Evangelische Hochschule
11. September 2018

Wenn Roboter in der Pflege helfen

Angesichts der immer älter werdenden Gesellschaft ist das Thema Pflege von hoher Brisanz. Es stellt sich die Frage, wie eine angemessene Pflege von älteren Menschen in Zukunft gewährleistet werden kann. Derzeit mangelt es an Tausenden ausgebildeten Fachkräften. Technische Hilfsmittel und Roboter könnten die Arbeit von Pflegern und Angehörigen erleichtern. Doch ihr Einsatz will gut überlegt sein. Bislang sind ethische, rechtliche und soziale Folgen noch völlig offen.

Niedlich sieht Paula aus: große Augen, in angenehmem weißen Gewand und mit einer kleinen Schleife. Paula ist ein humanoider Roboter vom Typ Pepper. Sie ist 1,20 Meter groß und bewegt sich auf Rollen. Sie kann hören, sehen und sprechen, einen Handschlag geben, tanzen, Witze erzählen und Spiele spielen. Rainer Wieching von der Universität Siegen ist mit Paula in Deutschland unterwegs, um zu untersuchen, wie der Roboter in der Pflege eingesetzt werden kann. An der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg stellt er bei einer Fachtagung zum Thema Pflege und Technik mögliche Szenarien zum Einsatz solcher Roboter vor.

Die Pepper-Roboter wurden in Frankreich entwickelt und sollten eigentlich als Verkäufer in Läden eingesetzt werden, erklärt Wieching. Daher auch das angenehme Äußere und die Kinderaugen. Die Idee, die Roboter in der Pflege einzusetzen, stamme aus Japan. Denn dort sei der demografische Wandel schon deutlich fortgeschritten. Auch in Japan gebe es einen Mangel an ausgebildeten Pflegekräften. Wieching will nun zusammen mit Kollegen der Universität Kiel herausfinden, welche Rolle solch ein Gerät in der Altenpflege in Deutschland spielen kann.

„Der Bereich der Pflege ist stark reguliert“, sagt Wieching. Besonders morgens, mittags und abends würden Pfleger beim Ankleiden helfen, die Pflegebedürftigen waschen oder ihnen Essen zubereiten. Für die Betreuung über den ganzen Tag und für die sogenannte Aktivierung fehle es da häufig an Zeit. Genau in diesem Bereich könnten die Pepper-Roboter zum Einsatz kommen, sagt Wieching.

Das Projekt des Wissenschaftlers ist Teil des Wissenschaftsjahres 2018 des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Dabei geht es um die Arbeitswelt der Zukunft. Zusammen mit Schülern und Studenten der Pflege stellt er Überlegungen an, inwieweit Roboter in deren späteren Arbeitswelt eine Rolle spielen könnten. Sein Ziel ist es, das Thema in die Gesellschaft zu tragen. „Es ist wichtig, dass die Bevölkerung über solche technischen Entwicklungen informiert wird und Rückmeldung geben kann“, betont Wieching. Die Technik entwickle sich rasant und müsse in die reale Welt der Menschen integriert werden.

Während seine Besuche mit Paula in Alten- und Pflegeheimen bei den Pflegebedürftigen auf viel Zuspruch stoßen, fielen die Reaktionen der Pflegekräfte unterschiedlich aus. Viele hätten Angst vor dem Verlust ihres Arbeitsplatzes, sagt Wieching. Doch für ihn sind die Roboter lediglich zur Unterstützung gedacht. „Um die Freiräume für die eigentliche Pflege von Mensch zu Mensch aufrechtzuerhalten“, erklärt er. Gerade bei Menschen mit Demenz würde Paula gut ankommen. Sie können zum Beispiel mit dem Roboter zusammen singen.

Dass der Einsatz von Robotik ein Spannungsfeld zwischen dem Unterstützungsbedarf und dem Autonomiebedürfnis der Pflegebedürftigen erzeugt, weiß auch Diana Kiemel von der Evangelischen Hochschule. Sie arbeitet dort in der Forschungsgruppe Gesundheit-Technik-Ethik. Im Forschungsprojekt Robina beschäftigt Kiemel sich mit den ethischen, rechtlichen und sozialen Aspekten der Roboterunterstützung von Patienten, die an Amyothropher Lateralsklerose (ALS) erkrankt sind. ALS ist eine schwerwiegende degenerative Erkrankung der Muskelsteuerung, bei der die Nervenzellen absterben, erklärt Kiemel. Im Verlauf der Krankheit sind die Betroffenen letztendlich gelähmt und somit hochgradig pflegebedürftig, bei gleichzeitigem Erhalt aller intellektuellen Fähigkeiten. Mit Hilfe eines Roboterarmes (siehe Bild links) soll die Selbstständigkeit der Patienten gesteigert und ihr Alltag erleichter werden. Das Ziel ist den oftmals hohen Grad an Frustration zu senken. ALS-Patienten wohnen meist zu Hause und werden oft von Angehörigen gepflegt, sagt Kiemel. Durch das Bedürfnis an Selbstbestimmung der Pflegebedürftigen seien die Pfleger häufig großen Belastungen ausgesetzt. Der Roboterarm soll den Patienten mehr Autonomie geben und gleichzeitig die Pfleger entlasten.

Der robotische Arm soll mit einer Sprachsteuerung ausgestattet, aber auch mit Gesten oder mittels Augensteuerung lenkbar und somit an unterschiedliche Krankheitsgrade angepasst sein. Für Kiemel ist es dabei wichtig, dass die Entscheidung, ob solch ein Gerät genutzt wird, bei dem Pflegebedürftigen selbst liegt. Auch solle die Interaktion zwischen Pfleger und Patienten nicht durch den Einsatz des Roboters eingeschränkt werden. „Die zwischenmenschlichen Beziehungen sollen erhalten bleiben“, betont Kiemel. Um die Bedürfnisse besser zu verstehen, führt sie zusammen mit der Forschungsgruppe Interviews mit Betroffenen und mit Experten.

Die Aufgabe des Roboterarms sei hauptsächlich das Anreichen von Dingen, wie einem Glas Wasser, könnte aber auch zum Kratzen eingesetzt werden, wenn es den Patienten jucke, sagt Kiemel. Die Abläufe sind vorher in den Roboterarm einprogrammiert. Der Gegenstand, den der Arm greifen soll, muss dabei an einem festen Platz stehen. Um die Sicherheit zu gewährleisten, müsse der Abbruch eines Vorgangs und das Wegschieben des Arms jederzeit möglich sein.

Letztlich sieht auch Kiemel den Roboterarm lediglich als Unterstützung. Auch für sie stellt sich die Frage, ob man mit solchen Assistenzsystemen langfristig Arbeitsplätze gefährde, oder die Arbeit erleichtere. Mehr über potenzielle Folgen des Einsatzes von Robotern in der Pflege zu erfahren, ist eines der Ziele der Forschungsgruppe. Es ist wichtig, dass die Entscheidungsfreiheit des Einzelnen erhalten bleibt, auch wenn in Zukunft mehr Technik in die Pflege Einzug erhalte, sagt auch Rainer Wieching. Er appelliert an die Politik, sich mit dem Thema zu befassen. Die Gesellschaft müsse sich gegenüber der technischen Entwicklung positionieren.

von Andreas Schmaltz
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