Ludwigsburg | 09. August 2017

Erst die Spaghetti, dann die Gitarre

SPD-Kandidat Macit Karaahmetoglu zeigt sich als ein guter Gastgeber an einem Sommerabend – Er kocht, singt und politisiert

Sie waren al dente: Macit Karaahmetoglu in seiner kleinen Küche. Foto: Holm Wolschendorf
Sie waren al dente: Macit Karaahmetoglu in seiner kleinen Küche. Foto: Holm Wolschendorf

Spätestens dann, wenn er seine schwarze zwölfsaitige Gitarre heraus auf die Terrasse holt, wird der Tag so richtig rund. Er zupft an den Saiten, erzählt von der Popband, in der er als Jugendlicher gesungen hat – und stimmt, höfliche Frage zuerst, ob’s okay sei, Lieder von Rockbands an. Von Steve Miller und Pink Floyd, in denen es um Himmel und Hölle, um Krieg und schöne Landschaften geht.

 

So ist er nicht immer. Auch wenn der 49-Jährige gern singt, er drängt sich nicht auf. Macit Karaahmetoglu sagt aber nicht Nein, wenn er, wie in Balingen, gefragt wird, Arbeiterlieder auf SPD-Veranstaltungen zu singen. Unterhaltungsclown ist er dennoch nicht, er ist eher besonnen, nachdenklich, ein ruhiger Typ, der als Rechtsanwalt erfolgreich eine Kanzlei führt und auf Parteiveranstaltungen Reden über das Rentensystem hält, die auch die Arbeitsministerin Andrea Nahles beeindrucken. Sie hätte ihn gerne im Fachausschuss in Berlin, wie sie sagte, doch mit seinem Listenplatz 22 müsste die SPD deutlich dazugewinnen. Bei 30 Prozent wäre er drin. Bei der letzten Wahl verfehlte Macit Karaahmetoglu den Sprung in den Bundestag nur knapp.

 

Kochen ist dagegen nicht so seine Sache. Dazu kommt, dass seine linke Hand von einem Stich einer Biene oder Wespe so angeschwollen ist, dass er nur mit Mühe die Finger bewegen kann. Er beißt sich durch. Will trotzdem etwas zubereiten – Spaghetti mit Käse-Sahne-Soße. Zwiebeln dürfen nicht fehlen und werden gewürfelt. Die Küche in dem Haus auf der Gerlinger Höhe ist sehr klein, dafür ist der Ausblick vom Wohnzimmer gigantisch: Grüne Wiesen weit und breit, weit unten ist Gerlingen, in der Ferne ahnt man Ditzingen, wohin Karaahmetoglu täglich zur Arbeit in seine Kanzlei fährt.

 

Mulmiges Gefühl vor der Urlaubsreise in die Türkei

Es ist Wahlkampfzeit, und deshalb ist er allein zu Haus. Seine Frau Eylem ist mit den Kindern Karel (11 Monate) und Ela (13 Jahre) für sechs Wochen in die Türkei gefahren. „In türkischen Restaurants erkennt man sie“, erzählt er stolz von seiner Frau, die Fernsehjournalistin ist und für türkische Medien aus Frankfurt über allerlei Gesellschaftsthemen berichtet. Für eine Woche will er ihr nachreisen, auch wenn er bei der Einreise in die Türkei stets „ein mulmiges Gefühl“ hat, wie er erzählt. Mulmig, weil er zu den Kritikern von Präsident Erdogan gehört und auch Kontakte zu Oppositionellen pflegt.

 

Anders als etwa Cem Özdemir bei den Grünen sieht sich Macit Karaahmetoglu nicht in erster Linie als Deutschtürke. Er sei in der Türkei geboren, kenne sich gut aus mit dem Land und berate die SPD, dies sei aber nur eine Seite seiner Person. Heimatgefühle hat er, wenn er an Hemmingen denkt, wo er aufgewachsen ist. Heimat ist für ihn auch der Fanfaren- und Spielmannszug, in dem er Trompete lernte und, wie er erzählt, eine tolle Zeit hatte. Mit der Faschingsgesellschaft reiste man nach Köln, sogar nach Nizza. Im Bierzelt aufzutreten, davon erzählt er, als ob es sein wahres Kinderglück war. Auch seine Musikerfreunde hat er dort kennengelernt – Freunde, die er heute noch trifft. Und Deutsch lernte er dabei so nebenbei.

 

Seine Biografie ist ihm auch immer wieder Richtschnur in seiner Gedankenwelt. Mit elf Jahren kam er mit den Eltern nach Deutschland, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen. Er besuchte die Hauptschule, die Eltern arbeiteten im Schichtbetrieb bei Bosch. Sie ermöglichten ihm, weiter auf die Schule zu gehen. „Und ohne BAföG hätte ich nicht studieren können“, sagt er. Die Förderung durch den Bund war sein Sprungbrett in eine andere Welt. Er studierte Jura und eröffnete später eine Kanzlei mit inzwischen elf Anwälten.

 

Die Spaghetti serviert Macit Karaahmetoglu auf der Terrasse. Der grandiose Ausblick ist auf der anderen Seite des Hauses, das er erst vor kurzem gekauft hat. Er wird es abreißen lassen. Er möchte neu bauen, den Zugang erleichtern.

 

Von der schmalen Straße aus führt eine steile Treppe hinab. Manche Stufen sind ausgebrochen, da vertritt man sich schnell den Fuß. Als ob man Weinbergstäffele hinabsteigt. Ein kleines Haus wird sichtbar, älteres Baujahr, das so gar nicht zu den Autos passt, die oben parken. Der rote Ferrari, erfahren wir, gehört einem Nachbarn. Auf der Gerlinger Höhe scheinen noble Karossen keine Seltenheit zu sein.

 

Ihm war das Grün drumherum wichtig, die Gerlinger Heide. „Als Kind war ich immer draußen, auf den Feldern, im Wald“, erzählt der SPD-Mann, der auch gerne spazieren geht. Seine Frau ist ein Großstadtmensch und sieht das etwas anders, berichtet er. Sie mag das pralle Leben direkt vor der Haustür.

 

Es gibt auch Geschossbauten im Umfeld. Und die Eltern. „Die wohnen nicht weit von hier“, so Macit Karaahmetoglu. Was für ihn von Vorteil ist. Denn er kocht eigentlich nicht gern, wie er verrät. Am liebsten sind ihm die Fleischbällchen, die seine Mutter auf Vorrat für die Familie anfertigt. Oft geht er zum Essen, meist italienisch, manchmal auch türkisch. Und natürlich mag er auch Kässpätzle.

 

Träume darf man haben, könnte man die Philosophie von Macit Karaahmetoglu zusammenfassen. Als Jugendlicher, gesteht er, war er überzeugt, einmal Popstar zu werden. Der Rechtsanwalt spielt Gitarre, dass er aber Talent als Rocksänger hat, zeigt er, als er „The Joker“ von der Steve-Miller-Band anstimmt. Das hätte man dem smarten Typ, der jede Schwiegermutter um den Finger wickeln kann und im Beruf seriös mit Krawatte in Erscheinung tritt, gar nicht zugetraut.

 

Irgendwann, erzählt er, weiß man, dass nicht alle Popstars werden können. Es gibt Tausende Talente auf der Welt, auch Gesangstalente – er hat sich auf seinen Beruf und die Arbeit in der SPD konzentriert. Selbst Muslim, glaubt er weniger an einen Gott, der eine Strichliste führt, als an den göttlichen Funken in jedem Menschen, der ihm ermöglicht, mehr zu tun, als die Umwelt einem vorsetzt. All das sei aber erst möglich, wenn es die Gesellschaft zulasse. Das ist sein Antrieb für die Politik.

Hans-Peter Jans
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