Ludwigsburg | 29. Juni 2018

Die Schätze aus der Rumpelkammer

Entdeckt wurde das Depot beschädigter jüdischer Schriften unterm Synagogendach 1981, jetzt ist es komplett erschlossen. Und es zeigt sich: Die Freudentaler Genisa bietet der Forschung einen reichhaltigen und unerwartet bedeutsamen Quellenbestand, der bis ins frühe 18. Jahrhundert zurückreicht.

Eine kleine Ausstellung auf der Frauenempore der ehemaligen Freudentaler Synagoge zeigt einige Fundstücke aus der dortigen Genisa – und erinnert an deren Zustand bei ihrer Bergung im Jahr 1981 (links).Foto: Alfred DrosseI
Eine kleine Ausstellung auf der Frauenempore der ehemaligen Freudentaler Synagoge zeigt einige Fundstücke aus der dortigen Genisa – und erinnert an deren Zustand bei ihrer Bergung im Jahr 1981 (links).Foto: Alfred DrosseI

Als der Mainzer Judaist Andreas Lehnardt die Freudentaler Genisa vor zwei Jahren abholte, war der Inhalt des historischen Depots, das 1981 bei der Restaurierung der 1938 geschändeten und danach „arisierten“ Synagoge gefunden wurde, in 40 Kisten verpackt. Inzwischen hat Lehnardt diesen materiell unscheinbaren, für die Forschung aber äußerst kostbaren Quellenbestand fast komplett erschlossen, inventarisiert und nach Freudental zurückgebracht – nunmehr nach Gattungen sortiert und in 90 Kisten verpackt.

 

Einen ersten Blick auf die von ihm somit für die künftige Forschung zugänglich gemachten Funde ermöglichte der Mainzer Professor der Mitgliedersammlung des Pädadogisch-Kulturellen Centrums Ehemalige Synagoge Freudental – kurz PKC – am Donnerstagabend. Sein Resümee lässt sich in einer Kernaussage zusammenfassen: Was 1981 nach einer Rumpelkammer aussah, erweist sich nun als wahres Schatzhaus. Denn die Freudentaler Genisa ist als bedeutender als vermutet – nicht wegen ihres Umfangs, sondern wegen ihres Alters und ihrer Zusammensetzung.

 

Besonders auffällig ist ein großer Bestand an Taschenkalendern in „fast einzigartiger Vielfalt und fast durchgängiger Chronologie, darunter etliche äußerst seltene Exemplare“. Weshalb diese Kalender in Freudental einen so überdurchschnittlichen Stellenwert bekommen haben, ist unklar. Deutlich ist hingegen: Weil sie neben Gebetszeiten und Wochenabschnitten für den synagogalen Gottesdienst beispielsweise auch Messen sowie Postkutschen- und Zugverbindung vermelden, verspricht die Sammlung der Kalender Einblicke nicht nur in die religiöse, sondern auch in die wirtschaftliche und alltagskulturelle Entwicklung einer in vielem typischen jüdischen Landgemeinde im Südwesten. Nicht nur national, sondern wohl weltweit einzigartig ist eine Sammlung von 50 Wandkalendern aus den Jahren 1744/45 bis 1841. Beide Bestände dürften auch neue Erkenntnisse über die Entwicklung der jüdischen Druckereien und des jüdischen Buchhandels ermöglichen.

 

Höchst ungewöhnlich für deutsche Genisot ist auch das Alter des Freudentaler Depots. Die Kalender aus der Zeit vor 1770 zeigen: Die ältesten Fundstücke stammen noch aus einem Vorgängerbau der erhaltenen Synagoge, möglicherweise aus dem Judenschlössle. Völlig unklar ist hingegen, warum die Belegung der Freudentaler Genisa um 1890 plötzlich endet. Lehnardt will den Bestand, der inzwischen weitgehend digitalisiert ist, online zugänglich machen und in einer auf 200 Seiten angelegten Publikation umfangreich vorstellen.

von Steffen Pross
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