Ludwigsburg | 06. März 2018

Erinnerungen an einen Meilenstein der Gedenkkultur

„Nacht über dem Tal“: Wendelgard von Staden berichtet, wie ihr Bericht über das KZ Vaihingen 1979 entstand und wie er daheim und weltweit aufgenommen wurde

„Eigentlich wollte ich nicht, dass es ein Buch wird!“ Wendelgard von Staden berichtete über Entstehung und Rezeption ihres Bestsellers. Foto: Alfred Drossel
„Eigentlich wollte ich nicht, dass es ein Buch wird!“ Wendelgard von Staden berichtete über Entstehung und Rezeption ihres Bestsellers. Foto: Alfred Drossel

Das Buch war ein Meilenstein der deutschsprachigen Erinnerungsliteratur: In „Nacht über dem Tal“ – vor 40 Jahren erschienen und mit einem Dutzend Neuauflagen und einer mehrfach neu gedruckten Taschenbuchausgabe ein wahrhafter Longseller – erzählte kein Opfer und kein Täter, sondern eine scheinbar unbeteiligte Zeitzeugin über die Verbrechen in einem deutschen Konzentrationslager. Die Autorin, Wendelgard von Staden, jetzt 92 Jahre alt, war eine blutjunge Frau, als die SS bei Kleinglattbach und damit buchstäblich vor ihrer Haustür das KZ „Wiesental“ einrichtete – auf Land, das man ihrem Vater enteignet hatte. In der ersten öffentlichen Veranstaltung im neuen Seminarraum der KZ-Gedenkstätte berichtete die Diplomatenwitwe, warum sie ihre Jugenderinnerungen 1978 aufschrieb – und wie ihr eindrückliches Buch ein Jahr später in Vaihingen und weltweit aufgenommen wurde.

Es sei wohl kein Zufall gewesen, dass „Nacht über dem Tal“ in den USA entstand, sagt Wendelgard von Staden – in einem Ferienhaus auf Cape Cod am Atlantik. Ihr Mann, Berndt von Staden, war damals deutscher Botschafter in Washington, das Ehepaar verkehrte tagtäglich mit Diplomanten, Intellektuellen und Politikern – darunter zahlreiche, aus Nazi-Deutschland geflüchtete Juden wie Henry Kissinger. Und die fragten die Repräsentanten des deutschen Nato-Partners fast unvermeidlich: Wie war das in den letzten Jahren des Dritten Reiches, in den Jahren des administrativ organisierten und industriell vollzogenen Massenmords an den europäischen Juden?

Was die Gattin des Botschafters zu erzählen hatte, muss ihre Zuhörer erschüttert haben: Ihr Onkel, Konstantin von Neurath, war Hitlers erster Außenminister gewesen, ihre Mutter Irmgard hatte auf dem Neurathschen Gut fast verhungerte KZ-Häftlinge heimlich aufpäppeln lassen, ihnen so das Leben gerettet. Eindrücke, die seither „wie ein Berg“ auf Wendelgard von Staden lasten.

Der zeitliche Abstand und die räumliche Distanz zur Vaihinger Heimat ermöglichten es ihr, ihre Jugenderinnerungen aufzuschreiben – an eine Veröffentlichung dachte Wendelgard von Staden nicht. Doch Marion Gräfin Dönhoff und der Verleger Ulf Diederichs tricksten die Autorin – so schildert sie es einem unerwartet großen Publikum – regelrecht aus: Das 1978 entstandene Manuskript kam 1979 auf den Markt.

Die Reaktion daheim überraschte sie: Sie war positiv! Hatten 1954 bei der Heimkehr des vorzeitig begnadigten Konstantin von Neurath in Enzweihingen die Kirchenglocken geläutet, so standen jetzt 700 Vaihinger vor der Buchhandlung Kern, um das aufrüttelnde Erinnerungsbuch kennenzulernen, in dem seine Nichte über das Grauen vor Ort berichtet. Auch außerhalb Vaihingens wurde das Werk zum Erfolg: Die kurz zuvor ausgestrahlte Fernsehserie „Holocaust“ hatte die Deutschen erstmals zur breiten Auseinandersetzung mit dem Thema bewegt, der Name Neurath für Neugier gesorgt, meint die Autorin. Doch auch führende Intellektuelle von Walther Killy über Karl Popper bis hin zu Carl Friedrich von Weizsäcker wiesen rühmend auf „Nacht über dem Tal“ hin.

Die amerikanische Übersetzung wurde ebenfalls zum Bestseller, nach einer Fernsehsendung organisierte Alfred Lipson, einer der Überlebenden von Vaihingen, in New York einen großen Empfang für sie, der vor allem zur Hommage an ihre Mutter Irmgard von Neurath wurde. Die dankbare Erinnerung der Überlebenden an eine Wohltäterin – Wendelgard von Staden erlebte sie immer wieder, wenn sie ehemalige Häftlinge in Vaihingen oder aller Welt traf. Auf einen alten Bekannten freilich ist sie gar nicht gut zu sprechen: auf Claude Lanzmann, den Autor von „Shoah“, der bedeutendsten Filmdokumentation über den Holocaust. Er hatte bei einem Besuch bei seiner Tübinger Kommilitonin Wendelgard von Neurath erstmals auf dem Gelände eines ehemaligen KZ gestanden. Doch in seinen Memoiren verzerre Lanzmann ihre Begegnungen in Tübingen, Kleinglattbach und Washington in einer Weise, dass sie „ihn nie wieder treffen will“.

Steffen Pross
Weitere Artikel aus diesem Ressort
Anzeige
Die schönsten Seiten des Kreises
Zeitschriftenvorteil