Ludwigsburg | 28. Februar 2017

Ein Leben ohne Barrieren ist erklärtes Ziel

„Ich fühle mich sehr geehrt“, sagt Brigitte Seiferheld im Gespräch mit unserer Zeitung. Oberbürgermeister Werner Spec informierte sie persönlich am Donnerstag, dass der Gemeinderat beschlossen hat, ihr die Bürgermedaille zu verleihen. Einstimmig. „Das freut mich sehr.“

Brigitte Seiferheld hat sich stets dafür eingesetzt, dass auch Rollstuhlfahrer in der Stadt mobil unterwegs sein können.
Brigitte Seiferheld hat sich stets dafür eingesetzt, dass auch Rollstuhlfahrer in der Stadt mobil unterwegs sein können.
Foto: Benjamin Stollenberg

Ihr Engagement für den Abbau von Hemmschwellen in mehrfacher Hinsicht wurde der gebürtigen Crailsheimerin sozusagen auferlegt. Mit 16 Jahren wurde sie bei einem Verkehrsunfall so schwer verletzt, dass sie seitdem querschnittsgelähmt ist. Ihre Mutter starb bei dem tragischen Unfall, ihr Stiefvater wurde schwer verletzt, ihre drei jüngeren Schwestern waren glücklicherweise nicht im Auto.

Im Rollstuhl zu sitzen, während ihre Freundinnen tanzen gehen, war hart, sagt sie. Aufgeben war jedoch nicht ihr Ding. Noch in der Klinik in Heidelberg schloss sie ihre Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau ab, die durch den Unfall unterbrochen worden war. Danach machte sie per Telekolleg ihr Abitur und fing 1988 mit dem Studium an. Seit Anfang der 1990er arbeitet die Betriebswirtin als Beraterin zu barrierefreiem Wohnen beim Deutschen Roten Kreuz.

Immer noch ist die 68-Jährige Vorsitzende des Vereins „Selbstbestimmt mobil“, der einen Stadtführer für Behinderte auflegte – mittlerweile im Tandem mit ihrem Mann Frieder. Sie ist aktiv bei der Fördergemeinschaft der Querschnittgelähmten in Deutschland, weiterhin stellvertretende Vorsitzende beim VdK Freiberg – wo sie von 1980 bis 2011 wohnte – und im Stadtseniorenrat, war seit der Gründung 1993 im Frauenforum aktiv. Schon 2003 wurde sie mit der Ludwigsburg-Medaille geehrt, 2014 bekam sie den Sonderpreis der Bürgerstiftung.

Kampf um Mobilität im Alltag

Gerne, sagt sie, würde sie jede Ehrung für einen einfacheren Alltag eintauschen. Andererseits: „Ich kann dies gut nützen für unsere Belange.“ Mit dem Begriff Behinderte, der in politischer Korrektheit auch mal mit Handicap oder eingeschränkt übersetzt wird, hat sie gar keine Probleme: „Ich bin ja schließlich behindert.“ Und ist damit sozusagen qua Existenz verpflichtet, im Verbund mit der Stadt für Verbesserungen zu sorgen.

Was sie mit einigem Erfolg schon getan hat: „Mittlerweile hat sich das schon verbessert.“ Und weiter tun wird und muss: „Es gibt noch einiges zu tun.“ Angefangen bei abgesenkten Bordsteinen, geht die holprige Reise zu behindertengerechten Zugängen zu Läden, Restaurants und Arztpraxen. „Viele begreifen nicht, dass nur eine Stufe uns ausschließt.“ Es gibt weder ausreichend Behindertentoiletten noch behindertengerechte Hotelzimmer. Davon gibt es genau zwei in Ludwigsburg. Und das, obwohl sowohl die Rollstuhltänzer der 1. TCL wie auch die Rollstuhlsportler auf der Karlshöhe auf Bundesliganiveau unterwegs sind – und damit auch viele Rollstuhlsportler für Wettkämpfe nach Ludwigsburg kommen.

Erfolg hatte Brigitte Seiferheld bei ihrem Kampf für rollstuhlgerechte Niederflurbusse, nur an einem Thema beißt sogar sie sich die Zähne aus: dem Bahnhof. 35 Zentimeter Unterschied zwischen Bahnsteigkante und S-Bahn sowie das latente Problem Aufzüge. Vor dem Umbau musste sie sogar einmal die Feuerwehr rufen, um nach Hause zu kommen, weil der Aufzug ganz am Ende des Bahnsteigs wieder kaputt war. „Das ärgert mich schon“, sagt sie zurückhaltend.

In anderen Dingen war sie als absolute Vorreiterin durchaus erfolgreich. Vom Hals abwärts gelähmt, war sie 1977 bei der Geburt ihres Sohnes die erste Tetraplegikerin weltweit, die ein Kind bekommen hatte. Ihr Mann Frieder erinnert sich mit Grausen daran, wie sie in der Schwangerschaft von Crailsheim bis Pforzheim fahren mussten, weil dort der nächste Frauenarzt war, der auf Behinderte eingestellt war – natürlich wurde privat bezahlt. „Das war unglaublich.“

Ihr Sohn wohnt weiter in Freiberg, und obwohl sie ihre achtjährige Enkelin nicht so häufig sehen, haben die Seiferhelds immer Leben in der Bude. Denn Frieder Seiferheld arbeitet nebenher als Tagesvater, derzeit betreuen sie einen Dreijährigen aus der Nachbarschaft in der Hartenecker Höhe, gehen oft mit ihm auf den großen Spielplatz. „Das macht richtig Spaß“, sagt sie. Wie auch die Konzertbesuche mit ihrem Mann, ob Klassik oder Jazz, auch Ballett und Theater stehen auf dem Programm. Das will organisiert sein: Im Forum ist auf dem Rang Platz für fünf Rollstühle, das ist nicht allzu viel.

Als Behinderte diskriminiert

Weniger Spaß hatte sie mit 21 beim Führerschein: Zunächst fand sie keine Fahrschule, dann musste sie – weil körperlich behindert – allen Ernstes zur medizinisch-psychologischen Untersuchung, dem sogenannten Idiotentest. Ihr eigenes Auto (mit Lenkradknopf und Teleskopstange für Gas und Bremse) musste sie selbst für die Fahrstunden umbauen, weil es keine geeigneten Fahrzeuge gab. Mittlerweile hat sie mit ihrem Van Hunderttausende von Kilometern zurückgelegt, wie sie überhaupt gerne reist.

Die Hochzeitsreise mit ihrem Mann ging 1970 nach Saintes-Maries-de-la-Mer, und Frankreich ist bis heute das Lieblingsreiseziel des Ehepaares. Dort sei man in Sachen Behinderte viel weiter, sagt sie, fast perfekt sei es aber in der Schweiz. Da ist es eine Selbstverständlichkeit, mit dem Rollstuhl Bergbahn zu fahren, hohe Bordsteine sind eine Seltenheit. „Da kann man noch viel lernen.“

Solch eine Mobilität in ihrer Heimatstadt zu erreichen, wäre ein Traum. Mit fast 70 Jahren hat sie deswegen nicht vor, in den Ruhestand zu gehen: „In Ludwigsburg gibt es noch viel zu tun.“

von janna werner
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