03. Oktober 2012

Analyse: Türkei will in Syrien nicht zur Kriegspartei werden

Istanbul (dpa) - Die türkische Regierung steht im Syrien-Konflikt ganz klar auf der Seite der Opposition. Trotzdem hat sich Ankara in den vergangenen Monaten nicht dazu hinreißen lassen, direkt im Nachbarland zu intervenieren.

Dass die türkische Armee jetzt, wo fünf Zivilisten von Granaten aus dem Nachbarland getötet wurden, erstmals zurückgeschossen hat, bedeutet nach Einschätzung syrischer Beobachter noch nicht, dass die Türkei in Syrien jetzt Kriegspartei ist. Vielmehr wird der Artilleriebeschuss von mutmaßlichen Stellungen der Regimetruppen als gesichtswahrende Maßnahme einer Regierung gewertet, die nicht als schwach dastehen möchte.

Die syrischen Oppositionellen geben sich seit Tagen so siegessicher wie nie zuvor. «Gebt uns 24 Boden-Luft-Raketen und 24 Panzerabwehrraketen, dann ist das Spektakel in wenigen Wochen vorbei», sagt ein Exilant, der jeden Tag für den Sturz von Präsident Baschar al-Assad betet. «Und falls ihr Angst habt, das Zeug könnte militanten Islamisten in die Hände fallen, dann schickt doch gleich ein paar US-Soldaten mit, die sie bedienen, oder türkische Offiziere.»

Der «Independent» schrieb kürzlich, exakt die Waffen, die sich die Oppositionellen in dieser entscheidenden Phase des Bürgerkrieges wünschen, stünden bereits in der Türkei bereit. Die mit Hilfe des Golfemirats Katar beschafften Raketen seien aber bislang noch nicht an die Rebellen geliefert worden. Sie würden erst nach Syrien gebracht, wenn es den bewaffneten Regimegegnern gelungen sei, sich auf eine gemeinsame Kommandostruktur zu einigen.

Denn die von Deserteuren gebildete Freie Syrische Armee (FSA) ist in mehrere Fraktionen gespalten. Die islamistischen Freiwilligen-Brigaden und viele lokale Bürgerwehren entziehen sich bislang jeder Kontrolle.

Zwar berichtete der arabische Nachrichtensender Al-Dschasira am vergangenen Wochenende exklusiv von einem Treffen der FSA-Kommandeure in der Provinz Idlib, bei dem sich etwa zwei Dutzend Offiziere zu einem gemeinsamen Kommando zusammenschlossen. Doch etliche Kommandeure blieben dem Treffen fern.

«Diese Gruppen, die sich da zusammengeschlossen haben, hatten sich von uns abgespalten, damit sie von den Golfstaaten Waffen geliefert bekommen», erklärt Malik al-Kurdi verbittert. Der Syrer gehört dem bereits im Juli 2011 gegründeten Flügel der FSA unter Oberst Riad al-Assad an, der mit den von den Saudis und Katarern unterstützten islamistischen Brigaden nichts zu tun haben will.

Außerdem ist der vom katarischen Herrscherhaus finanzierte Sender Al-Dschasira, der sehr wohlwollend über das Treffen in Idlib berichtete, im Syrien-Konflikt schon lange kein neutraler Beobachter mehr. Das Gleiche gilt für den zweiten maßgeblichen Nachrichtenkanal der arabischen Welt, den mit saudischem Geld finanzierten Sender Al-Arabija in Dubai, der diese Woche mit einer besonders merkwürdigen Story aufwartete.

Die Türkei ist überzeugt, dass die Granaten, die jetzt in einem Grenzdorf einschlugen, von den Truppen von Präsident Baschar al-Assad abgefeuert wurden. Doch auch die von den Golfstaaten unterstützten Rebellengruppen hätten nichts gegen einen Kriegseintritt der Türken.

«Türkische Piloten wurden auf Geheiß der Russen vom syrischen Regime getötet», meldete Al-Arabija unter Berufung auf angebliche Geheimdokumente, die ihm die Opposition zugespielt hatte. Aus den Papieren gehe hervor, dass sich die beiden Piloten der türkischen F4-Phantom, die Ende Juni von der syrischen Luftabwehr über dem Mittelmeer abgeschossen worden waren, zunächst retten konnten und erst später getötet worden seien.

Doch die Türkei winkte ab. Verteidigungsminister Ismet Yilmaz erklärte, die Behauptungen von Al-Arabija entbehrten jeder Grundlage. Doch für die Türken wird es zunehmend schwer, sich dem Konflikt im Nachbarland zu entziehen. Erst fielen Schüsse an der Grenze. Jetzt haben Granaten aus Syrien eine türkische Mutter und ihre vier Kinder getötet. Vielleicht ist das nun der von Assad angekündigte «Flächenbrand in der Region», vor dem der syrische Präsident schon seit Beginn des Aufstandes seiner Gegner im März 2011 warnt.

Die von der islamistischen AKP geführte Regierung sympathisiert schon lange mit den Zielen der syrischen Revolution. Auf ein militärisches Abenteuer in Syrien hatten die Türken bislang jedoch keine Lust - auch weil die innenpolitischen Konsequenzen fürchten mussten. Die westlichen Regierungen möchten das Gemetzel in Syrien zwar auch schnell beendet sehen. Doch sie befürchten, dass eine von der Nato durchgesetzte Flugverbotszone - etwa um in Syrien eine Schutzzone entlang der türkischen Grenze durchzusetzen - zum jetzigen Zeitpunkt nicht nur den Zivilisten und der FSA helfen würde, sondern auch den von den Golfarabern unterstützten Brigaden, denen vor allem Anhänger der Muslimbruderschaft und der radikal-islamischen Salafisten angehören.

Al-Dschasira-Bericht über Rebellentreffen bei YouTube, arabisch

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