21. September 2014

Dschihad 4.0: Wie sich deutsche IS-Kämpfer radikalisieren

Berlin (dpa) - Philip B., Robert B., Ahmet C., Rashid B., Osama B. - das sind die Namen der fünf deutschen Dschihadisten, die bislang als Selbstmordattentäter für die Terrormiliz Islamischen Staat (IS) im Irak und in Syrien identifiziert sind.

Salafisten beten
Teilnehmer einer islamistischen Veranstaltung. Foto: Uli Deck/Archiv
dpa

Doch es sind nicht alle - einige mehr sollen im Auftrag der Radikalislamisten andere Menschen mit in den Tod gerissen haben. Ob sich jemals bestätigen lässt, ist unsicher: Oft fehlen DNA-Spuren, die Hinweise geben könnten.

Schon früher gab es islamistische Selbstmordattentäter aus Deutschland, etwa in Afghanistan oder in Pakistan. Doch in Syrien und im Irak sehen Experten eine andere Dimension - was Zahl und Radikalität angeht. Der IS greife gern auf Männer aus Deutschland und Europa zurück, weil sie so besonders emotionalisiert seien, heißt es.

Deutsche Behörden gehen von weit mehr als 400 Ausreisen aus der Bundesrepublik in Richtung beider Länder aus. Etwa 130 dieser Männer sind nach Deutschland zurückgekehrt, bei 25 gibt es konkrete Hinweise auf Kampferfahrung. Die meisten kehren nach Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden direkt in ihr islamistisches Umfeld zurück. Desillusioniert von der Brutalität oder dem harten Leben im Kampfgebiet sind die wenigsten. Sie sehen die alte Heimat Deutschland oft eher als Ruhe- und Rückzugsraum.

Etliche der Rückkehrer wollen nach ein paar Wochen oder Monaten in Deutschland, wo sie teilweise zu Propagandazwecken in der Szene herumreisen und um Spenden und neue Kämpfer werben, wieder ins Kriegsgebiet zurück. Einer Reihe von ihnen soll dies gelungen sein, fast immer über die Türkei. Die deutschen Sicherheitsbehörden können meist wenig tun - oft ist den Verdächtigen nichts nachzuweisen. Und für eine Reise in die Türkei genügt der Personalausweis.

Als zentralen Faktor bei der Radikalisierung junger Deutscher sehen die Behörden den zunehmenden Einsatz von Smartphone-Apps. Verfassungsschutz-Präsident Hans-Georg Maaßen warnte kürzlich, durch die in sozialen Medien und Messenger-Diensten «verbreitete Dschihad-Romantik wird eine virtuelle Nähe und Vertrautheit geschaffen, die weitere Ausreisen in den Dschihad fördert».

Beim «Heiligen Krieg» (Dschihad) im Netz geht der Trend demnach weg von Facebook, hin zu Diensten wie WhatsApp oder Instagram, mit deren Hilfe die Kämpfer ihre Erlebnisse quasi in Echtzeit übertragen.

Unvorstellbare Gewalt ist da zu sehen, deutsche Gotteskrieger filmen sich auf dem Weg zu Attentaten oder in den Kampf, vermitteln das Gefühl einer verschworenen Gemeinschaft. Auf die jugendliche Islamistenszene daheim wirke das anziehend, oft reiche die Internetkommunikation mittlerweile zur Radikalisierung aus, sagen Experten. Viele, die sich in Deutschland als Außenseiter fühlen, als «Underdogs», sehen die Kämpfer demnach als Vorbild. Als «Topdogs», wie sie sich selbst nennen.

Gibt es ein typisches Profil der vielen jungen Männer und wenigen Frauen, die ins IS-Kampfgebiet gereist sind? Eine noch unveröffentlichte Studie der Sicherheitsbehörden, der Daten von rund 380 Ausgereisten zugrunde liegen und die auch der dpa vorliegt, kommt zum Schluss: Nein. Biografien und Radikalisierungshintergründe sind vielfältig.

Aber fast ausnahmslos sei Radikalisierung mit Salafismus-Kontakten verbunden, heißt es da. Über 6000 Leute werden dieser besonders konservativen islamistischen Szene in Deutschland zugeordnet, die kompromisslos auf eine «islamische Ordnung» mit der Alleingültigkeit islamischen Rechts («Scharia») setzt.

Was treibt junge Deutsche in Krieg und Tod nach Syrien und in den Irak? Oft bleiben die Gründe im Dunkeln. Doch immerhin liefert die Studie Anhaltspunkte zu den Lebensläufen der deutschen IS-Kämpfer.

Demnach ist der Einfluss von Freunden der wichtigste Faktor beim Beginn der Radikalisierung - das gilt für 30 Prozent der später Ausgereisten. Bei knapp einem Fünftel hat der Weg in die Radikalität mit Kontakten in salafistischen Moscheen oder Gebetsräumen angefangen, auch Koran-Verteilaktionen («Lies!») hätten bei 17 Prozent eine Rolle gespielt. Für andere (15 Prozent) waren Islamseminare oder öffentliche Gebete ausschlaggebend. Bei etwa 10 Prozent unterstützten Familienangehörige die Radikalisierung.

Mindestens 18 Prozent der Ausgereisten waren am Anfang ihres Wegs in die Radikalität minderjährig - zwei erst 13. Bei den meisten begann diese Entwicklung mit 23 Jahren. Etwa ein Drittel der Ausgereisten hat eine Schule abgeschlossen, darunter 41 ein Gymnasium und 31 eine Realschule.

Von 43 Ausgereisten ist bekannt, dass sie ein Studium begonnen haben, 8 haben es abgeschlossen. 82 Männer und Frauen waren nach diesen Erkenntnissen arbeitslos, nur 12 Prozent berufstätig - überwiegend im gering-qualifizierten Sektor, heißt es in dem Papier. Bei 249 der insgesamt 378 analysierten Männer und Frauen gibt es zudem Hinweise, dass sie Straftaten begangen haben. Oft spielten Gewalt, Diebstahl und Drogen eine Rolle.

Zur Prävention gegen Radikalisierung setzt Verfassungsschutzchef Maaßen auf die Hilfe der Gesellschaft, auch von Angehörigen. Sicherheitsbehörden allein könnten das Problem nicht lösen, sagt er. Eine größere Sensibilisierung scheint auch nötig: Von Lehrern, Sozialarbeitern oder in Jobcentern wurde die Entwicklungen der jungen Menschen selten bemerkt. Eher schon von Eltern und Freunden.

Zahlen und Hintergrundinformationen des Verfassungsschutzes zum Islamismus

Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung zum Neo-Salafismus in Deutschland

Bundesamt für Verfassungsschutz über Salafismus in Deutschland

Verfassungsschutz-Präsident Maaßen im Deutschlandfunk zum islamistischen Terrorismus

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