Ludwigsburg | 14. September 2016

Viele ertragen jahrelang Zahnweh

„Man wird geerdet, wenn man das sieht“, sagt die Prophylaxehelferin im Ruhestand. „Es relativiert sich vieles“, weiß die junge Zahnärztin nach dem dreiwöchigen Aufenthalt in China. Zusammen mit der Zahnärztin Claudia Hirzel aus Wetzlar und der zahnmedizinischen Fachangestellten Helene Fuchs aus Straubing haben sie 727 bedürftige Patienten kostenlos untersucht und behandelt, unter anderem 150 Zähne gezogen und 269 Zähne gefüllt.

Fast im Akkord hat das Team aus Deutschland Zähne gezogen und gefüllt. Der junge Mann im Sonntagsanzug auf dem rechten Bild ist Ulrike Markmann (links) und Renate Sebert besonders gut in Erinnerung geblieben.
Fast im Akkord hat das Team aus Deutschland Zähne gezogen und gefüllt. Der junge Mann im Sonntagsanzug auf dem rechten Bild ist Ulrike Markmann (links) und Renate Sebert besonders gut in Erinnerung geblieben.
Fotos: privat
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Fast im Akkord hat das Team aus Deutschland Zähne gezogen und gefüllt. Der junge Mann im Sonntagsanzug auf dem rechten Bild ist Ulrike Markmann (links) und Renate Sebert besonders gut in Erinnerung geblieben.
Fast im Akkord hat das Team aus Deutschland Zähne gezogen und gefüllt. Der junge Mann im Sonntagsanzug auf dem rechten Bild ist Ulrike Markmann (links) und Renate Sebert besonders gut in Erinnerung geblieben.
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Diese drei Schwestern haben Geschenke mitgebracht.
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Lange Warteschlangen schon morgens um acht.
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. . . und danach.
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Die Warteschlangen waren meist sehr lang – schon morgens um acht. Manche Hilfesuchenden seien stundenlang zu den „German doctors“ gelaufen und nach der Behandlung gleich wieder zurück, berichtet Ulrike Markmann. Viele hätten schon jahrelang Zahnschmerzen ertragen. Zahnbürste und Zahncreme besäßen in den armen Regionen des Landes nur wenige. Die meisten Kinder hätten schon früh kariöse Zähne. Über gesunde Ernährung mache sich kaum jemand Gedanken. „Das ist alles zweitrangig, wenn man täglich ums Überleben kämpfen muss“, so Renate Sebert. Für die 65-Jährige war es der vierte Einsatz für Zahnärzte ohne Grenzen. Sie reiste schon zweimal in die Mongolei und erst vor kurzem auf die Kapverdischen Inseln. Ulrike Markmann schloss sich zum ersten Mal einem Team an. Eigentlich wollt sie nach Sri Lanka. Dann bot man ihr das Pilotprojekt in China an. Nie zuvor hatte die Stiftung ein Team dorthin entsandt. Es war kein einfaches Unterfangen: Viele bürokratische Hürden mussten genommen werden. Noch bei der Ankunft in Anshan fehlte eine unbedingt benötigte Arbeitserlaubnis. Der Einsatz drohte zu scheitern. Mit zwei Tagen Verspätung machten sich die Ärztinnen und ihre Helferinnen schließlich mit Dolmetschern auf den Weg. Ständig dabei: ein permanent drehendes Filmteam und eine Eskorte wachsamer Regierungsvertreter.

Erste Station war eine Zahnklinik in Anshan. Die Stadt im Nordosten Chinas hat über eine Million Einwohner. Die vier Frauen behandelten dort Menschen mit Körperbehinderung. Den Einsatz hatte eine chinesische Hilfsorganisation vermittelt. Von dort ging es ins etwa 100 Kilometer südöstlich gelegene Cin Dian. „Unser Einsatzort war ein verlassenes Krankenhaus“, so Renate Sebert. Zwei Zimmer statteten sie selbst mit mobilen Behandlungseinheiten aus. „Wir hatten wirklich alles dabei“, so die 65-Jährige. Später ging es weiter Richtung Osten nach Long Tan. Tagelang haben die vier Frauen fast schon im Akkord Zähne gefüllt und gezogen – ohne zuvor Röntgenbilder machen zu können, und bei schlechtem Licht. Eine echte Herausforderung, wenn Zähne überraschend drei Wurzeln haben, was in einem Dorf sehr häufig vorkam.

Besonders in Erinnerung geblieben ist Ulrike Markmann ein junger Mann. „Bei ihm war eine Totalsanierung des Gebisses erforderlich“, erklärt sie. Der 19-Jährige sei trotz aller Unannehmlichkeiten geduldig und freundlich gewesen – und tapfer jeden Tag wiedergekommen. Immer im Sonntagsanzug. Als Dankeschön brachte er etwas Selbstgebackenes von seiner Mutter mit. „Gute Zähne sind ein Statussymbol. Sie bedeuten gute Chancen auf dem Heiratsmarkt und im Beruf“, hat die Kornwestheimer Zahnärztin bei ihrem Chinaeinsatz gelernt.

An einer Schule klärte das Hilfsteam darüber auf, wie wichtig konsequente Mundhygiene ist und wie man richtig die Zähne putzt. Die Kinder hätten aufmerksam zugehört und emsig einige Merksätze im Chor nachgesprochen. „Wir wissen aber, dass dieser Einsatz nur ein Tropfen auf den heißen Stein war. Man müsste eigentlich viel mehr machen“, sagt Ulrike Markmann. Ihr Fazit nach dem ersten DWLF-Einsatz: Sie würde es wieder tun. Die Dankbarkeit der Patienten hat sie sehr beeindruckt. Dickes Lob zollen beide Frauen all den Menschen, die in China um ihr Wohl besorgt waren. Zu manchen besteht noch Kontakt. Als sich die beiden Frauen im Gespräch mit unserer Zeitung nicht sicher sind, wie die chinesischen Einsatzorte exakt hießen, hilft eine E-Mail-Anfrage schnell weiter. Ein Betreuer, der sich wegen seines für Europäer nur schwer auszusprechenden Namens einfach Kevin nennen ließ, antwortet umgehend.

VON KRISTINA WINTER
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