Ludwigsburg | 28. Juli 2016

Lehrlinge schnuppern walisischen Arbeitsalltag

Remseck. In walisischen Büros beginnt der Arbeitstag mit einem Tässchen Tee unter Kollegen. Eine Erfahrung, die gerade zwölf Auszubildende der Erich-Bracher-Schule in Pattonville machen. 

Carina Rentschler, Eva Huwald und Sabine Mesenhöller leiten das Austausch-Projekt mit Wales, an dem Schüler und Lehrlinge (rechtes Bild) der Erich-Bracher-Schule teilnehmen.
Carina Rentschler, Eva Huwald und Sabine Mesenhöller leiten das Austausch-Projekt mit Wales, an dem Schüler und Lehrlinge (rechtes Bild) der Erich-Bracher-Schule teilnehmen.
Foto: Holm Wolschendorf/Erich-Bracher-Schule

Für vier Wochen sind sie derzeit auf der britischen Insel.

„Wenn die Schüler zurück sind, hat ihr Selbstvertrauen deutlich zugelegt“, beobachten die Projektleiterinnen Eva Huwald, Carina Rentschler und Sabine Messenhöller. Für viele sei es eine Bewährungsprobe, ihr Leben erstmals außerhalb von „Hotel Mama“ eigenständig zu managen und im Griff zu halten. Und das in einer fremden Sprache. Davon würden auch die Arbeitgeber profitieren, weil sie nach vier Monaten deutlich besser organisierte Lehrlinge zurückbekommen. Ganz abgesehen von den Fortschritten in der Business-Sprache Englisch.

Dass das Projekt „EBSivt“ für die Ausbildungsbetriebe Sinn macht, belegt, dass einige Firmen schon zum zweiten oder dritten Mal ihre Lehrlinge für einen ganzen Monat bei vollem Gehalt nicht nur freistellen, sondern meistens auch noch die Eigenbeteiligung über 350 Euro für sie übernehmen. Den Rest legt die Europäische Union über das Erasmus-Programm drauf.

Erstmals nehmen neben den Industriekaufleuten auch Auszubildende aus dem Bereichen Einzelhandel und Lagerlogistik teil. In vorbereitenden Workshops wurde an der Erich-Bracher-Schule in Pattonville das Englisch aufgemöbelt und über Land und Leute gesprochen. „Dort ist der Umgang miteinander sehr höflich“, sagen die Projektleiterinnen. Es werde nicht etwa in den Bus hineingedrängelt, sondern eine ordentliche Warteschlange gebildet und beim Aussteigen bedankt man sich beim Fahrer. Kritik wird, wenn überhaupt, nur über sieben Ecken geäußert und nicht so direkt wie in Deutschland. Und auch, wenn einen etwas störe, übe man sich äußerlich in Toleranz und nehme die Situation erst einmal als gegeben hin.

Erst Sprachtraining, dann der Job

Nach einer Woche intensiven Sprachtrainings in Wales geht es in die Jobs. Dabei ist es weniger wichtig, welche Aufgabe der Einzelne übernimmt, sondern dass er sie in unbekannter Umgebung meistert. So arbeitet das Pattonviller Dutzend verteilt im IT-Büro, in einer Kunstgalerie, im Heimatmuseum, in der College-Bibliothek, bei einem Online-Feinkosthandel oder im Café. Die Auszubildenden leben bei Gastfamilien oder in einer Mädels-WG auf dem College-Campus.

Eine Woche lang haben Eva Huwald und Carina Rentschler ihre Schüler besucht. „Anfangs haben sie wegen des ungewohnten Umfelds genörgelt“, erzählen die beiden. Aber je länger sie redeten, desto begeisterter wurden sie. Einer überlegte sogar, zu bleiben. Ein anderer lobte gar die Küche seiner Gastmutter. Alle bemerkten, dass die Unterschiede zwischen deutschem und walisischem Arbeitsalltag gar nicht so groß sind. Bis auf die Teezeiten, die sich über den ganzen Tag verteilen, bis zum Feierabend um fünf Uhr. Danach gibt’s ein Pint im Pub.

Die EBS will die Auslandswoche, für die die Schüler mit dem „europass Mobilität“ ein offizielles EU-Zertifikat bekommen, unbedingt fortführen. 2017 werden 13 Auszubildende nach Wales fliegen. Offen ist, wie sich der Brexit auswirken wird und ob Wales im Programm verbleiben kann. „Wir sehen uns vorsorglich schon nach anderen Partnern um“, so Angelika Schober-Penz von der EBS. Die Erfahrungen im Ausland seien unbezahlbar, würden die Attraktivität der dualen Ausbildung und der Erich-Bracher-Schule stärken.

Thomas Faulhaber
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