Ludwigsburg | 05. Dezember 2016

Der Dauerstreit um das strahlende Erbe

Der Landrat versteckt sich in Schwieberdingen nicht hinter seinem Rednerpult. Rainer Haas schnappt sich das Mikrofon und geht auf sein Auditorium in der Turn- und Festhalle zu, das mit knapp 400 zumeist kritisch eingestellten Menschen gut gefüllt ist. Haas ruft dem Publikum zu: „So bin ich näher bei Ihnen.“ Dabei ist der Landrat mit seiner kreiseigenen Abfallverwertungsgesellschaft AVL gerade gefühlt besonders weit weg von den Menschen. Er muss sich am Donnerstagabend in Schwieberdingen ja auch stellen, weil in den vergangenen Jahren im Namen der AVL einiges schiefgelaufen ist auf den Deponien Froschgraben und Burghof in Vaihingen-Horrheim.

In Erklärungsnöten: Landrat Rainer Haas am Donnerstagabend in Schwieberdingen. Dort verteidigt der AVL-Aufsichtsratschef die Geschäfte mit dem Abfall aus Karlsruhe und Neckarwestheim. Die Gemeinde ist mit der Deponie Froschgraben direkt betroffen.
In Erklärungsnöten: Landrat Rainer Haas am Donnerstagabend in Schwieberdingen. Dort verteidigt der AVL-Aufsichtsratschef die Geschäfte mit dem Abfall aus Karlsruhe und Neckarwestheim. Die Gemeinde ist mit der Deponie Froschgraben direkt betroffen.
Fotos: Rebstock, Kuhnle (Archiv)

Der Atomschrott. Nach Recherchen unserer Zeitung muss die AVL im Sommer 2015 eingestehen, dass sie jahrelang heimlich Bauschutt aus dem Karlsruher Kernforschungszentrum in Schwieberdingen und Horrheim eingebaut hat. Der Landrat beteuert am Donnerstagabend erneut, von diesem Geschäft nichts gewusst zu haben – und relativiert. Über acht Jahre lang seien kaum mehr als fünf große Lastwagenladungen zu 30 Tonnen in Schwieberdingen angekommen. Dennoch zieht er Konsequenzen und ordnet an, dass künftig kein Material von auswärts mehr eingelagert werde. Das gelte auch für Asbestmüll aus Italien oder Schutt aus Heilbronn oder Philippsburg. „Wir werden solchen Müll nicht mehr annehmen“, so der Landrat.

Im kommenden Jahr sollen nach jetzigem Stand der Dinge zudem 3350 Tonnen freigemessene Abfälle aus dem Rückbau des Atomkraftwerks Neckarwestheim in den Kreis gelangen. Haas beruft sich auf eine gesetzliche Pflicht zur Entsorgung, weil Block I in Gemmrigheim und damit auf Kreisgebiet angesiedelt ist.

Die Gutachter. Sie kommen ins Spiel, weil Haas wissen will, wie gefährlich der Müll aus Karlsruhe wirklich ist. Die AVL beauftragt das Öko-Institut, das auch für das Land arbeitet und kürzlich attestiert hat, dass der Atomschrott aus Neckarwestheim unbedenklich sei. Die Gemeinde Schwieberdingen, die von dem Karlsruher Deal aus unserer Zeitung erfahren hat, bietet einen eigenen Experten auf.

Am Donnerstagabend verbreiten beide Gutachter die Botschaft, dass die Strahlenwerte des Karlsruher Mülls innerhalb der Grenzen liegen. Christian Küppers vom Öko-Institut: „Die Belastung auf dem Schwieberdinger Marktplatz ist höher als auf der Deponie.“

Die Experten ermitteln jedoch erhöhte Tritiumwerte im Sickerwasser, die künftig kontrolliert werden sollen. Ein Grund zur Sorge ist das für den Schwieberdinger Gutachter Franz Borrmann nicht. „Die Ergebnisse liegen unter dem Wert von 100 Becquerel pro Liter, der in der deutschen Trinkwasserverordnung gilt.“

Die Kritiker werden angeführt vom Schwieberdinger Mediziner und Sprecher der Bürgerinitiative Froschgraben-freigemessen, Dierk-Christian Vogt. Sie bekommen den stärksten Applaus. Vogt ist der Überzeugung, dass „es keine unbedenkliche Strahlenexposition gibt“. Seine Initiative wendet sich gegen Atomschrott-Tourismus und fordert, das strahlende Erbe aus Neckarwestheim dort zu belassen. Vogts Mitstreiter überreichen Haas in Schwieberdingen eine Sammlung mit fast 5500 Unterschriften.

Ihrem Begehren erteilten sowohl der Landrat und ein Sprecher des Umweltministers Franz Untersteller (Grüne) eine Absage. „Wir wollen in Gemmrigheim für 3350 Tonnen Schutt keine zusätzliche Deponie“, sagt Haas. „Die bestehenden Anlagen sind geeignet.“ Auch das Land hat andere Pläne. Untersteller schwebt vor, beide Meiler in Neckarwestheim komplett zurückzubauen. Sein Sprecher: „In Neckarwestheim soll die sogenannte grüne Wiese entstehen.“

Die Gemeinde. Schwieberdingens Bürgermeister Nico Lauxmann und sein Gemeinderat lehnen weitere Ablagerungen auf dem Froschgraben auch nach der Veranstaltung ab. „Wir kennen die Begründungen des Umweltministers und die Aussagen aus den Gutachten“, sagt Lauxmann. „Wir haben aber individuelle Erfahrungen mit dem Deponiestandort gemacht und eine große Verunsicherung innerhalb der Bevölkerung.“ Die Gemeinde will dafür werben, ob es nicht doch andere Handlungsalternativen für den Atomschrott gibt.

 

Die Geister, die sie riefen

 

Abfallpolitik funktioniert am besten, wenn man nichts von ihr spürt. Wenn weder Bedrohung noch Unsicherheit wahrgenommen werden, ist die Müllwelt im Zustand des Friedens angekommen. Weil die Geschichte jedoch lehrt, dass es den ewigen Frieden nicht gibt, und weil (im Gegenteil) recht viele Menschen im Kreis Ludwigsburg und darüber hinaus momentan einen Zustand hoher Unsicherheit empfinden, bleibt nur ein Schluss: Die Müllpolitik der kreiseigenen Abfallverwertungsgesellschaft AVL funktioniert nicht mehr.
Das hat der Landrat Rainer Haas als AVL-Aufsichtsratsboss mit zu vertreten. Es waren sein Geschäftsführer und sein technischer Leiter, die das Geschäft mit dem schwach radioaktiv belasteten Material aus Karlsruhe hinter seinem Rücken und unter dem Deckmantel der Verschwiegenheit eingefädelt haben.
Zur Unsicherheit hat auch der Umweltminister Franz Untersteller beigetragen, als er ein Anlieferungsverbot von als unbedenklich eingestuftem Abbruchmaterial aus Atomkraftwerken auf Deponien des Landes im Sommer aussprach und vor wenigen Tagen wieder aufhob.


Haas und Untersteller werden die Geister, die sie riefen, nicht mehr los. Da können die beiden noch so viele Gutachter aufbieten, die ihnen belegen, dass es etwa auf dem Schwieberdinger Schlosshof wegen der dortigen Granitplatten mehr strahlt als auf der Deponie. Oder dass ein Sack Kunstdünger aus dem Baumarkt nicht durch die Freimessanlage in Obrigheim kommt, der Abfall aus dem Block I in Neckarwestheim aber schon – man glaubt ihnen nicht mehr.
Wem die Abfallpolitik des Kreises und des Umweltministeriums nicht passt, der hat die Wahl – und die nächste kommt bestimmt. So läuft das in demokratischen Systemen.

Philipp Schneider
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