Ludwigsburg | 20. April 2017

Brückenschlag zur Partnerstadt

Ditzingen. Bei ihr steht das ästhetische Spiel mit der Keramik im Vordergrund, er nimmt malerisch mit auf eine Expedition, bis der Boden trügerisch wird und das Motiv Illusion: Dieser Tage sind Christine Herbeau und David Lefebvre aus Ditzingens französischer Partnerstadt Rillieux-la-Pape zu Gast in der Städtischen Galerie am Laien.

Zwei Künstler mit einer Vielzahl imaginärer Welten: Christine Herbeau und David Lefebvre in der Ditzinger Galerie.
Zwei Künstler mit einer Vielzahl imaginärer Welten: Christine Herbeau und David Lefebvre in der Ditzinger Galerie.
Foto: Susanne Müller-Baji

Schwarz, Rot und ein bisschen Orange, das ist die Farbwelt von Christine Herbeau. Mehr braucht sie nicht, denn in der Beschränkung auf das Wesentliche und in der meditativen Suche nach der ästhetischen Form liegt die Kraft. Zuviel Bunt würde da nur ablenken und auch so scheinen die Möglichkeiten unendlich: Mal öffnen sich die Plastiken wie Blüten, mal verharren sie in monolithischer Strenge. Ein besonderes Augenmerk legt Herbeau dabei auf das Verhältnis von oxidschwarzem Körper zum farbigen Akzent aus Glasur.

Ein Zen-artiges Streben nach dem Perfekten im Vergänglichen kann man darin ausmachen, das noch dadurch unterstrichen wird, dass einige der Plastiken auch einen praktischen Nutzen haben: Wer bei den „Vases“-Arbeiten genau hinsieht, erkennt die Öffnung eines Gefäßes: Diese Arbeiten sind auf der Innenseite glasiert, wasserdicht und könnten auch im Zentrum traditioneller Ikebana-Blumenarrangements stehen.

Die Keramikerin erzählt, dass die Ditzinger Ausstellung nicht nur ihr erster Aufenthalt in der Partnerstadt sei, sondern dass sie auch zum allerersten Mal Deutschland besucht. David Lefebvre hingegen ist weit gereist und die vor Ort vorgefundenen Kulturschätze finden gerne Eingang in seine Arbeiten – so das gotische Gewölbe des Prager Veitsdoms, die maurischen Bögen Cordobas oder die jordanische Felsenstadt Petra.

Allerdings: Anders als im Original flimmert seine Architektur und spielt den Sinnen jeden Streich: Säulen sind ihr eigener Schatten, Treppen führen im Kreis und dabei als optische Täuschung à la Escher stets bergauf. Es sind nicht die einzigen Zitate: Auch Brueghels Turmbau zu Babel, Giovanni Battista Piranesis aberwitzige „Carceri“-Kupferstiche oder die leise Winterromantik Caspar David Friedrichs klingen in den Ölgemälden an.

Mit ihren wuchernden Gebäuden und dem perspektivischen Vexierspiel bilden die Bilder auch eine Parabel auf den Lebensweg mit seinen Unsicherheiten und Sackgassen. Lefebvre unterstreicht dies durch die winzigen Figuren, die er in fast allen Bildern versteckt hat, auch wenn man sie bisweilen erst nach eingehender Suche findet. Man könnte ihnen bei ihrem Weg durch die überbordende Architektur folgen, oder versuchen, die phantasmagorische Landschaft im Ganzen zu erfassen. Gelingen wird beides nicht.

Hinzu kommt eine literarische Komponente: Franz Kafka kommt einem in den Sinn und die von ihm beschriebenen Bollwerke, denen der einzelne Mensch machtlos gegenübersteht. Ganz klar ist die Verbindung im Gemälde „Foucaults Pendel“, inspiriert vom gleichnamigen Buch Umberto Ecos: Im Zentrum hängt die Hauptfigur, die so meisterlich Verschwörungstheorien entwickelte und mit der es gerade deshalb kein gutes Ende nahm. Perfide: In Lefebvres Gemälde nimmt eine Reihe von Konstrukteuren das Pendeln des Gehängten zum Anlass, bereits mit neuen Hängevorrichtungen und Lastenkränen zu experimentieren.

Ein Künstlerpaar, zwei Standpunkte und eine Vielzahl imaginärer Welten: Zum Ausstellungsrundgang sollte man Zeit und Muße mitbringen. Kafkas gesammelte Werke oder ein Band mit Zen-Gedichten machen den Kunstgenuss komplett.

Info: Die Werkschau ist bis 14. Mai in der Städtischen Galerie Ditzingen, Am Laien 3, zu sehen. Geöffnet ist die Ausstellung dienstags und donnerstags von 16 bis 18 Uhr sowie sonntags von 14 bis 17 Uhr.

Susanne Müller-Baji
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