12. Juni 2014

Hintergrund: Nachbarn des Irak haben Grund zur Sorge

Bagdad (dpa) - Innerhalb von zwei Tagen ist die im syrischen Bürgerkrieg stark gewordene Terrorgruppe Islamischer Staat im Irak und Syrien (Isis) fast bis nach Bagdad vorgedrungen. Der irakische Staat droht zu zerfallen. Doch auch für viele Nachbarländer ist die jüngste Entwicklung katastrophal:

"Patriot"-Raketenabwehr
Deutsche Soldaten in der Türkei vor einer "Patriot"-Raketenabwehr. Foto: Bernd von Jutrczenka/Archiv
dpa

- Türkei: Ankara ist wegen der Geiselnahme von Dutzenden Türken in Mossul durch Isis-Extremisten direkt betroffen. Zwar setzt die Türkei noch auf Diplomatie, eine militärische Intervention zur Befreiung der Geiseln sei nicht geplant. Aber Außenminister Ahmet Davutoglu hat schon mit «Vergeltung» gedroht, sollte den Türken etwas zustoßen.

Mit der Eskalation im Irak zeigt sich: Der Versuch der türkischen Regierung, sich als führende Regionalmacht zu etablieren, ist endgültig gescheitert. Unter der Agenda «Null Probleme mit den Nachbarn» wollte Ankara in den vergangenen Jahren dabei helfen, die Konflikte im Nahen Osten zu lösen - und dabei selbst als stärkste Nation in der Region dastehen. Doch mittlerweile liegt die Türkei mit vielen der Nachbarn im Streit. Vor allem der Bürgerkrieg in Syrien führte zu erheblichen Spannungen zwischen Teheran und Ankara.

- Syrien: In dem Bürgerkriegsland ist die einst von dem Terrornetzwerk Al-Kaida inspirierte Isis erst stark geworden. Die radikale Sunnitenmiliz profitierte davon, dass Länder wie Saudi-Arabien und Katar die Gegner des Regimes von Präsident Baschar al-Assad mit Geld und Waffen versorgten.

Bei der Eroberung von Mossul und dem Sturm auf andere irakische Städte fiel den Dschihadisten eine große Menge an Kriegsgerät der irakischen Armee in die Hände, das schnell über die offenen Grenzen nach Syrien gelangen dürfte. Auch Banken will die Terrorgruppe geplündert haben. Das bedeutet nicht nur einen hochgerüsteten Gegner für Assad, sondern ist auch ein Problem für die syrische Opposition. Denn die Isis kämpft inzwischen auf eigene Rechnung und duldet keine anderen Regimegegner oder kurdische Milizen in ihrem Machtbereich.

- Iran: Teheran sieht sich durch die aktuelle Eskalation im Irak in seiner Regional- und Nahostpolitik bestätigt. «Wir hatten mehrmals davor gewarnt, dass sich ohne eine vernünftige Politik der Terrorismus in der Region nur ausweiten würde», resümierte Außenamtssprecherin Marsieh Afcham. Für das schiitische Land ist es eine Genugtuung besonders gegenüber der Türkei und Saudi-Arabien, dass deren Unterstützung für die Rebellen in Syrien zu einer Eskalation der Krise geführt hat.

Nach Auffassung Teherans sind die Erfolge der Isis auch die Konsequenz der westlichen Politik in der Syrien-Krise. Terroristen sei nicht nur Spielraum gegeben worden, man habe sie sogar ermutigt, ihre Aktivitäten auf andere Länder auszuweiten, heißt es dort. Der Iran hat dem von dem Schiiten Nuri al-Maliki regierten Irak bereits im Kampf gegen den Terrorismus Unterstützung zugesagt.

- Saudi-Arabien: Das ölreiche Königreich führt in Syrien einen Stellvertreterkrieg gegen den Iran, indem es Rebellen im Kampf gegen Assad finanziert und bewaffnet. Das kam auch der Isis zugute. Das streng sunnitische Riad will den Einfluss schiitischer Muslime in der Region kleinhalten - und unterstützt zu dem Zweck gerne auch salafistische Gruppierungen wie die Isis.

Das Königshaus bangt um den eigenen Einfluss, denn in Saudi-Arabien lebt eine unzufriedene schiitische Minderheit. Besonders heikel für die Herrscher: Die meisten Schiiten leben in der Ost-Provinz, also dort, wo die großen Öl-Felder liegen. Allerdings bleibt die Isis - die sich selbst von Al-Kaida nichts mehr sagen lässt - auch für Saudi-Arabien eine unberechenbare Gruppe.

- Jordanien: Das haschemitische Königreich ist im Arabischen Frühling 2011 von einem Umsturz verschont geblieben. Doch gibt es auch dort islamistische Gruppen, die in Amman einen Machtwechsel anstreben. Die Aufnahme von mehr als einer Million syrischer Flüchtlinge hat die wirtschaftliche Lage im Land verschlechtert und damit die Situation weiter verschärft. Auf die Entwicklung im Irak schauen viele Jordanier nun mit Sorge.

Weitere Artikel aus diesem Ressort
Anzeige
UMFRAGE
DFB-Krise

Das WM-Desaster wird wohl keine personellen Konsequenzen in der DFB-Spitze nach sich ziehen. Halten Sie die Aufarbeitung in dieser Form für erfolgversprechend?

Die schönsten Seiten des Kreises
Zeitschriftenvorteil