Ludwigsburg | 10. Oktober 2016

Mit Theater gegen Radikalisierung

„Red Bull ist also halal. Hätte ich nicht gedacht“, sagt Tarek (Daniel Neumann). Das Publikum lacht, auch wenn das Thema des Theaterstücks „Achtung?!“ ernst ist: Es geht um die Radikalisierung Jugendlicher.

Noch sind Tarek (Daniel Neumann) und Lina (Laura Pletzer) beste Freunde. Foto: Holm Wolschendorf
Noch sind Tarek (Daniel Neumann) und Lina (Laura Pletzer) beste Freunde. Foto: Holm Wolschendorf

Das Stück ist Kernelement des gleichnamigen Präventionsprojekts, das das Polizeipräsidium Ludwigsburg ins Leben gerufen hat. Am Mittwoch feierte es in Pattonville vor Achtklässlern in der Realschule Remseck Premiere.

 

Im Mittelpunkt des Stücks stehen Tarek und Lina (Laura Pletzer). Die beiden sind beste Freunde, doch dann muss Lina mit ihren Eltern in ein kleines Dorf nach Bayern ziehen. Während Tarek sich oft unverstanden fühlt und im Islam Halt findet, hat Lina bald neue Freunde und driftet in die rechte Szene ab. Die Zuschauer können miterleben, wie sich beide nach und nach radikalisieren.

 

Emotionen im Mittelpunkt

 

Das Stück sorgt immer wieder für Gänsehaut, etwa als der Streit der beiden Jugendlichen zum Schluss zu eskalieren droht und sie die gleiche Parole rufen. „Wir wollen über die Emotionen Jugendliche ansprechen“, sagt Projektleiter Jürgen Hauber. „Es soll aufgezeigt werden, wie extremistische Gruppen sich die Bedürfnisse junger Menschen zunutze machen.“

 

Immer wieder wird das Stück bewusst durchbrochen, und die beiden Darsteller wenden sich an das Publikum. „Warum läuft Lina Tom hinterher?“, fragt Daniel Neumann das Publikum. Tom, ebenfalls gespielt von Neumann, ist ein Neonazi, der Lina in die rechte Szene zieht. „Sie hat niemanden sonst“, meldet sich eine Zuschauerin während der Generalprobe. Die Schüler sollen bereits während der Aufführung zum Nachdenken angeregt werden.

 

Neben dem Theaterstück gibt es für die Schüler einen Workshop mit Vertretern der Landeszentrale für politische Bildung und eine Nachbereitung mit der Polizei. Zudem werden Informationsabende für Eltern und Lehrer angeboten. „Dort wird besprochen, wie die allgemeine Lage ist, welche Szenen es gibt, wie diese arbeiten und was die Warnsignale sind“, so Andrea Glück, Leiterin der Geschäftsstelle. Bis zum Sommer 2018 soll das Theaterstück 40-mal in den Landkreisen Ludwigsburg und Böblingen aufgeführt werden.

Mit dem Projekt sollen Jugendliche der Klassenstufen sieben bis neun für das Thema sensibilisiert werden. Denn wenn Jugendliche extremistische Tendenzen aufzeigen, seien es oft die Mitschüler, die die Signale als Erste bemerken würden. „Das Wichtigste ist, dass man mit diesen Jugendlichen im Gespräch bleibt. Die Mitschüler dürfen sich nicht abwenden, auch wenn man dazu neigt“, so Andrea Glück.

 

Gefördert von der EU

 

Angestoßen wurde das Projekt, weil Nachfragen bei der Polizei eingingen. „Lehrer, Eltern und Moscheeverbände haben sich bei uns gemeldet, weil sie Informationen zum Thema Radikalisierung haben wollten“, sagt Glück.

 

Zu 75 Prozent wird das Projekt aus EU-Fördermitteln gezahlt. Mit 350 000 Euro wurde es bezuschusst, womit vor allem die Umsetzung des Stückes finanziert wurde. „Der größte Teil der Zusatzangebote wird von der Polizei kostenlos zur Verfügung gestellt“, so Hauber.

 

Das Bühnenwerk hatte das Theater Q-rage entwickelt, das bereits mehrere Präventionsstücke für Jugendliche geschrieben hat. „Wir haben es in ständiger Rückkopplung mit der Polizei, dem Verfassungsschutz und der Landeszentrale für politische Bildung entwickelt“, so Sandra Hehrlein, Leiterin des Theaters. „Das war wichtig, um zu verstehen, welche Emotionen bei den Beteiligten ausgelöst werden. Wir wollten die Geschichte nicht einfach ins Blaue hinein schreiben“, sagt sie. Nur so könnten sich die Schüler in das Stück hineinversetzen.

 

Info: Weitere Informationen unter www.radikalisierung.info oder an ludwigsburg.pp.pg-achtung.bwl.de

Lisa Nack
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