Ludwigsburg | 16. März 2017

Jazz für alle ist jetzt Vergangenheit

Kornwestheim. Bereits das Motto auf dem Plakat der diesjährigen Kornwestheimer Jazzaktion beantwortete die Frage, wie es um die zukünftige Perspektive der beliebten Veranstaltungsreihe bestellt ist, bündig und unmissverständlich: „Zabbaduuuschtr!“ Darin manifestiert sich die einstimmig getroffene Entscheidung des sechsköpfigen Organisationsteams, das die Jazzaktion Jahr für Jahr ehrenamtlich auf die Beine gestellt hat – 28-mal hintereinander insgesamt –, der diesjährigen Auflage des Erfolgsevents keine weitere Jazzaktion mehr folgen zu lassen. Und ein wenig schwingt, wie an so manchem Moment dieses somit unwiederbringlich letzten Abends im Haus der Musik, in dieser Reaktion auf den Sparbeschluss des Kornwestheimer Gemeinderats, mit dem unter anderem die bisherige Unterstützung der Jazzaktion nach Kürzungen in den Vorjahren nun endgültig dem Rotstift zum Opfer fiel, auch so etwas wie Enttäuschung über die mangelnde Wertschätzung seitens der Stadt mit.

Musizierte Mannigfaltigkeit: Die HLG Big Band bei der letzten Jazzaktion.
Musizierte Mannigfaltigkeit: Die HLG Big Band bei der letzten Jazzaktion.
Foto: Karin Rebstock

Der Kreis der Organisatoren, die sich scherzhaft „Aktionäre“ nennen, ist weder als Verein noch auf andere Form als juristische Person abgesichert. Dass die Probleme, die Finanzierung der Veranstaltung stets aufs Neue auf die Beine zu stellen, auch für die Verantwortlichen selbst auf Dauer zermürbend war, räumt Erster Bürgermeister Dietmar Allgaier (CDU) ein, spricht von einem „absolut tollen Angebot auf höchstem Niveau“ und bedauert, falls dies „von Seiten der Stadtverwaltung nicht ausdrücklich genug rübergebracht“ worden sein sollte, weist aber auch darauf hin, dass der hier in der Diskussion stehende mittlere vierstellige Betrag lediglich ein Bruchteil der jährlich 700 000 Euro sind, die allein im Kulturetat eingespart werden müssen. „Die Berührungsängste mit Jazz sind nach wie vor da“, erteilt Armin Köhnke, der nicht nur als langjähriger Conferencier mit originellen, nicht selten von subversivem Humor gestreiften Moderationen durchs Programm führte, sondern auch noch die Funktionen eines Produktionsleiters übernimmt, der Überlegung, die bislang stets eintrittsfreie Veranstaltung künftig durch Ticketverkauf zu finanzieren, ebenso eine Absage wie der Aussicht, komplett von Sponsoren abhängig zu sein. Er unterstreicht den bewusst niederschwelligen Ansatz des Konzepts: „Wenn’s nichts kostet, schaut man aber trotzdem mal rein und stellt dann möglicherweise fest: So schlimm ist’s ja gar nicht.“ Jazz für alle sei das erklärte Ziel.

Wie gut das funktioniert, bewies einmal mehr ein Blick in den Studiosaal, der das gewohnte Bild bot: Bis auf den letzten Platz besetzt, waren punkige, zweifarbige Frisuren unter den Jazzfans vorwiegend älteren Jahrgangs auszumachen, Familien mit Kindern, selbst Jugendliche mit Smartphone und Skateboard füllten die Reihen, als die HLG Big Band, das 17-köpfige, von Jürgen Bothner geleitete Jazzensemble des Markgröninger Helene-Lange-Gymnasiums, das Podium einnahm und mit Standards wie Neal Heftys „The Creeper“, „Splanky“ und „Jive at Five“ der Count-Basie-Tradition huldigte. „Chameleon“ sah mit Christian Kamm einen Pianisten in der Rolle Herbie Hancocks, der 1990 zu den Gründern der Jazzaktion gehörte. Siebenmal ist er Teil einer der über 200 Formationen gewesen, die in 28 Jahren hier aufgetreten sind, sein Name ist nur einer auf der Liste der laut Programmkoordinator Bernd Mathe 1319 Musiker, die ganz nüchtern schwarz auf weiß ausgedruckt im Eingangsbereich hängt und dort ein wenig wirkt wie die Tafel der Gefallenen eines Mahnmals.

Dass sich Musiker ungern die Laune verderben lassen, wurde auch mit der Zugabe der Big Band klar: Messerscharfe Bläsersätze und energiegeladener Groove mit „The Chicken“ von Jaco Pastorius. Kontrastprogramm mit Zone 3, einem kammermusikalischen Trio um Bassist Oliver Biella, Veteran der Jazzaktion: kontemplativ, fast meditativ gestimmt ihr post-rockiger Jazz, in dem immer wieder Gitarrist Stefan Schumacher, etwa in Keith Jarretts „Memories“, mit virtuosen Soli nachhaltig beeindruckte, während sich Uwe Kühner als genauso sensibler wie kreativer Perkussionist erwies. Das lässt sich auch von Hans Fickelscher behaupten, der dieselbe Position im Martin Keller Quintett besetzt. Damit nicht genug, dass ihr Leader als Souverän am Tenorsaxofon genauso überzeugt wie an der Bassklarinette, sorgen die Violine von Florian Vogel und das Akkordeon von Tobias Escher noch für zusätzliche, folkige Klangfarben. Texte von Paul Scheerbart und Flann O’Brien dienen ihnen als Inspiration, wunderbar der lautmalerische, äußerst anschauliche Tango namens „Drunken Drummerman disembarking Blue-white Microbus“: Man sieht den betrunkenen Schlagzeuger geradezu greifbar vor sich aus dem VW-Bus fallen und über den Gehsteig wanken.

Mit Auftritten des Bartók Kombinats, einem Quartett, das konzertanten Jazz mit Motiven der klassischen Moderne verbindet, und dem sehr einnehmenden Trio Das letzte Känguru, das wie eine optimistischere Version von Bohren und der Club of Gore rüberkommt, wurde die spektrale Mannigfaltigkeit des Genres um weitere Facetten bereichert. Jazzrock der Siebziger grundierte den Schlusspunkt mit dem Trio Downbeatclub: Mit ihrer Zugabe „This Is My Family“ gingen die Lichter der letzten Jazzaktion weit nach Mitternacht aus. Ein für allemal. Schicht im Schacht.

Harry Schmidt
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