Open Air
Ludwigsburg | 01. Juli 2015

Festliche Musik im Synagogenhof

Ein Erfolg auf ganzer Linie war das mit 120 Besuchern so gut wie ausverkaufte Open-Air-Konzert im Synagogenhof vor dem PKC. Als Vorgruppe trat ein Quartett um den Brackenheimer Klarinettisten und Sänger Thomas Kible auf. Als Hauptact waren die Musikerinnen von Klezmers Techtern zu hören.

Die Klezmers Techter begeisterten ihr Publikum. Foto: Alfred Drossel
Die Klezmers Techter begeisterten ihr Publikum. Foto: Alfred Drossel

Als die Vorgruppe nach „Bei mir bist du schoen“ mit „When the Saints Go Marching in“ am Ende ihres Programms angekommen war, konnte Kible den Text aus aktuellem Anlass variieren: „When the sun beginns to shine“. Freundlicher Applaus begrüßte im Anschluss die drei Musikerinnen von Klezmers Techter, als sie in schwarzen Kostümen ins abendliche Streiflicht traten. Seit der Gründung 1994 hat sich das Trio mit seinen Interpretationen von traditionellen jiddischen Liedern und Eigenkompositionen in diesem Stil eine beachtliche Reputation erworben.

Diese seit dem 15. Jahrhundert zunächst im osteuropäischen Judentum entstandene Musik ist mehr noch als ein Genre ein Stil der Anverwandlung: Analog zur Sprache des Jiddischen kam es zu einer Assimilation folkloristischer Musiken aus Rumänien, Ungarn, Russland, der Ukraine und Polen, im Lauf des 20. Jahrhunderts in den USA auch des Jazz. Eine wesentliche Liedform des Klezmer ist der Freylekhs – ein „fröhliches Stückchen“ im Zweiviertel-Takt. In den singenden, gezupften Basslauf von Nina Hacker stieg Almut Schwab heiter mit dem Akkordeon ein, Gabriela Kaufmann blendete behutsam die Klarinettenstimme ein: zunächst tief melancholisch schluchzend, dann in anschwellenden Arabesken sich fast ekstatisch aufschwingend, juchzend, röhrend schließlich – tänzerisch scheint der Parcours eines kompletten Lebens darin auf.

Klezmer ist festliche, ja feierliche Musik, die zu Hochzeiten und anderen Familienfesten gespielt wurde, aber mit ausgeprägtem Widerwillen gegen allzu steife, uniforme Konventionen: eine Feier der Lebensfreude in unmittelbarer Nachbarschaft von Trauer und Leid. Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt. Im Klezmer passt da kaum eine Note dazwischen. Mit einer Staccato-Figur stellte Schwab einen Tango in den Raum, Kaufmann begann im Pianissimo auf der Bassklarinette, bevor sie auf der Klarinette espressivo zu munteren Sprüngen ansetzte. Ein abruptes Akkordeon-Glissando unterbrach sie rüde. Dazu ließ Hacker ihren Kontrabass schnalzen.

Im „Varshawer Freylekhs“ führten Bassklarinette und Akkordeon einen neckischen Dialog über einem spannungsvollen Bass-Ostinato. „Los Bilbilicos“ („Die Nachtigall“) wurde zum Bravourstück für Schwab an der Querflöte: Spuckend, stockend, stotternd, in rollenden, synkopierten Trillern brachte sie ihre Verzierungen an, für die der gestrichene Bass und Kaufmanns Bassklarinette mit langgezogenen Seufzern eine opake Folie bildeten. Wie im Jazz kommt es darauf an, was – und vor allem wie – man jenseits der Partitur spielt.

Es gibt sogar eine Zugabe

„Friling“ gestalteten sie als faszinierendes Gewebe mit wehmütigem Ausklang, einen weiteren Höhepunkt mit Manuel de Fallas „Nana“: Auf dem Hackbrett modulierte Schwab die bestechende Melodie aus klarer Tiefe hervor. Neben der kontrastierenden Mehrteiligkeit der Kompositionen – Introspektives kippte urplötzlich in eine Polka – ist Klezmer auf spieltechnischer Ebene durch ausgeprägten Umgang mit Dynamik und Agogik bis hin zu dramatischen Effekten gekennzeichnet, von Tricks und Gimmicks bestimmt: jähes Innehalten, um dann doppelt so schnell weiterzuspielen, als könne man die verlorene Zeit einholen.

Grandios „Fun Tashlikh“ von Naftule Brandwein, virtuose Legato-Läufe und nahezu freejazzartige Ausbrüche in Kaufmanns Klangrede. Für die Zugabe bauten Akkordeon und Bass ein swingendes Bett, in dem die Klarinette langsam erwachte. Launig ertönte das „Pink Panther“-Thema, wie ein Lachen die fallende Kaskade am Ende. Nicht fehlen durfte Humor: Immer wieder kosten sie Verzögerungen, Unterbrechungen, Störungen komödiantisch aus. „Mazel Tov“ heißt „Viel Glück!“ und ist zum Purimfest zu hören, laut der Mainzerin Schwab der Fasnet ähnlich.

Harry Schmidt
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