Fachtagung
Ludwigsburg | 27. Oktober 2016

Gewalt gegen ältere Menschen

Geschlagen, gedemütigt, missbraucht. Manche wehrlose Senioren müssen heimlich viel häusliche Gewalt über sich ergehen lassen. Beim Verein Frauen für Frauen wurde jetzt ein Beobachtungsbogen für die ambulante Pflege und die Nachbarschaftshilfe vorgestellt. Der soll helfen, wie mit Misshandlungen umgegangen wird.

Adelheid Herrmann von Frauen für Frauen begrüßt die Gäste zu einem Thema, über das viele nicht gern sprechen. Es geht um häusliche Gewalt im Leben älterer Menschen.
Adelheid Herrmann von Frauen für Frauen begrüßt die Gäste zu einem Thema, über das viele nicht gern sprechen. Es geht um häusliche Gewalt im Leben älterer Menschen.
Foto: Holm Wolschendorf

Die 94-Jährige mag nicht essen. Die Zeit ist knapp. Deshalb wird ihr der Mund aufgesperrt, der Löffel reingeschoben. Die Lippen werden solange zugepresst, bis sie schließlich schluckt. Dabei wird sie noch wegen ihrer scheinbaren Unwilligkeit von der Tochter wüst beschimpft.

Ein anderes Beispiel: Seit mehr als 30 Minuten liegt Herbert nach dem Waschen immer noch halb nackt und unbedeckt in seinem Pflegebett. Der Sohn macht sich über ihn lustig, zwickt ihn an intimsten Stellen. Der Ehefrau wird es zu bunt, zum x-ten Mal hat ihr dementer Mann sein volles Glas beim Abendbrot umgeworfen. Entnervt gibt sie ihm eine Ohrfeige. Durstig wird er schließlich recht ruppig ins Bett gepackt.

Stress, Zeitdruck und die pure Überforderung aber auch langjährige familiäre Gewaltbeziehungen, die sich über Jahre hinweg manifestiert haben sind oft Ursachen für derartige – auch sexuelle – Übergriffe, so Gertraud Selig von der kommunalen Kriminalprävention der Stadt. „Wir wollen, dass genauer hingeschaut wird.“

Seit dem Jahr 2011 arbeitet der runde Tisch „Häusliche Gewalt“ des Landkreises Ludwigsburg an der Verbesserung eines Hilfesystems für Betroffene speziell auch im Bereich von pflegebedürftigen Senioren. „Ein Thema, das wir damit endlich aus einer Tabuzone geholt haben“, so Selig. Denn laut einer Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO seien immerhin zwischen vier und sechs Prozent pflegebedürftiger älterer Menschen davon betroffen. Um die 150 000 wären das in Deutschland. 90 Prozent davon sind Frauen, so Schätzungen der entsprechenden Fachdienste.

Für Mitarbeitende in ambulanten Pflegediensten und der Nachbarschaftshilfe wurde jetzt von einer Arbeitsgruppe ein Papier entwickelt, das für solche Fälle sensibilisieren soll. Beteiligt waren Experten vom Landratsamt, der Stadt und dem Klinikum, der Polizei sowie von Beratungs- und Anlaufstellen und dem Stadt- und Kreisseniorenrat. Sind äußere Verletzungen wie blaue Flecke erkennbar, bittet der Betroffene von sich aus um Hilfe. Wirkt das Umfeld wie Bettwäsche oder Schlafhemd gepflegt, oder gibt es Hinweise für Vernachlässigung oder eine dementielle Erkrankung? Das alles wird festgehalten und mehr.

„Wir wollen keine Denunzianten“, so Selig. Der Beobachtungsbogen soll für die professionelle Betreuung Hilfsmittel sein, Auffälligkeiten festzuhalten und anschließend mit der Pflegedienstleitung zu besprechen und auszuwerten. Gegebenenfalls müsse Kontakt zur Familie aufgenommen und weitere Unterstützung angeboten werden. In akuten Fällen sei auch die Polizei einzuschalten.

Gewalt, ob psychisch oder physisch, sei ein sehr komplexes und recht diffuses Phänomen, sagte Selig. Überall wo Menschen einander begegnen, sei sie in unterschiedlichsten Ausprägungen anzutreffen. Daraus einen Generalverdacht abzu- leiten, sei aber nicht zulässig. Aber es müsse gewährleistet sein, dass Personen wegen ihrer bloßen Abhängigkeit zu anderen, nicht allem hilflos ausgesetzt sein dürften.

Thomas Faulhaber
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