22. September 2014

Analyse: Flucht aus der «Geisterstadt» Ain Al-Arab

Istanbul/Kairo (dpa) - Ain Al-Arab war vielen Syrern ein sicherer Hafen im Bürgerkrieg. Nun fliehen die Menschen panisch vor den anrückenden IS-Terroristen. Die PKK erklärt die Verteidigung der Stadt zur Frage der Ehre.

Flucht in die Türkei
Flucht in die Türkei: Syrer warten an der Grenze. Foto: Ulas Yunus Tosun
dpa

Die Terrormiliz Islamischer Staat rückt im Norden Syriens immer näher an die Türkei heran, und die Folgen bekommt der Nato-Partner immer deutlicher zu spüren. Vize-Ministerpräsident Numan Kurtulmus sagte am Montag, alleine seit der Grenzöffnung am Freitag seien mehr als 130 000 Menschen in die Türkei geflüchtet.

Zum Vergleich: Deutschland hat bislang die Aufnahme von 20 000 Syrern zugesagt. Mehr als 1,3 Millionen Flüchtlinge vor allem aus Syrien haben inzwischen in der Türkei Zuflucht gesucht - und die Zahl nimmt zu, je weiter IS vorrückt.

Inzwischen stehen die Terroristen fast vor den Toren der Grenzstadt Ain al-Arab, die die kurdischen Bewohner Kobane nennen. «Der Ort ist wie eine Geisterstadt», sagt Rami Abdel Rahman von der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Mehr als 150 000 Menschen seien seit vergangener Woche vor allem in die Türkei geflohen.

Ein von der kurdischen Nachrichtenseite Welati zitierter Anwohner sagt, zurückgeblieben seien vor allem bewaffnete Männer, die sich in ihren Häusern verschanzten. «Es herrscht ein Gefühl der Angst.»

In einem Blitzangriff hatte die Miliz in der vergangenen Woche mehr als 60 vor allem kurdische Dörfer rund um Ain al-Arab eingenommen. Die Kurdin Havaron Sharif von der syrischen Nationalen Koalition sagt, im Osten stünden die Terroristen nur noch acht Kilometer vor Ain al-Arab, im Westen zwölf Kilometer und im Süden 15 Kilometer.

Nur im Norden ist Ain al-Arab durch die türkische Grenze geschützt. Vom letzten Haus in Ain al-Arab bis zum Schlagbaum sind es rund 60 Meter. 60 Meter, die schon bald einen Bürgerkrieg von einem sicheren Zufluchtsort trennen können.

Lange Zeit galt Ain al-Arab als sicherer Zufluchtsort im syrischen Bürgerkrieg. Kurdische Bürgerwehren hatten die 50 000-Einwohner-Stadt beschützt und gemeinsam mit zwei weiteren kurdischen Städten zur Enklave erklärt. Vom Krieg des Regimes von Baschar al-Assad gegen dessen Gegner schien Ain al-Arab unberührt. Selbst Syrer aus dem Landesinneren kamen in die Region, um Schutz vor dem Bürgerkrieg zu suchen. Rund 200 000 sogenannte Binnenflüchtlinge sollen sich nach UN-Angaben zuletzt dort aufgehalten haben.

Die IS-Terrormiliz hat in der Stadt Al-Rakka rund 110 Kilometer südlich von Ain al-Arab eine Hochburg errichtet. Und die Extremisten kontrollieren bereits zwei Grenzorte zur Türkei östlich und westlich von Ain al-Arab.

Der Angriff war laut dem amerikanischen «Institute for the Study of War» nur eine Frage der Zeit. Die kurdischen Kräfte seien für den IS «eine Bedrohung wichtiger Kommunikationswege entlang der Grenze». Im März und April hatten IS-Kämpfer bereits zwei ergebnislose Angriffe auf Ain al-Arab gestartet.

Die Kurden ziehen ihre Kämpfer nun bei Ain al-Arab zusammen, um zu vermeiden, dass die Stadt an die Dschihadisten fällt. Die in der Türkei verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK rief alle Kurden zum Kampf gegen IS auf. «Wenn wir heute nicht widerstehen können, wann werden wir je widerstehen können?», hieß es in der Mitteilung. «Jetzt ist die Zeit, unsere Ehre zu verteidigen.» Den Dschihadisten werde es nicht gelingen, Ain al-Arab einzunehmen, «welche Kräfte auch immer hinter ihnen stehen und wie groß ihre Waffen auch sind».

Wen die PKK hinter der Terrormiliz vermutet, daraus macht sie keinen Hehl: Sie verdächtigt die türkische Regierung, die Dschihadisten zu unterstützen. «Jede Kugel, die von der IS-Verbrecherbande auf den Norden Kurdistans abgefeuert wird, ist vom türkischen Staat abgefeuert worden», hieß es in der Mitteilung. Die Kurden sollten «entsprechenden Widerstand leisten».

Bei der Regierung in Ankara, die bereits mit der Flüchtlingskrise zu kämpfen hat, dürften solche Aussagen Sorge hervorrufen. Eigentlich bemüht sich die islamisch-konservative Regierungspartei AKP um einen Friedensprozess mit der PKK, die im vergangenen Jahr einen Waffenstillstand erklärte.

Am Sonntag gingen in Istanbul bereits Tausende Anhänger linker und kurdischer Gruppen auf die Straße. An der Spitze des Demonstrationszuges trugen ältere Frauen in traditioneller kurdischer Kleidung ein Transparent, und auf dem zu lesen stand: «Mörder IS, Kollaborateur AKP!»

"Study of War"-Analyse

PKK-Mitteilung

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