Ludwigsburg | 23. März 2018

Die Rockröhre trotzt den Klischees

Gianna Nannini begeistert über 2000 Fans in der MHP-Arena – Mit über 60 auf der Bühne topfit

Unkapriziöse Natürlichkeit: Gianna Nannini. Foto: Benjamin Stollenberg
Unkapriziöse Natürlichkeit: Gianna Nannini. Foto: Benjamin Stollenberg

LUDWIGSBURG. „Chiao Ludwigsburga! Alles klar?“ grüßt Gianna Nannini in die MHP-Arena, nachdem sie ihr Konzert mit einem ihrer ersten Hits eröffnet hat. Vollgas vom ersten Moment an. Mit den ersten Tönen von „Latin Lover“ erheben sich die rund 2000 Besucher in der gut gefüllten Halle. Die Fans eilen nach vorne, wo das italienische Energiebündel, zwar lässig in Weiß und roten Sneakern, aber ganz rockende Präsenz, die Bühne beherrscht.

Reibeisenstimme, Rockröhre – diese Begriffe dürfen in einem Text über Gianna Nannini nicht fehlen. Wohlan: Ihr raues Timbre, die berühmte Reibeisenstimme, sie raspelt kraftvoll wie eh und je. Topfit und gut bei Stimme präsentiert sich die 61-jährige italienische Rockröhre (nach anderen Quellen ist Nannini bereits 63) in Ludwigsburg. Knapp zwei Stunden währt die Show, das Programm eine dramaturgisch professionell gestaltete Mischung von Songs aus ihrem aktuellen Album „Amore Gigante“ und einem Querschnitt ihrer größten Hits.

Nannini ist in ständigem Kontakt mit ihrem Publikum: Sie nutzt nicht nur die gesamte Breite, sondern auch die Bühnentiefe, um mit dem Beginn jeder neuen Nummer wieder nach vorne gestürmt zu kommen. Sie deutet in ihrer charakteristischen Körpersprache ins Rund der Arena, federt in den Knien, reckt statuarisch die Faust in die Höhe, verteilt Kusshände in alle Richtungen.

Ein Wink von ihr genügt und die Menge klatscht im Takt. Ein Blick, ein Aufschrei. Graumelierte Italo-Schwaben in nietengeschmückten Bluesjeans stehen neben Mitgliedern weiblicher Fanclubs, die sich Italia-Schals um die Stirn geschlungen haben. Bei Nanninis typischen Dur-Refrains singen alle mit.

Sound wie in den Achtzigern

Auf eine Ballade folgt meist noch eine Powerballade – auch dies eine ausgesprochene Spezialität und Stärke von Nannini –, dann wird wieder abgerockt. „Piccoli particolari“ ist zwar von 2017, klingt aber mit seinem maschinell wirkenden Disco-Rock-Drumming wie aus ihren Anfängen in den Achtzigern, entstanden einige ihrer ersten Alben seinerzeit doch mit der deutschen Produzenten-Legende Conny Plank (Kraftwerk, Brian Eno, Eurythmics, Ultravox, Ideal, DAF).

Ziemlich unerschrocken, angstfrei und selbstbestimmt hat sich Nannini kurz zuvor mit dem ersten Hit „America“, der am Samstagabend das Finale einläutet, ein eigenes Terrain erobert, auf dem sie sich bis zum heutigen Tag ebenso behauptet. Das Abarbeiten von Klischees – wir sprachen weiter oben bereits davon – spielte dabei von Beginn an eine wichtige Rolle, bot Nannini doch so etwas wie einen Gegenentwurf zum hegemonialen, patriarchalischen Frauenbild der Zeit an. Nannini war alles andere als eine Schickse, ihre Musik Aufruf zu Protest, Aufruhr, Rebellion, durchaus auch in sexueller Hinsicht.

Auf dem Cover von „California“ drückte sie der Freiheitsstatue einen Vibrator in die Hand, aus ihrer Bisexualität machte sie keinen Hehl. Mit 54 (vielleicht auch 56) wurde sie Mutter einer Tochter – ihr erstes Kind. Unverantwortlich, meinten einige Kritiker. Eine reine PR-Maßnahme, war von anderer Seite zu hören. „Das ist deren Problem“, meinte Nannini: Ich habe mit dem Leben geantwortet.“

Diese Unabhängigkeit vom Urteil anderer ist es, für die Nannini nach wie vor bewundert wird. Und man muss nicht mal ein ausgesprochen großer Italo-Fan sein, um die drahtige Sängerin in ihrer unkapriziösen Natürlichkeit gut zu finden.

Nannini beeindruckt, unterstützt von einer souveränen, im Schnitt vermutlich mehr als 20 Jahre jüngeren, fünfköpfigen Band, sowohl performativ als auch mit ihrer großen Stimme ohne Abstriche. Mit „Bello e impossibile“, Nanninis größtem Hit, erreicht das Konzert seinen Siedepunkt, bei „Scandalo“ liegt sie am Boden und kickt mit einem Bein in die Luft. Drei Zugaben später endet die starke Vorstellung, deren wirklich einziger Wermutstropfen darin bestand, dass die immer wieder von Nannini dirigierten Publikumschöre stets durch die Lautstärke der drei Backgroundsängerinnen maskiert blieben. Gerade die aber hätte man bei einem Livekonzertdoch zu gerne gehört.

Harry Schmidt
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