Ludwigsburg | 10. Januar 2017

Spiellaune beim Urgestein der Mittelalter-Szene

Ludwigsburg. Trotz recht kurzfristiger Ankündigung bot sich auch bei der letzten Veranstaltung der Fetzerei in diesem Jahr das gewohnte Bild: vollbesetzt die Tische und die vorderen Stuhlreihen im Kronekeller. Dazu beigetragen hat sicher auch, dass sich mit Des Geyers schwarzer Haufen eine Formation angekündigt hatte, die man mit Fug und Recht als Urgestein der Mittelalter-Szene bezeichnen darf. 1983 hat Albrecht Schmidt-Reinthaler, der sich Spielmann Albrecht nennt, das Ensemble gegründet, seitdem ist die Band in wechselnden Besetzungen unterwegs, um die Musik der mittelalterlichen Spielleute unters Volk zu bringen.

Die Gedanken sind frei: Des Geyers schwarzer Haufen.
Die Gedanken sind frei: Des Geyers schwarzer Haufen.
Foto: Oliver Bürkle

Nicht nur in ihrem Genre stellt die nach einem vom Reichsritter Florian Geyer geführten Heer der Bauernkriege des 16. Jahrhunderts benannte Gruppe eine der dienstältesten dar. Aktuell findet sich der Haufen zum Trio dezimiert: Neben Schmidt-Reinthaler stehen Bernd Settgast alias Bernd der Saitengreifer und Andreas (vom) Berg, der „kurzgeschorene Leibeigene“, der zwischen diversen Schlaginstrumenten (Djembe, Bongos, Becken, Egg-Shaker), einem kleinen elektronischen Cembalo sowie verschiedenen Flöten, Lauten, Bocks- und Sackpfeifen hin- und herwechselt. Auch durch die Hände seiner Mitspieler wandert ein ganzes Instrumentenkarussell.

Gut drei Stunden lang konnte man sich am Donnerstagabend an ihrem für heutige Ohren ungewohnten Klangspektrum erfreuen: Als flächiges Schnarren lässt sich der Bordunsound beschreiben, den Schmidt-Reinthaler seiner Drehleier in „Der Galan“ entlockt, die im Frankreich des 15. und 16. Jahrhundert geschätzt und „wahrscheinlich auch zuletzt gestimmt wurde“, während Settgast die Cister zupft. Immer wieder virtuos auch Schmidt-Reinthalers Soli auf der Schlüsselgeige, einem einstmals nicht ungebräuchlichen Streichinstrument, das heute nur noch in Schweden als Nyckelharpa bekannt ist.

Inhaltlich bekommen Obrigkeit und Würdenträger ihr Fett genauso ab wie der Klerus, teils in Moderationen, teils in Form von mehrstimmigem Satzgesang. Undogmatisch, aber immer auf Seiten der „kleinen Leute“ auch ihr Repertoire: Neben Trinkliedern wie „All voll“ aus dem „Glogauer Liederbuch“ spielen sie Schreittänze wie den des Renaissance-Komponisten Tielman Susato („eine Art Dieter Bohlen des 16. Jahrhunderts“), François Villons „Ballade von den Vogelfreien“, aber auch ein Version von Queens „We Will Rock You“ mit eigenem Text. Auch wenn Des Geyers schwarzer Haufen es sich angesichts der Komplexität gesellschaftlicher Konflikte in Zeiten der Globalisierung mit ihrer Graswurzelhaltung vielleicht etwas zu einfach machen und der leicht anarchische Humor ihrer im Duktus des „Lutherdeutschen“ gehaltenen Ansagen manchmal etwas berechenbar wird oder schlicht in Kalauer mündet, sollte man nicht verkennen, wie gelungen sie in der Tradition der Liedermacher der Siebzigerjahre, die ja auch deshalb wieder auf Deutsch gesungen haben, damit ihre explizit politischen Texte allgemein verstanden wurden, das Aufbewahren authentischer, kostbarer Folklore mit einer ins Heute ragenden Botschaft zu verbinden wissen: „Die Gedanken sind frei“ – ein vielstimmiger Konsens zwischen Band und Publikum im Keller.

Harry Schmidt
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