01. März 2013

Analyse: Was würde ein Papst mit Popstar-Qualitäten bewirken?

Köln (dpa) - Die Sehnsucht ist groß nach einem Prediger, nicht nur unter Katholiken. Nach einem Menschen, der etwas zu sagen hat, weil er an etwas glaubt. «Dies ist der Moment, in dem wir zusammenkommen müssen, um den Planeten zu retten», ruft er.

Papst als Popstar?
Gläubige auf dem Petersplatz. Könnte ein Popstar auf dem Papstthron das erlahmende Interesse an der Kirche verändern? Foto: Michael Kappeler
dpa

«Lasst uns vereinbaren, dass wir unsere Kinder nicht in einer Welt zurücklassen, in der Ozeane anschwellen und Hungersnöte sich ausbreiten und furchtbare Stürme unsere Länder verwüsten», mahnt er, und 200 000 Menschen mitten in Berlin jubeln ihm begeistert zu.

Fast fünf Jahre ist das her, und der Redner war Barack Obama, damals noch nicht US-Präsident, aber Hoffnungsträger. Was wäre eigentlich, wenn die Kardinäle in Rom einen solchen Mann in ihrer Mitte fänden und zum Papst machten? Ein Prediger als Nachfolger des Professors? Einer, der nicht am Kirchenvolk zweifelt, weil es der Lehre und der Tradition kaum noch zu folgen vermag. Sondern der ruft «Yes, we can!» und damit einen Aufbruch der Katholiken bewirkt?

«Ja, aber...» lautet meist die Reaktion auf dieses Gedankenspiel. Natürlich müsse der Papst begeistern können, meint Hedwig Suwelack (28), aber letztlich gehe es doch um die Inhalte. «Auch jemand, der charismatisch ist, könnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Kirche große Probleme hat, wenn man an den Missbrauchsskandal denkt oder die Haltung der Kirche zu Homosexuellen», sagt Suwelack, eine Theologin und Germanistin, die in Leipzig ihre Doktorarbeit schreibt.

Es gibt genug Leute, die nach Sinn suchen, nach Spiritualität und sogar nach religiösen Symbolen. Den Buddha für den Garten gibt es im Baumarkt, und wer sein Haus nach den Regeln des Feng Shui gestaltet, wird im Freundeskreis auf viel Interesse stoßen. Aber Kreuze hängen immer seltener in den Wohnungen, und die Meditation über fernöstliche Mantras macht mehr Leute neugierig als das Rosenkranzgebet. Schick ist die katholische Kirche nicht, erst recht nicht für Jugendliche.

«Als ich jung war, vor 30 Jahren, suchten wir etwas Alternatives, wir wollten Dinge anders machen», erinnert sich Wigbert Scholle, katholischer Pfarrer in Erfurt. In der DDR blühten kirchliche Jugendgruppen. «Wir waren anders, und wir fühlten uns wohl dabei. Heute will ein Jugendlicher, wenn ich das richtig beobachte, nicht alternativ sein, sondern attraktiv. Er will gut aussehen mit dem, was er macht. Und da hat er mit Kirche im Moment ganz schlechte Karten.»

Wäre es vielleicht denkbar, dass ein begnadeter Menschenfischer als Nachfolger Petri das herumreißt? Einer, dem die Herzen zufliegen wie dem Dalai Lama? Das habe es doch schon gegeben, meint Professor Klaus Müller: «Papst Johannes Paul II. war solch ein katholischer Popstar, würde ich sagen, der weit über die Grenzen der katholischen Kirche hinaus Faszination auslöste.» Charismatische Phänomene seien aber oft nur Strohfeuer, warnt Müller, der an der Universität Münster das Seminar für Philosophische Grundsatzfragen der Theologie leitet.

Es sei eine verzwickte Gratwanderung. «Man braucht einerseits diese Glut, auch der Emotionen. Das ist wichtig, das gehört zur Religion dazu. Und gleichzeitig darf man das nicht einfach wie einen Lavastrom laufen lassen, sondern es muss ein Stück weit kanalisiert werden, auch, um die Einheit der Kirche wahren zu können.» Eine «Event-Religiosität» sei nichts Bleibendes, sagt Müller. «Wenn das Event vorbei ist, dann ist wieder etwas anderes dran.»

Nicht nur die Begeisterung für Obama ist verflogen. Wenn etwas von Dauer sein soll, brauche es Verbindlichkeit, aber die Bereitschaft dazu nehme ab, sagt Müller. Das Religiöse werde privatisiert. «Jede und jeder sucht sich ungefähr das aus, was ihnen guttut oder passt, und die anderen Dinge lassen sie kommentarlos beiseite.»

Mit Spiritualität to go ohne Pflichten lässt sich das gut machen. Da sei die Kirche anspruchsvoller, sagt Pfarrer Scholle. «Ich muss mich wirklich darauf einlassen und ein Stück weit binden, weil ich die Schätze der Kirche erst erlebe, wenn ich auch regelmäßig da bin.»

Andererseits fällt es nicht leicht, einfach mal hinzugehen, wenn man den Anspruch spürt, jeden Sonntag kommen zu müssen. «Der Schaden der Kirche kommt nicht von ihren Gegnern, sondern von den lauen Christen», formulierte Papst Benedikt XVI. Die «lauen» Christen, auch die «lauen» Katholiken, sind aber eindeutig die Mehrheit.

Was wäre, wenn der neue Papst auf sie zugeht, mit all ihrer Kritik, ihren Zweifeln, Nöten und Forderungen? Wenn er als guter Hirte, wie es im Johannes-Evangelium heißt, die «Schafe, die nicht aus diesem Stall sind», mit offenen Armen empfängt?

Ob die Kirche es schafft, wieder mehr Leute anzusprechen, hänge weniger vom Papst ab als vielmehr von den Gemeinden vor Ort, meint Christina Zöllner (23), eine angehende Religionslehrerin, die in Köln studiert hat: «Das steht und fällt im Kleinen, nicht an der Spitze. Und das können nicht nur die Pfarrer, das muss die ganze Gemeinde mittragen.» Die Doktorandin Hedwig Suwelack formuliert es so: «Es ist wichtig, dass Kirche in der Gesellschaft sichtbar bleibt, unabhängig davon, was die Menschen, um die sie sich kümmert, glauben oder sind.»

Wer in seelische Not gerät, klingelt jedoch selten beim nächsten Pfarramt. «Das liegt vielleicht daran, dass ich als Vertreter meiner Kirche wahrgenommen werde», sagt Jürgen Behr, Pfarrer in Remscheid bei Köln. Die Leute hätten klare Vorstellungen von der katholischen Lehre. «Und dann kommen nur diejenigen, die damit konformgehen.»

Behr ist aber auch Notfallseelsorger, und da macht er ganz andere Erfahrungen: Wenn Menschen nach einer Katastrophe ins Wanken geraten und die Feuerwehr einen Seelsorger anbietet, sagen viele Ja. «Sie wissen, dass da jemand kommt, der keine Mission betreiben, sondern der wirklich nur helfen will», sagt Behr und nennt das «Seelsorge pur»: «Da ist man frei von institutionellen Zwängen, da ist man nahe am Menschen. Ich vermute mal, nicht nur ich habe deswegen angefangen, Theologie zu studieren, um auf diese Weise Seelsorge zu betreiben.»

Seine Religion ist dann nicht seine Botschaft, sondern das, was ihm selbst hilft. Ohne seinen Glauben könnte er diese Arbeit nicht machen, sagt Behr: «Wenn das Elend einen anspringt - das könnte ich nicht aushalten, wenn ich nicht die Überzeugung hätte, dass Gott mir garantiert, dass es am Ende doch etwas Gutes gibt. Auch wenn ich das den Leuten so nicht sagen kann.»

Alles in allem wäre ein päpstliches «Yes, we can!» wohl willkommen bei vielen Katholiken, aber sie wissen auch, dass die Kardinäle keinen Messias wählen. Pfarrer Scholle drückt es so aus: «Wenn man auf die Papstwahl guckt, sollte man ganz ruhigbleiben. In unseren Gemeinden wird sich sehr wenig ändern, egal, welcher Papst da ist.»

Webseite Prof. Müller

Notfallseelsorge im Erzbistum Köln

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