23. September 2014

Angriffe machen Flüchtlingen Mut: «Endlich passiert etwas»

Suruc (dpa) - Die Kurdin Maha Mistu könnte einen Stein in ihr Heimatland werfen, so nah ist Syrien - doch zurück kann sie nicht. Sie sitzt mit ihrem Mann und ihren fünf Kindern im Schatten eines Baumes in Mürsitpinar an der türkisch-syrischen Grenze und wartet.

Flüchtlinge in Erbil
Flüchtlinge in einem Sammellager in Erbil. Foto: Mohamed Messara/Archiv
dpa

Sie will, dass die türkischen Sicherheitskräfte sie durchlassen - zurück in die Grenzstadt Ain al-Arab (kurdisch: Kobane). «Natürlich habe ich Angst vor IS, aber ich sterbe lieber in meinem Heimatland als hier.» Mit einer abfälligen Bewegung zeigt sie auf die staubige und trockene türkische Landschaft in ihrem Rücken.

Am Samstag war die 35-Jährige mit ihrer Familie vor der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) aus Ain al-Arab geflohen. IS hatte den Ort zuvor von drei Seiten eingeschlossen. Seitdem sind nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR 150 000 Menschen aus der hauptsächlich von Kurden bewohnten Grenzregion vertrieben worden. Die meisten flohen in die nahe Türkei, in der seit Beginn des Bürgerkrieges in Syrien schon 1,5 Millionen Flüchtlingen Zuflucht gesucht haben.

Die Behörden versuchen, die verzweifelten Neuankömmlinge so gut wie möglich auf die Region zu verteilen. Die einen bleiben bei Verwandten, die anderen in schnell hochgezogenen Zeltstädten. Mistu erzählt, sie habe mit ihren Kindern im Freien in der Nähe der Grenze geschlafen. Doch nun will Mistu zurück.

«Die Luftschläge der Amerikaner haben uns Mut gegeben», sagt sie. «Endlich passiert etwas. Warum hat der Westen dem Morden so lange zugeschaut?» Ihr Mann Hüssein Ibrahim nickt zustimmend. Um sie herum hat sich eine kleine Gruppe von Menschen gesammelt. Viele Flüchtlinge wollen nach ihren Häusern schauen, andere warten auf ihre Familie.

Einige Männer bedrängen die Grenzsoldaten. «Wir wollen nach Syrien und gegen IS kämpfen», ruft einer. Die Soldaten scheuchen die Syrer ungeduldig zurück. «Sie wollen verhindern, dass sie sich der PKK anschließen», sagt Mohammed Ali, ein Türke, dessen Haus direkt an der Grenze liegt. Der Grenzübergang Mürsitpinar bleibt am Dienstagnachmittag geschlossen.

An anderen improvisierten Übergängen kommen am Dienstag aber weitere Syrer in die Türkei. Nur fünf Kilometer von Mistu und ihrer Familie entfernt warten Flüchtlinge auf der syrischen Seite auf Einlass. Sie sind nur aus der Ferne zu sehen, stehen mit ihren Kühen und Schafen in der brennenden Sonne. Die UN und der türkische Katastrophenschutz bereiten den Einlass vor. Die Flüchtlinge sollen medizinisch untersucht und dann auf die Region verteilt werden.

Einige sind schon zuvor in der Stadt Suruc untergekommen, etwa 15 Kilometer von der Grenze entfernt. Die 40-jährige Salwa ist mit ihrem Mann und ihren drei Töchtern in einer Schule untergekommen. Rund 3000 Menschen werden hier versorgt. Kinder liegen dicht gedrängt neben ihren Eltern auf den kahlen Steinboden, ohne Kissen und mit einer dünnen Decke zugedeckt. Die Gänge hallen, das Licht ist grell, die Erinnerungen sind stark.

Salwas ist mit ihrer Familie vergangene Woche aus Ain al-Arab geflohen. «Es ging so schnell. Ich dachte, wenn wir bleiben, wird IS uns alle töten», sagt sie. Salwa zeigt an sich herunter. «Das hier ist alles was ich habe.» Sie trägt einen Pulli und einen langen Jeansrock. Ihre Füße stecken in weißen Sandalen.«Schauen Sie sich das hier an, überall sind kleine Kinder. Ich kann das kaum ertragen.»

Im Duschraum der Schule steht braunes Wasser knöchelhoch. In der Lache schwimmt eine Plastikflasche. Es stinkt verfault. Wie lange die Flüchtlinge hierbleiben müssen, wissen sie nicht. Salwa sagt, sie habe keine Verwandten in der Türkei, die sie aufnehmen könnten. Sie könne nur abwarten - und am liebsten würde auch sie wieder nach Ain el-Arab zurück. Sie wolle nur, dass dieser furchtbare Krieg aufhört, sagt Salwa. «Meine Töchter haben früher mit Puppen und Autos gespielt. Jetzt schnitzen sie Messer und wollen einander töten. Sie können keine Kinder mehr sein.»

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