Ludwigsburg | 30. Oktober 2017

Ein Ort des Wachsens und des Gedeihens

Ihre Vorfahren hatten einen Obstgarten. Genau hinter der Synagoge in Freudental, erzählt Enkelin Toby Sonnemann gestern am Rande der Einweihungsfeierlichkeiten des „Gartens der Erinnerung“. Ein Foto, das dessen Eingangsbereich nun ziert, zeugt davon. Darauf sind jüdische und nicht-jüdische Bewohner aus mindestens vier Familien aus Freudental vor einem Nussbaum zu sehen. Das Bild zeige die „sweeter times“, die süßeren, die besseren Zeiten, die ihre jüdische Familie in der Gemeinde erlebt hat. „Der Garten soll – wie jedes Stück Natur – ein Ort des Wachsens, Gedeihens, des Blühens, Reifens, aber auch des Innehaltens sein“, sagt Toby Sonnemann, die aus den Vereinigten Staaten von Amerika zum viertägigen Treffen der Nachfahren nach Freudental angereist war. „Der Garten der Erinnerung ist ein lebendiges Denkmal dafür, dass die Zukunft, die wir gestalten, Früchte trägt.“

Sinnbild für ein gemeinsames Miteinander: Die Idee für den „Garten der Erinnerung“ bildet ein altes Foto. Es ziert den Eingang des Geländes. Fotos: Alfred Drossel
Sinnbild für ein gemeinsames Miteinander: Die Idee für den „Garten der Erinnerung“ bildet ein altes Foto. Es ziert den Eingang des Geländes. Fotos: Alfred Drossel

Während der Überlegungen, ob in Form von Stolpersteinen, einem Denkmal oder einem Museum an das Miteinander von jüdischen und nicht-jüdischen Bürgern in Freudental gedacht werden soll, sagt Dr. Christiane Weigner vom Arbeitskreis „Erinnern und Gedenken in Freudental“ vor mehr als einhundert Festgästen, habe der Historiker Steffen Pross vor gut zehn Jahren einen Brief von Toby Sonnemann mit jenem Foto erhalten. „Die Idee des typisch schwäbischen Obstgartens als lebendiger Ort des Gedenkens war geboren“, erklärt Weigner.

Auf dem Gelände vor dem Tiefbrunnen ist nun ein Garten entstanden, der sich in drei Teile gliedert: Ein streng geometrischer Bauerngarten mit Rondell und Kletterrose, mit heimischen Sträuchern und Kräutern, umfasst von wetterfesten, roten Pflasterklinkern, erklärt Gartenbauer Norbert Schmatelka, der tatkräftig bei der Umsetzung des Kleinods mitgeholfen hat. Auf der Rasenfläche, stimmt er Christiane Weigner zu, sind alte Sorten von Äpfeln, Zwetschgen und Birnen gepflanzt worden. Es gebe einen Ruhebereich mit Bänken, für den er sich noch eine Windschutzbepflanzung wünschen würde. Auf der Wiese wurden Wildblumen gesät. „Auf dass der Garten der Erinnerung viele Jahre bestehen möge“, sagt Schmatelka zu den Festgästen.

Dem kann Bürgermeister Alexander Fleig nur zustimmen. „Ich bin überwältigt von dem Projekt, aber auch von der Zustimmung, die Bürger, Ehrenamtliche, aber auch Stiftungen und Sponsoren dem Garten der Erinnerung entgegengebracht haben.“ Und da der Obstgarten an der Kreuzung der drei Rundwanderwege liegt, verknüpfe er die Historie Freudentals und dessen Umgebung.

„Was für ein schöner Sonntag“, zitiert Steffen Pross den Titel von Jorge Semprúns Roman, in dem der Autor Erfahrungen im Konzentrationslager Buchenwald literarisch darstellt. Mit Blick zum Himmel, wo sich die Sonne zur Feier dieses „wunderbaren Ereignisses“ durch die Regenwolken gekämpft hat, sagt Pross, dass er sich zehn Jahre lang mit „der Geschichte dieses unglaublichen Massenmords an den Freudentaler Juden“ beschäftigt habe. Dieses Kapitel könne er nun schließen, ein neues aufschlagen. „Mit dem Garten der Erinnerung soll an die 250 Jahre erinnert werden, in denen Juden wie Christen gemeinsam in Freudental gelebt haben.“

Britta Slusar
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