Ludwigsburg | 14. März 2018

Kein Hof ist wie der andere

Vortrag über den Wert der Landwirtschaft – Bauern leiden unter Preisverfall und Neid

„Hat die Arbeit in der Landwirtschaft einen Wert?“, titulierte der Bezirksarbeitskreis Besigheim-Brackenheim des Evangelischen Bauernwerks die Veranstaltung, die am Donnerstagabend im Strombergkeller stattfand. Die Fragestellung suggeriert nach Meinung der Landesbauernpfarrerin Gabriele Walcher-Quast bereits, dass sie keinen Wert habe. Deshalb taufte sie ihren Vortrag „Vom Wert der Landwirtschaft in der Gesellschaft“.

 

Einleitend stellte die Referentin fest, dass es „die“ Landwirtschaft nicht gebe. Biologisch oder konventionell, Schweinezucht oder Milchviehwirtschaft, Ackerbau oder Gemüse, klein oder groß, mit oder ohne Hofladen – kein Hof sei eins zu eins mit einem anderen vergleichbar.

 

Erst ein halbes Jahr im Amt als Landesbauernpfarrerin ist Gabriele Walcher-Quast aufgefallen, wie viele Zeitschriften es zum Landleben gibt. Doch wie entsprechende Fernsehserien oder Bilderbücher zeigten sie eine reine Idylle. Bis in die letzte Ecke blankgeputzte Höfe, Kutschfahrten und Trachten entsprechen nicht dem Alltagsleben in der modernen Landwirtschaft. „Die andere Seite sind die Skandale, die hochgekocht werden“, so Walcher-Quast. Auch Dauerthemen wie Gentechnik, Antibiotika oder chemischer Pflanzenschutz passten nicht zu dem idyllischen Bild.

 

„Heute haben viele Menschen ihr Wissen über Landwirtschaft aus den Medien, andere vom Urlaub auf dem Bauernhof oder Einkauf im Hofladen“, erklärte die Pfarrerin. Landwirtschaft stehe in Wechselwirkung mit dem Landschaftsraum. Die Ernährungssicherheit müsse mit der Erholungsfunktion und ökologischen Nutzung in Einklang gebracht werden. Die Bauern selbst würden gern nachhaltig und vorsorgend wirtschaften, doch das passe nicht zum Tun der übrigen Gesellschaft, nannte Gabriele Walcher-Quast ein „Anspruchsdilemma“. Der Verbraucher erwarte einerseits Produktion auf hohem Niveau, andererseits aber auch niedrige Preise. Da der Verbraucher viele Arbeitsprozesse nicht mehr aus eigener Erfahrung kenne, sei der Bezug zum Erzeuger verloren gegangen.

 

„Wo würden Sie sich verorten?“, forderte die Referentin die knapp 60 Besucher auf, sich selbst als Landwirt auf einem Blatt mit vorgegebener Ellipse einzuzeichnen. Viele platzierten sich in die Mitte der Ellipse, stellte Melanie Läpple, Bildungsreferentin des Bauernwerks, fest. „Die Landwirtschaft ist wichtig. Der ganze Wohlstand bringt nichts, wenn man nichts zu essen hat“, „ohne die Landwirtschaft kann die Gesellschaft nicht leben“, lauteten die Begründungen. Ein Weinbauer hatte sich am Rand, aber noch innerhalb der Ellipse platziert. Als großes Problem nannte er den Preisverfall. Die Bauern könnten davon nicht leben, aber die Politik kümmere sich zu wenig. „Manchmal fühlt man sich ganz stark, dann wieder an den Rand gedrückt und in Kritik“, nannte eine Milchbäuerin ein Wechselbad der Gefühle. „Wir machen uns aber das Leben auch selbst schwer. Der Neid in der Landwirtschaft ist ganz groß“, übte sie Selbstkritik an ihrem Berufsstand. Ein anderer Bauer sah eher die Anfeindungen von außen als Problem – wenn man Gülle ausfahre, werde man geradezu kriminalisiert.

 

Doch es wurden auch positive Erfahrungen genannt. Gerade in der Direktvermarktung gebe es hoffnungsvolle Ansätze und konstruktive Gespräche mit den Verbrauchern. Auch Schulprojekte seien sehr positiv. Gabriele Walcher-Quast bezeichnete es als wichtig, selbst hinter dem zu stehen, was man mache. Dann sei man besser gegen das gefeit, was von außen komme. „Die eigene Wertschätzung auch anderen zuteilwerden lassen“, appellierte sie, dass man nicht neidisch sein sollte, wenn beispielsweise ein Bauer in der Presse gut wegkomme, sondern dies als positiv für die gesamte Landwirtschaft zu sehen.

Beate Volmari
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