12. Januar 2012

Leer, erschöpft und völlig ausgebrannt

Psychische Probleme nehmen auf dramatische Weise zu, sie zählen nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde
inzwischen zu den häufigsten Erkrankungen in der Gesellschaft. Anlässlich des Internationalen Tages der seelischen Gesundheit am 10. Oktober wird ein Gegensteuern gefordert.

Psychische Probleme nehmen auf dramatische Weise zu, sie zählen nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde
inzwischen zu den häufigsten Erkrankungen in der Gesellschaft. Anlässlich des Internationalen Tages der seelischen Gesundheit am 10. Oktober wird ein Gegensteuern gefordert.

Mehr als jeder dritte EU-Bürger leidet laut einer Studie mindestens einmal im Jahr an einer psychischen oder neurologischen Störung. Besonders häufig treten
Angstzustände, Depressionen und Erschöpfungssymptome auf. Die Zunahme ist vor allem auch auf Stress im Beruf zurückzuführen, die Fehlzeiten bei Arbeitnehmern aufgrund psychischer Erkrankungen steigen an, die Beschäftigten fühlen sich zunehmend ausgebrannt. Auch prominente Fälle wie jüngst der
Rücktritt des Fußballtrainers Ralf Rangnick aufgrund eines Burnouts lassen aufhorchen.
In der Ludwigsburger Aktionswoche zum Welttag der Seelischen Gesundheit spricht unter anderem Dr. Joachim Ronge, Vorsitzender des Vereins zur Förderung Psychischer Gesundheit und Ärztlicher Direktor im Ruhestand der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie/Psychosomatik am Klinikum Ludwigsburg.
Er beleuchtet die psychisch bedingte Erschöpfung und Depression. „Arbeit an sich macht nicht krank“, sagt Dr. Ronge im Gespräch mit unserer Zeitung.
Wenn aber Arbeitsüberlastung und geringe Wertschätzung zusammenkämen, dann entstehe ein großer Druck auf den Einzelnen, er stehe nur noch unter Anspannung,
was schließlich zu völliger Erschöpfung, Burnout und Depression führen könne.
„Besonders kritisch wird es, wenn zu den Belastungen im Beruf auch noch persönliche Probleme hinzukommen“, betont Dr. Ronge. Die langen Fehlzeiten
aufgrund berufsbedingter psychischer Erkrankungen würden das Gesundheitssystem dabei enorm belasten. Und sie haben Ronge zufolge auch noch einen Dominoeffekt: Falle ein Mitarbeiter aus, müssten die Kollegen mehr arbeiten und somit seien auch sie wieder gefährdet. Ronge empfiehlt Unternehmen, sich von außen beraten zu lassen. So könne ein unter Schweigepflicht stehender Supervisor Gespräche mit Mitarbeitern führen und Probleme im im zwischenmenschlichen Umgang aufdecken. Hilfe für Betroffene
geschieht mit dem von Dr. Ronge vor über 20 Jahren gegründeten Verein zur Förderung Psychischer Gesundheit, der auch das Psychosoziale Netzwerk
(PSN) aufgebaut hat, wo vor allem die außerklinische Versorgung einen Schub bekam.
PSN-Geschäftsführer Stefan Blank kennt viele Fälle vor allem auch berufsbedingter psychischer Erkrankungen. Wenn ein Mensch jegliche Hoffnung verliere, die Dinge des Lebens zu bewältigen, sich zunehmend zurückziehe und nicht mehr aus seiner Trostlosigkeit herauskomme, dann herrsche dringender Handlungsbedarf, so Blank. Er nennt noch ein weiteres Problem: Psychische Erkrankungen seien immer noch stark stigmatisiert, aus Angst vor Ausgrenzung und aufgrund mangelnder Informationen werde oft keine Hilfe in Anspruch genommen. Die Verbesserung der Situation von psychisch Kranken und ihrer
Angehörigen ist die Mission von Wilhelm Krauspe. Er engagiert sich schon seit vielen Jahren ehrenamtlich in diesem Bereich und plant in Ludwigsburg die
Gründung einer Selbsthilfegruppe für Angehörige. „Betroffene leiden immer noch stark unter Vorurteilen, viele werden von der Statistik gar nicht erfasst, weil sie
bei ihren Angehörigen in der Versenkung verschwinden“, sagt Wilhelm Krauspe. Er sieht in der Versorgung und Betreuung große Defizite. So will er die Isolation
durch Beschäftigungsprojekte aufbrechen. Er berichtet außerdem von überbelegten Krankenhäusern und ausgebuchten Therapeuten.
Die Wartezeiten für eine Psycho- oder Verhaltenstherapie betragen laut Krauspe in der Regel ein Vierteljahr oder länger.
VON ANGELIKA BAUMEISTER
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