährung zuständig. Transparenz könne das Bewusstsein der Verbraucher dafür stärken, wie Tierhaltung tatsächlich aussehe. Nicht zuletzt wegen der Werbung hätten viele Leute ein idealisiertes Bild von der Landwirtschaft im Kopf. «Das ist kein Vorwurf an die Verbraucher, aber so sieht die Wirklichkeit nicht aus», meint Köster.

Auch die Bilder von gequälten, blutig gebissenen oder sich hackenden Tieren zeigten nicht den Normalfall. «Die Debatte ist geprägt von extremen Gegensätzen, die Realität sieht anders aus», sagt Köster. Zu zeigen, wie es in den Ställen zugehe, sei ein wichtiger Schritt. Es sei gut, wenn sich die Bauern selbst um die Transparenz kümmerten. Wer etwas verändern wolle und sich um Tierschutz bemühe, müsse eben wissen, wie die Wirklichkeit aussehe.

Und die ist nicht immer schön - auch wenn man an die vielen Mastställe denkt. Aus Sicht von Schwarz sind die aber zur Befriedigung der Nachfrage notwendig. «Wir haben heute einen Bedarf an Nahrungsmittel der gigantisch ist», sagt der Bauernpräsident. Allein Hamburg brauche jeden Tag 40 000 Hähnchen. «Und diese Mega-Hähnchenmastställe haben gerade mal 40 000 Hähnchen in einem Durchgang. Und ein Durchgang benötigt 45 Tage. Wir brauchen 45 Ställe mit je 40 0000, nur um Hamburg jeden Tag zu versorgen. Sollen wir den Hamburgern sagen, ihr bekommt keine Hähnchen mehr?» fragt Schwarz.

Die Wirklichkeit in Schwarz' Stall hat viele Internetnutzer empört. Er habe einen richtigen Shitstorm erlebt, sagt Schwarz. Das ging soweit, dass er mit Kinderschändern verglichen wurde. Er schaltete die Kamera für einige Tage ab. Jetzt gebe es immer noch viel Kritik, aber es werde eben nicht nur geschimpft, sondern auch diskutiert. «Und damit wurde erreicht, was ich, was der Verband erreichen wollte, dass wir in die Diskussion kommen», sagt Schwarz. «Und wenn wir sachliche Argumente dafür finden, dass etwas getan werden muss, sind wir sicherlich bereit das zu tun und können dann auch beziffern, was das kostet.» Eine unsachliche Debatte bringe weder die Verbraucher noch die Tierhalter weiter.

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