21. September 2014

Syrer in der Türkei: In Sicherheit, aber nicht immer willkommen

Istanbul (dpa) - Die Fernsehbilder von der südtürkischen Grenze zu Syrien sind herzzerreißend. Eine alte Syrerin schleppt sich auf allen Vieren in Richtung Sicherheit.

Syrische Flüchtlinge in der Türkei
Die Syrerin Fatima sitzt mit ihren Kindern auf dem staubigen Bürgersteig einer Straße in Istanbul und bettelt. Foto: Mirjam Schmit
dpa

Alte Männer sinken zu Boden, nachdem sie es in die Türkei geschafft haben. Kinder tragen Babys auf dem Arm. Die meisten Menschen haben auf ihrer Flucht vor den Terroristen des Islamischen Staates (IS) nur wenige persönliche Sachen dabei. Zehntausende Syrer sind in die Türkei geströmt, seit die Regierung am Freitag die Grenze öffnete. Auf Hunderttausende weitere bereitet sich das Land vor. 1,3 Millionen Flüchtlinge hat die Türkei bereits aufgenommen. Eine davon ist Fatima - die bettelt, um zu überleben.

Als ihre Familie aus dem syrischen Aleppo in die Türkei floh, habe sie zunächst Glück gehabt, erzählt die 30-Jährige. In der südöstlichen Stadt Gaziantep fand sie Arbeit als Kinderfrau sowie eine Wohnung. Fast ein halbes Jahr ist das her.

1000 Lira monatlich, umgerechnet etwa 350 Euro, habe ihr der Arbeitgeber versprochen. Gerade genug, um ihre zwei kleinen Kinder, ihre Schwiegereltern und die Neffen ihres Mannes zu versorgen. «Ich bin für die Familie verantwortlich. Meine Schwiegereltern sind alt.» Ihr Mann sei zunächst in Aleppo geblieben, um im Bürgerkrieg zu kämpfen.

Nach zwei Monaten habe ihr Chef in Gaziantep plötzlich ihr Gehalt halbiert, sagt Fatima. «Ich wollte zur Polizei gehen. Doch mein Chef hat mich ausgelacht und gesagt, einer Syrerin glaube niemand», sagt sie. «Mir hat es gereicht. Gaziantep ist ein schlechter Ort.»

Nun lebt Fatima in der Millionenmetropole Istanbul. Sie sitzt mit ihren zwei Kindern auf dem staubigen Boden und bettelt. Ihr Stammplatz liegt nur rund hundert Meter von der Einkaufsstraße Istiklal entfernt. Den Rest der Familie hat sie in einer feuchten Kellerwohnung zurückgelassen. Hinter ihrem Rücken rauschen Autos vorbei. Hunderte Menschen passieren jeden Tag vor ihr den Bürgersteig - Touristen, Handwerker, Büroangestellte. Die meisten ignorieren sie.

Ihr zweijähriger Sohn Ahmet läuft noch etwas unbeholfen zwischen den Beinen der Passanten herum. Ihre sieben Monate alte Tochter Meryem hält Fatima fest im Arm. Sie ist nicht die einzige Bettlerin hier. Etwas weiter sitzt noch eine Frau aus Syrien auf der Straße. Im Gegensatz zu Fatima ist sie offiziell mit Papieren eingereist. Fatima dagegen kam mit der Hilfe eines Schleppers. Sie hatte keine Wahl: Die offiziellen Grenzübergänge waren ihr ohne Pass versperrt. Erst seit der Grenzöffnung am Freitag macht die Türkei eine Ausnahme, die Flüchtlinge können derzeit auch ohne Papiere einreisen.

Die Türkei wird international für ihre Hilfsbereitschaft gelobt. Das Land gewährt den Flüchtlingen kostenlose Krankenversorgung. Doch nur eine Minderheit kann in den 22 Lagern untergebracht werden. Die meisten Syrer leben in den Grenzregionen oder in Metropolen wie Izmir, Istanbul und Ankara. Die einheimische Bevölkerung reagiert zunehmend gereizt auf die Flüchtlinge. In den vergangenen Wochen wurden mehrfach gewaltsame Übergriffe gemeldet.

«Im Tourismus machen sie die Preise kaputt», sagt Ali Özevin mit Blick auf die Flüchtlinge. Der 26-Jährige arbeitet in einem Reisebüro ganz in der Nähe von dem Ort, an dem Fatima bettelt. Ein Hotel reiht sich hier im Stadtzentrum ans andere. Die Geschäfte sind meist zweisprachig beschriftet - arabisch und türkisch. Nicht wegen der Flüchtlinge, sondern für die reichen Touristen aus den Golfstaaten. «In den Hotels und Restaurants hier arbeiten überall Syrer. Sie verdienen weniger als ihre türkischen Kollegen», sagt Özevin.

Für Bettler hat Özevin kein Verständnis. «Sie sind überall. Sie arbeiten nicht, betteln und klauen», sagt er. Resigniert fügt er hinzu: «Die EU macht es sich zu leicht. Weil wir die Nachbarn sind, sollen wir alle Flüchtlinge aufnehmen und für sie bezahlen. Aber wir haben unsere eigenen Probleme.»

Fatima glaubt, dass es ihr in Istanbul immer noch besser ergeht als in einem Lager. Doch immer wieder bekommt auch sie zu spüren, dass sie nicht willkommen ist. Drei Mal habe die Polizei sie aufs Revier gebracht, sagt Fatima. «Sie haben mich angeschrien und geschlagen weil ich bettle. Aber was soll ich sonst machen?» Vor zwei Monaten sei ihr Mann nach Istanbul gekommen, erzählt sie. Nach einer Kriegsverletzung mussten seine Beine amputiert werden. Zwar sei sie jetzt auch für ihren Mann verantwortlich, aber wichtiger sei, dass er noch lebe. «Meinen Mann zu sehen, das war eine schöne Überraschung.»

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