Ludwigsburg | 09. November 2017

Religion zwischen Disput und Dialog

LUDWIGSBURG. Seit Minuten kommen immer wieder kleine Grüppchen Weißgewandeter durch die Gänge an den Seiten der Tribüne und nehmen ihre Plätze an den Bühnenrändern ein. Ist das schon der Anfang? Hat das Stück bereits begonnen? Subtil installiert Regisseur Axel Brauch in seiner klugen Inszenierung von „Urban Prayers“ nach einem 2016 erschienen Buch von Björn Bicker gleich zu Beginn das Motiv des Zweifelns, zunächst gar nicht auf der Bühne der Reithalle, sondern zuerst in den Köpfen des Publikums selbst.

Schauspieler und Musiker aus verschiedenen religiösen Gemeinschaften stehen bei „Urban Prayers“ auf der Bühne. Fottos: Holm Wolschendorf
Schauspieler und Musiker aus verschiedenen religiösen Gemeinschaften stehen bei „Urban Prayers“ auf der Bühne. Fottos: Holm Wolschendorf
Schauspieler und Musiker aus verschiedenen religiösen Gemeinschaften stehen bei „Urban Prayers“ auf der Bühne. Fottos: Holm Wolschendorf
Schauspieler und Musiker aus verschiedenen religiösen Gemeinschaften stehen bei „Urban Prayers“ auf der Bühne. Fottos: Holm Wolschendorf
Schauspieler und Musiker aus verschiedenen religiösen Gemeinschaften stehen bei „Urban Prayers“ auf der Bühne. Fottos: Holm Wolschendorf
Schauspieler und Musiker aus verschiedenen religiösen Gemeinschaften stehen bei „Urban Prayers“ auf der Bühne. Fottos: Holm Wolschendorf

Schließlich erscheinen zwei Frauen und zwei Männer in grauen Gewändern, Tradition und Utopie scheinen darin zu einer zeitlosen Wirkung verschmolzen. Sie schreiten mit tragbaren Lautsprechern, aus denen sphärische Flächen dringen, durch die Reihen. Mit rund 400 Zuschauern ist die Eröffnungsveranstaltung des diesjährigen Großprojekts des Bürgertheaters Ludwigsburg am Samstagabend gut besucht. Weitere vier Aufführungen durchs Stadtgebiet folgen noch, darunter in der Kirche St. Johann, der DITIB-Moschee und in der alevitischen Gemeinde (www.buergertheaterlb.wordpress.com).

Choreographierter Wortwitz

Nach einem unbekannten Plan legen die vier Protagonisten Steine ab und nehmen sie wieder auf, bis sie schließlich zwei Haufen rechts und links der übermannshohen, aus hölzernen Dreiecken bestehenden geodätischen Kuppel bilden, die das Zentrum des Podiums beherrscht (Bühnen- und Kostümbild: Gesine Pitzer).

„Was glaubt ihr denn“ heißt Bickers Stück, das als Montage von Interviews mit Gläubigen vieler Konfessionen und Ungläubigen über Fragen des Glaubens aus einem Theaterprojekt hervorgegangen ist. Und genauso tönt es unisono von der Rampe: „… wer wir sind?“ Und: „Was glaubt ihr denn, wer ihr seid?“

Rainer Kittel, der als Dramaturg auch die künstlerische Leitung des Projekts inne hat, verteilt nun Bickers „Chor der gläubigen Bürger“ auf die vier Stimmen seiner Schauspieler, wodurch diese exemplarischen Charaktere zwar unterschiedliche Konturen annehmen, sich aber trotzdem einer durchgängigen und kompletten Zuordnung zu einer konkreten Konfession entziehen. Dadurch entstehen pointierte Dialoge voller Konsonanzen, Korrespondenzen, Reibungen und Widersprüchen. Deren geradezu choreographierter Wortwitz verlangt Yahi Nestor Gahe, Corbinian Deller, Cecilia Hafiz und Alexandra Mahnke ein gehöriges Maß an Timing ab, was die junge Schauspielerriege bei der Premiere größtenteils mit Bravour bewältigte. „Wir nicht!“ lautet eine gängige Antwort hier auf eine der vielen behauptenden Aussage hin.

Dass „Urban Prayers“ nicht nur Gläubigkeit, Sinnsuche und Spiritualität, sondern auch negative Seiten von Religionsausübung thematisiert, Diskurse über Fanatismus, Fundamentalismus, Hass und die Bedeutung der Machtfrage nicht ausspart, ist eine der Stärken dieses starken Stücks. Dass es darüber hinaus auch bei den ernsten Fragen, die hinter dem heiter klingenden Stichwort „Interreligiöser Dialog“ auftauchen, auf Humor nicht verzichtet, eine weitere: Bei der rhythmisierten Aufzählung der in Ludwigsburg vertretenen Konfessionen in verteilten Rollen ist es nach fast jeder Nennung Gahe vorbehalten, noch ein „orthodox“ anzuhängen. Tanzend umrunden die Vier die Kuppel und wiederholen die Stadtteile, preisen Ludwigsburg als „city of god“.

Weitere Aufführungen in den Gemeinden

Der Clou der Inszenierung liegt jedoch darin, dass fast jede der weiteren Vorstellungen bei einer anderen religiösen Gemeinschaft im Stadtgebiet gastiert, wobei die Schauspieler zwar den selben Text einsetzen, aber die szenische Umsetzung sich an den Ort anpassen muss. Dazu gehört auch, dass zwischen den fünf Kapiteln „Glauben“, „Schuld und Vergebung“, „Bauen“, „Familie“ und „Träume“ jeweils Darbietungen verschiedener Klangkörper der gastgebenden Gemeinde und liturgische Elemente aus den entsprechenden Gottesdienstformen zu erleben sein werden.

Am Samstagabend fiel diese Rolle dem von Kara Haass geleiteten Chor Gospel-Power der evangelischen Erlöserkirche, einer Musikerin und einem Musiker der alevitischen Gemeinde Ludwigsburg, die auf Langhalslauten eine Sängerin begleiteten und dem syrisch-aramäischen Mädchenchor der Mor Petrus & Paulus Gemeinde aus Bietigheim-Bissingen zu. Dass hierbei Menschen aus Volksgruppen, die sich in ihrer Heimat auf Schlachtfeldern gegenüberstanden oder noch stehen, sich eine Bühne teilen, gehört zu den schönsten Aspekten dieses so ambitionierten wie gelungenen Projekts des Bürgertheaters.

Da hat Bettina Gonsiorek, die die Produktionsleitung für das Projekt übernommen hat, allen Grund zu strahlen. Die zweijährige Planungsarbeit, sie hat sich vollauf gelohnt.

Harry Schmidt
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