Ludwigsburg | 12. Juni 2018

Langer Weg zurück ins Leben

Die Autorin Marion Tauschwitz stellt ihre autobiografische Novelle auf dem Friedhof vor

Marion Tauschwitz bei ihrer Lesung in der Feierhalle.Foto: Holm Wolschen dorf
Marion Tauschwitz bei ihrer Lesung in der Feierhalle.Foto: Holm Wolschen dorf

Ludwigsburg. Es darf nicht sein und doch ist es geschehen: Der Ehemann stirbt mit 39 Jahren, ganz unerwartet, ein Herzriss beim Montagabendsport. Die Ehefrau und die beiden Kinder stehen plötzlich alleine da und müssen nun mit diesem Alptraum leben. Die Geschichte die die Schriftstellerin Marion Tauschwitz las, ist ihre eigene und sie ist mehr als eine Dokumentation der Trauerarbeit, sondern auch eine Begegnung mit dem Unglaublichen, das sich schließlich dann doch keiner wünscht, weil es im Leben so nicht vorgesehen ist.

Die Heidelberger Autorin Marion Tauschwitz las aus ihrer 2010 erschienen, autobiografischen Novelle „Schlägt die Nachtigall am Tag“. Das tat sie am späten Samstagvormittag an einem ungewöhnlichen Ort: In der Feierhalle des Krematoriums auf dem Ludwigsburger Friedhof. Pirmin Ragg setzte hier die gefühlvollen Akzente mit seiner Orgelmusik und verlieh der von der Stadtbibliothek organisierten Veranstaltung einen passenden Rahmen.

Die Autorenbegegnung im Rahmen des Literatursommers Baden-Württemberg lockte aber nur wenige Besucher an diesen besonderen Ort. Der Umgang mit Tod und Sterben war an diesem schönen Sommertag wohl kein Thema, über das die Menschen sprechen oder nachdenken wollten.

Tauschwitz hat immerhin 20 Jahre gebraucht, bis sie endlich darüber schreiben konnte. „Das Erlebte muss verarbeitet werden, bevor es zu Literatur werden kann“, sagte sie. Sie wählte die Form der Novelle, die bei ihr mit einem Rückblick beginnt und Wege aufzeigt. Die Retrospektive schilderte Tauschwitz in eindringlichen Worten. Das nächtliche Klingeln, der tränenüberströmte Sportfreund ihres Mannes und schließlich ihr Umgang mit dem Tod ihres Mannes. Den will sie nicht anerkennen, sie flüchtete sich in Tagträume, der irrationale Wunsch nach seiner Rückkehr ist auch die Unfähigkeit zu akzeptieren, was geschehen ist.

Und es folgt wie in der Literatur durchaus üblich die Ebene der Fiktion: Er kommt zurück, ihr Wunsch wird erfüllt, aber um alles andere muss sie sich selbst kümmern. Ist sie jetzt eine Versicherungsbetrügerin? Können ihre kleinen Söhne überhaupt damit umgehen? Nein es ist gar nicht alles gut, wenn er nur wiederkommt. Einen Tod rückgängig machen? Ein solcher Fall ist einfach nicht vorgesehen. „Trauer hat ein Verfalldatum, wenn man das Leben nicht annimmt, zieht es sich zurück“ , schreibt sie.

Im Jahre 2001 lernte Marion Tauschwitz, die Dichterin Hilde Domin kennen und wurde deren Freundin und Vertraute. Sie begleitete sie bis zu deren Tod im Jahre 2006.

2009 legte sie Domins umfassende Biografie vor, die von der Kritik als Standardwerk begrüßt wurde. Am Freitagabend beleuchtete Marion Tauschwitz im Kulturzentrum die wenig bekannte Seite von Hilde Domin: Die einer Vorkämpferin für die Rechte der Frau. Domins Thesen über die Schwierigkeiten, eine berufstätige Frau zu sein, sind hochaktuell. Hilde Domin, die aus einer jüdischen Kölner Familie stammt, lebte konsequent. Als Hitler zum Reichskanzler ernannt wurde, verließ sie Deutschland, erst nach 22 Jahren Exil kehrte sie wieder in die Bundesrepublik zurück.

„Furchtlos mit der kleinen Stimme gegen das Verschlingende ankämpfen“: Dieser Satz beschrieb auch die Situation an diesem Abend: Brautage im Rathaushof, Livemusik und dann die kleine Stimme der Autorin sowie die prägnanten, zum Nachdenken anregenden Gedichte Domins. Es war eindeutig der falsche Zeitpunkt.

Angelika Baumeister
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