09. Oktober 2015

«Die Stimmung kippt!» - Der Faktor Angst in der Flüchtlingskrise

Berlin (dpa) - Geschenkte Teddybären, herzlicher Applaus, Umarmungen unter Freudentränen: Die warmen Bilder vom Flüchtlingsempfang am Münchner Hauptbahnhof gingen um die Welt.

Ankunft von Flüchtlingen am Bahnhof München
51 Prozent der Befragten gaben beim ARD-Deutschlandtrend an, ihnen mache der Zustrom von Flüchtlingen Angst. Foto: Sven Hoppe/Archiv
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Vermehrt wehen nun aber Warnungen vor einem Stimmungsumschwung durch die Öffentlichkeit. Deutschland steckt im größten Flüchtlingszuzug seit dem Zweiten Weltkrieg. Politiker sprechen pausenlos von Überforderung und Kontrollverlust. Das Recht auf Asyl mag keine Grenzen kennen. Aber gilt das auch für die Willkommenskultur in Deutschland?

Das Krisenmanagement der Regierung wird zunehmend kritisiert. Die Politik fährt auf Sicht, lautet der Vorwurf. Der Unmut bei CDU und CSU nimmt zu, in Umfragen hat Kanzlerin Angela Merkels Ansehen Kratzer bekommen. Auch Bundespräsident Joachim Gauck spricht Ängste vor Überforderung offen an. Der rechte Rand wittert Morgenluft. Die Alternative für Deutschland (AfD) erlebt in diesen Tagen ein Comeback, die fremdenfeindliche Pegida-Bewegung erhält wieder Zulauf. Die Tage werden kürzer, wird «Dunkeldeutschland» noch dunkler?

Laut ARD-Deutschlandtrend schnellt die Zahl der Besorgten empor. 51 Prozent der Befragten gaben zuletzt an, ihnen mache der Zustrom von Flüchtlingen Angst. Noch drei Wochen zuvor waren es 38 Prozent. Was ist passiert? Und selbst wenn die Stimmung nicht kippt - wie ist sie eigentlich im Land? Ein Umfrage in Schlaglichtern.

DER STREETWORKER: Kippt die Stimmung? Axel Leukhardt kann diese Frage langsam nicht mehr hören. «Das ist doch Panikmache», schimpft der 51-Jährige. Seit einem halben Jahr betreut der Streetworker nun Flüchtlinge auf der Schwäbischen Alb. Löst Probleme. Vermittelt in der Bevölkerung. Improvisiert im Ausnahmezustand. Die Erstaufnahmestelle im Dorf Meßstetten ist hoffnungslos überbelegt. Rund 5000 Einheimische leben hier im Ort, und gleich nebenan mehr als 3000 Flüchtlinge in der ehemaligen Kaserne. Trotzdem helfe die Bevölkerung in Meßstetten nach wie vor mit. Erst vor wenigen Wochen seien fünf Tonnen Kleider gespendet worden, berichtet Leukhardt. «Von einem Stimmungsumschwung ist nichts zu spüren.»

DER MINISTER: Für Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) gibt es eine Grenze bei der Aufnahme, er will diese aber nicht mehr zahlenmäßig definieren. Niemand kann sagen, wie viele Flüchtlinge noch kommen. Ständig kursieren neue Prognosen, Schätzungen und Hochrechnungen. Diese Woche machten Spekulationen über bis zu 1,5 Millionen Asylbewerber in diesem Jahr die Runde. De Maizière verglich es mit einem Gummiband: Es sei zwar dehnbar, könne aber an einer bestimmten Stelle reißen, warnte er vor kurzem in Stuttgart. Er sträubt sich gegen eine neue Prognose. Die könne dazu führen, dass das «Gummiband» bei einigen Menschen innerlich reiße.

DIE HELFER: «Wir schaffen das», sagte Kanzlerin Angela Merkel (CDU) immer wieder, aber die Helfer sind zunehmend geschafft. «Die Helfer sind am Limit bundesweit», kritisiert Susanne Pohl, Sprecherin des Deutschen Roten Kreuzes. Rund 15 000 Mitarbeiter des Roten Kreuzes seien bundesweit derzeit in 325 Unterkünften im Einsatz. Viele seien Ehrenämtler, die vom Arbeitgeber freigestellt würden. «Es ist dringend notwendig, dass wir mehr Planungssicherheit bekommen.» Ehrenamtliche könnten nicht alles stemmen, es brauche mehr Hauptamtliche. «Es muss was passieren.»

DER BÜRGERMEISTER: Nach den rechtsradikalen Protesten im sächsischen Heidenau hat Bürgermeister Jürgen Opitz (CDU) Gespräche mit zwei Dutzend Einwohnern geführt. «Die ersten haben geweint und gesagt: «Wir schämen uns so sehr, dass wir bei der Demo mitgemacht haben»», berichtet er. Er vermisst ein Konzept in der Flüchtlingskrise. «Jede Hochwasserbekämpfung läuft planvoller ab.» Die Stimmung sei zwar nicht gekippt in Heidenau. «Aber es gibt zunehmend Leute, die fragen: Wie viele sollen es noch werden?» Opitz will nicht ausschließen, dass es wieder zu Krawallen kommt. Er hat ein mulmiges Gefühl. «Die Gefahr besteht permanent, dass irgendwas passiert.»

DER KOMMUNIKATIONSEXPERTE: Nach Meinung des Berliner Medienwissenschaftlers Professor Joachim Trebbe muss auf die Welle der Willkommenskultur zwangsläufig Katerstimmung folgen. «Diese Euphorie kann man nicht auf Dauer halten», sagt er. In den Medien würden nun eher die praktischen Probleme der Versorgung und Unterbringung der Flüchtlinge in den Vordergrund treten. «Nach der Euphorie beginnt das Alltagsgeschäft - und das Alltagsgeschäft ist hochproblematisch.» Die Flüchtlingskrise werde die gesellschaftlichen Gruppen in Deutschland auseinandertreiben. «Dass das kein friedlicher Prozess wird wie das Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg, ist klar. Es wird sehr starke gesellschaftliche Verzerrungen und Risse geben.»

DER UNTERNEHMER: Der Präsident des Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertags, Peter Kulitz, sieht das Thema Flüchtlinge wie viele andere Wirtschaftsvertreter grundsätzlich positiv. Gewissermaßen als Gegenmittel zum Fachkräftemangel seien die Zugezogenen willkommen, sagt Kulitz schon seit langem. Er beschäftigt seit kurzem selbst einen Flüchtling in seinem Betrieb. Der Chef der Absaugtechnik-Firma Esta äußert aber auch Bedenken. «Im Moment kippt die Stimmung nicht in der Unternehmerschaft, aber die Sorge wächst, dass wir das nicht richtig bewältigen können.» Kulitz betont, dass die Hilfsbereitschaft auch unter Unternehmern weiterhin groß sei. «Aber es kehrt eine gewisse Portion Ernüchterung ein, auch weil der Anteil der gut qualifizierten Flüchtlinge doch niedriger ist als zu Anfang angenommen.»

DER UNTERKUNFTSLEITER: Vor Ort ist das Engagement der Leute oft unverändert hoch. «Die Zahl der Ehrenamtlichen, die uns massiv unterstützen, steigt und steigt und steigt», berichtet Berthold Weiß, Leiter der Erstaufnahmeeinrichtung in Ellwangen im Ostalbkreis. Rund 4000 Flüchtlinge leben dort. 500, maximal 1000 Flüchtlinge waren eigentlich vorgesehen. Doch auch die Zahl der Helfer habe sich seit Mai verdoppelt - 120 Einheimische spielen Fußball mit den Flüchtlingen oder spenden Kleider. Weiß ist guter Dinge. «Und das, obwohl immer die kippende Stimmung herbeigeredet wird.»

DER POLIZIST: Rainer Wendt nennt die Flüchtlingskrise eine «Jahrhundertaufgabe» für die Polizei, die «größte Herausforderung in der Nachkriegsgeschichte». «Die Belastung der Polizei ist seit Monaten auf einem Höchststand», beschwert sich der Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft. Zehntausende Beamte seien im Einsatz, an Bahnhöfen, in Unterkünften. Es komme deshalb bereits zu Einschnitten bei der Verkehrsüberwachung. Allein in den Ländern brauche es zur Bewältigung 15 000 zusätzliche Polizisten. Wendt wirft der Politik Versagen vor. «Die Stimmung in der Polizei ist seit Monaten getrübt, vor allem weil wir ein konsequentes Handeln der Politik vermissen und wenig Anerkennung verspüren.»

DIE FREIWILLIGE: Über Wochen half Sultana Shamal am Frankfurter Hauptbahnhof aus - ganz auf eigene Faust. Die 23-jährige Studentin betreute afghanische Flüchtlinge als Dolmetscherin. «Fast jeden Tag 8 Stunden, manchmal 24 Stunden», sagt die Muslima. «Die ersten Tage habe ich nichts gegessen und drei Kilo abgenommen.» Sie hat sogar eine afghanische Frau zur Entbindung in den Kreissaal begleitet. Ihre Familie sei schon vor 20 Jahren aus Afghanistan geflohen. Die Euphorie der Helfer am Hauptbahnhof habe abgenommen, der Alltag kehre zurück, sagt sie. «Ich mache mir Sorgen, was nach dem Hauptbahnhof kommt, wie die Menschen integriert werden.»

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