Ludwigsburg | 06. September 2017

Schwäbische Savanne beim Zipfelbach

Carolin Zimmermann ist im Remsecker Ortsteil Hochdorf aufgewachsen und kennt das Gebiet des Zipfelbachs, der an der Nordseite der Buocher Höhe im Rems-Murr-Kreis entspringt, durch Winnenden sowie Hochdorf fließt und bei den Poppenweiler Zugwiesen in den Neckar mündet, ganz genau. Der im Naturschutzbund Deutschland (Nabu) engagierten Hobby-Ornithologin und offiziellen Naturschutzwartin des Landkreises liegt viel an ihrer Heimat, sie bringt deren Schönheit seit über 15 Jahren bei naturkundlichen Führungen näher. Sie will sensibilisieren für Zusammenhänge und öffnet die Augen für die Artenvielfalt in heimischen Paradiesen.

Das Zipfelbachtal entdeckt man am besten bei einer kleinen Wanderung vom Poppenweiler Friedhof aus. Es geht in ein Landschaftsschutzgebiet, Bebauung ist hier prinzipiell verboten, die landwirtschaftliche Nutzung aber erlaubt. Der Getreideacker wurde gerade abgemäht und die Greifvögel lauern auf Mäuse, die jetzt leichte Beute sind. Die Streuobstwiesen mit den alten Hochstämmen sind ideale Lebensräume für den Grünspecht, der gerade gerufen hat und hier seine Bruthöhlen zimmert. „Einfach zu bewirtschaftende Plantagenbäume bringen der Natur nichts“, sagt Carolin Zimmermann. Außerdem findet der Grünsprecht im Boden der trockenen Wiesen, die nur einige wenige Male im Jahr gemäht werden, eine Unmenge an Ameisennestern. Carolin Zimmermann nennt die trockenen Wiesen mit den lockeren Baumreihen auch „schwäbische Savanne“.

Am Wegesrand wachsen Ackerwildkräuter, die sogar mediterrane Gerichte würzen. Beispielsweise der Gewöhnliche Dost, auch Oregano genannt. Die Naturschutzwartin macht auf Schmetterlinge aufmerksam, die sich auf ganz bestimmte Pflanzen wie die lilafarbene Wiesenflockenblume spezialisiert haben. Das Fatale: Ist die Pflanze weg, verschwindet auch der Schmetterling. So geschieht das beispielsweise an den Rändern stark gedüngter Ackerflächen, wo kein Platz mehr für Dost oder Sichelmöhre ist. Tarnung ist alles und wer gefährlich aussieht, hat ein längeres Leben, wie das Tagpfauenauge, ein imposant gezeichneter Schmetterling, oder die Hornissenschwebfliege beweisen. „Schwebfliegen sind sehr nützlich“, sagt die Naturexpertin. Der Grund: Sie vertilgen die schädlichen Blattläuse.

Carolin Zimmermann macht auf den leise schwätzenden Gesang des Neuntöters aufmerksam, dessen Beuteverhalten recht speziell ist: Als Nahrungsreserve spießt er Insekten, kleine Vögel oder Mäuse auf Dornen beziehungsweise spitze Zweige auf. Man sieht den Buntspecht fliegen und entdeckt eine seltene Pflanze: Der Zwerg-Holunder mit seinen gefiederten Blättern wächst gerne in Lichtungen oder im Ödland. Der Acker-Gauchheil ist hier ebenfalls zu finden.

Die Pflanze mit den orangefarbenen Blüten war einst wesentlicher Bestandteil der Volksmedizin. Sogar gegen Wahnsinn, was im Mittelalter „Gauch“ hieß, sollte sie helfen. „Es hat sich hier vieles zum Positiven verändert, aber das Problem mit der Düngung bleibt“, sagt Carolin Zimmermann. Am weitgehend unberührten Naturdenkmal Rossberg präsentiert sich die ganze Vielfalt der Natur.

Die Wespenspinne lauert in ihrem zickzackförmigen Netz, die gelb blühende Kanadische Goldrute sowie der tiefblaue Wiesen-Storchschnabel werden von Bienen bestäubt, der Schnellkäfer entkommt seinen Feinden durch einen kräftigen Sprung, das echte Laubkraut schmeckt süß und der sirrende Ton der Heuschrecken ist der Klang des Sommers. Carolin Zimmermann freut sich über das Insektengetümmel auf den weißen Blüten der wilden Möhre. Deren Wurzel ist weißlich-blass und essbar. Bereits in der Antike wurde mit ihr gekocht. Unten am Zipfelbach angekommen gibt es Schatten unter Bäumen und erfrischendes Wasser.

Carolin Zimmermann dokumentiert ihre Beobachtungen stets im Internet unter www.naturgucker.de, sie fertigt für Fachbücher Natur-Illustrationen sowie Zeichnungen und bringt zur interkommunalen Gartenschau ein weiteres Buch mit dem Arbeitstitel „Die Natur von Remseck“ heraus. Dort wird dann auch das Landschaftsschutzgebiet „Zipfelbachtal unterhalb Hochdorf mit Rossberg, Altach und Umgebung“ beschrieben.

Angelika Baumeister
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