Flüchtlinge
HESSIGHEIM | 10. September 2018

Große Angst vor der Abschiebung

Die irakische Familie Al-Obaidi durchlebt ein Wechselbad der Gefühle: Die drohende Abschiebung sorgt bei ihnen für große Furcht, doch die Solidarität der Hessigheimer gibt den vorbildlich integrierten Flüchtlingen auch Mut. Eine Online-Petition soll jetzt die Abschiebung verhindern, bereits mehr als tausend Menschen haben unterschrieben. Auch eine Rechtsanwältin ist eingeschaltet und hat Klage gegen den Bescheid eingereicht.

Die irakische Familie Al-Obaidi möchte gerne in Hessigheim bleiben, doch ihre Abschiebung droht (von links): Vater Alaa Al-Obaidi, die Söhne Abdullah, Layht, Mustafa, Tochter Mays und Mutter Abeer Fayyahd. Foto: Ramona Theiss
Die irakische Familie Al-Obaidi möchte gerne in Hessigheim bleiben, doch ihre Abschiebung droht (von links): Vater Alaa Al-Obaidi, die Söhne Abdullah, Layht, Mustafa, Tochter Mays und Mutter Abeer Fayyahd. Foto: Ramona Theiss

„Hessigheim ist für mich zur Heimat geworden. Hier habe ich Fußball und Deutsch gelernt. Alle sind sehr nett zu uns, man kennt sich im Ort und redet miteinander“, erklärt der 15-jährige Layht Al-Obaidi, der mit seinen Eltern Alaa und Abeer Fayyahd sowie den drei Geschwistern seit März 2016 in Hessigheim lebt. „Ich will hier nie mehr weg“, sagt auch der 17-jährige Mustafa, der momentan nach einem Ausbildungsplatz als Friseur sucht und von einem eigenen kleinen Haarsalon in der kleinen Neckargemeinde träumt.

„Ihr hört euch an wie echte Hessigheimer, die wollen auch nie weg von hier“, schmunzelt Schemaja Eisele, der mit der Familie seit deren Ankunft befreundet ist. Doch trotz des lockeren Tons ist keinem wirklich zum Lachen zumute. Denn der Asylantrag der sechs Iraker wurde jetzt zum dritten Mal abgelehnt, binnen einer Woche sollen sie Deutschland verlassen. „Ansonsten werden sie abgeschoben“, erzählt Eisele, der vor knapp einer Woche gemeinsam mit Judith Eisele eine Online-Petition gestartet hat, um die Abschiebung der vorbildlich integrierten Familie zu verhindern. Bereits mehr als tausend Menschen haben unterschrieben, gezielte Empfänger waren unter anderem der Innenminister, die Ausländerbehörde und die Landtagsabgeordneten des Wahlkreises.

Auf die Petition allein will man sich allerdings nicht verlassen. „Eine Rechtsanwältin hat gegen den Bescheid Klage eingereicht“, erzählt Eisele. Warum der Asylantrag abgelehnt wird, versteht der 26-Jährige ebenso wenig wie viele andere Hessigheimer, die der Familie ihre Sympathie bekunden.

Alaa Al-Obaidi spricht gut Deutsch, Abeer Fayyahd sogar fließend. Beide mussten ihre Deutschkurse selbst finanzieren. Er hat aufgrund der fast dreijährigen Aufenthaltsdauer in Deutschland zwar grundsätzlich eine Arbeitserlaubnis, doch muss die Ausländerbehörde immer einwilligen. Ein Hessigheimer Wengerter hat bereits vor Wochen den entsprechenden Antrag eingereicht, doch noch keine Antwort erhalten. Dringend bräuchte er den 39-jährigen Iraker für die bereits gestartete Weinlese, doch sind ihm die Hände gebunden.

Auch die Kinder sprechen sehr gut Deutsch, die achtjährige Mays und der fünfjährige Abdullah können sogar besser Deutsch als Arabisch. „Ich gehe in die Grundschule und habe viele Freunde“, freut sich Mays. Die beiden älteren Söhne spielen begeistert Fußball beim TASV Hessigheim und sind im Verein bestens integriert. Alle Kinder gehen auch zur Jungschar der evangelischen Kirchengemeinde. „Und ich habe sogar von einer Hessigheimer Freundin gelernt, schwäbischen Kartoffelsalat zu machen“, erzählt Mutter Abeer Fayyahd, dass sie auch für kulinarische Integration offen ist.

Wegen ihrer Verbundenheit zum Ort hat die Familie, die das Ludwigsburger Landratsamt vor wenigen Monaten nach Marbach umsetzen wollte, auf eigene Faust eine Wohnung in Hessigheim gesucht und gefunden. Viele Nachbarn haben sie bei der Einrichtung unterstützt. „Alle sind sehr freundlich zu uns“, betont Abeer Fayyahd. Man habe noch nie Ablehnung oder gar Anfeindung erlebt.

Das war in ihrem Heimatland ganz anders und deshalb versteht erst recht keiner, dass die Familie nicht als Flüchtlinge anerkannt wird. „Wir gehören zur sunnitischen Minderheit. Mein Großvater und ein Onkel wurden von der Miliz abgeschlachtet, mein Vater angeschossen“, erzählt Layht von der Verfolgung arabischer Sunniten. „Trotzdem wurde der Asylantrag wieder abgelehnt, weil angeblich keine Gefahr für Leib, Leben und Freiheit besteht und keine Verletzung der Menschenrechte“, kann es Schemaja Eisele nicht fassen.

Ganz offen wurde in der Familie über die angedrohte Abschiebung in den Irak gesprochen. „Abends höre ich Mays im Bett weinen“, erzählt Abeer Fayyahd, die selbst vor Angst nächtelang nicht schlafen konnte. Und ihr jüngster Sohn Abdullah habe zu ihr gesagt: „Mama, ich möchte nicht zurück in den Irak. Die Polizei soll uns nicht holen. Ich will hier in unserem Haus bleiben.“ Nicht nur Verfolgung droht bei der Rückkehr in den Irak, die Kinder hätten auch keine Möglichkeit mehr, in den zerstörten Städten zu Schule zu gehen. „Ich will auch hierbleiben, um meine Zukunftschancen zu verbessern“, sagt Layht, der im nächsten Jahr seinen Hauptschulabschluss macht und Kfz-Mechatroniker werden will. Er freut sich schon auf das Ende der Schulferien, die Chance auf Bildung weiß der Flüchtlingsjunge zu schätzen.

„Jetzt, da sie es geschafft haben, hier anzukommen und sich vorbildlich in die Gesellschaft zu integrieren, sollen sie abgeschoben werden. Das darf nicht passieren!“, betont Schemaja Eisele und hofft, dass Petition und Klage Erfolg haben.

Beate Volmari
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