Ludwigsburg | 17. Januar 2017

Wenn der Vater mit dem Sohne

Bietigheim-Bissingen. Mit der Intuition ist das so eine Sache. Gerade wenn es um die Geschäftsführung in Familienbetrieben und die Integration der zweiten Generation geht. Der gesamte Prozess birgt so seine Risiken und zwischenmenschlichen Schwierigkeiten. „Vor allem wenn man vom Charakter her ähnlich tickt, und man es dem Vater ja immer recht machen will“, sagt Sebastian Schnell.

Teilen sich Geschäftsführung und Zuständigkeiten: Sebastian (links) und Michael Schnell.
Teilen sich Geschäftsführung und Zuständigkeiten: Sebastian (links) und Michael Schnell.
Foto: Alfred Drossel

Beim Zusammenführen der Generationen wollten er und sein Vater Michael nichts dem Zufall überlassen. Schließlich waren sie der Überzeugung: Gründen ist einfacher als einen erfolgreichen Betrieb zu übernehmen. Ein Freund brachte die beiden auf die Idee, sich Impulse von außen zu holen: Ein Jahr vor Eintritt des Sohnes in den Raumgestaltungsbetrieb ließen sie sich von einem strategischen Unternehmensberater coachen. Gemeinsam wurde ein Zukunftskonzept entwickelt, in fünf Sitzungen von je zwei bis drei Stunden. Und mit vielen Hausaufgaben. „Die waren aufwendig, denn gestalten müssen wir das ja selbst“, sagt Michael Schnell.

Im Rückblick sind die beiden ganz offen: „Wir haben uns gerieben. Wir hätten vieles falsch gemacht, auch den Mitarbeitern gegenüber. Wir wollten alles gemeinsam machen.“ Auf Augenhöhe starten – das sei ihr Plan gewesen. Während des Coachings sei aber schnell klar geworden, dass das gar nicht geht, wenn einer mit jahrzehntelanger Erfahrung auf einen Neuling trifft.

Entscheidung sehr früh gefallen

„Schon als ich neun war, stand für mich fest, dass ich dasselbe machen will wie mein Vater“, erinnert sich Sebastian Schnell. In den Ferien sei er oft mit ihm bei Kunden gewesen. Und habe gemerkt: „Man kann etwas verändern, seine Arbeit am Ende auch sehen und bekommt direkte Rückmeldung von den Kunden.“

Den Einstieg in den väterlichen Betrieb hatte er gut vorbereitet: Los ging es mit einer klassischen Lehre zum Bankkaufmann, um die betriebswirtschaftliche Grundlage zu legen. Die handwerkliche Basis zum „Fachmann für schönes Wohnen“ erlernte er durch seine Ausbildung zum Raumausstatter, die er mit der Qualifikation zum Meister fortsetzte und dabei seine Kenntnisse in den Bereichen Management, Produktion, Marketing sowie Personalführung erweiterte. Zuletzt arbeitete der 27-Jährige in Fachbetrieben bei Bonn und München. In den Ferien seines Vaters vertrat er diesen gelegentlich.

Seit September ist Sebastian Schnell als Geschäftsführer mit an Bord. Er ist fürs operative Geschäft, Mitarbeiterführung und Finanzen zuständig – dank des Coachings vom ersten Tag an. „Er wächst nicht rein, sondern er übernimmt“, erklärt Vater Michael, der seinen Tätigkeitsschwerpunkt auf Planung und Konzeption verlagert hat. Im täglichen Abgleich bringen sich beide Geschäftsführer auf den aktuellen Stand, so dass jeder den Überblick über das Tagesgeschehen hat.

Der Erfolg gibt ihnen recht: 2016 sei der Umsatz um zehn Prozent auf etwa 1,6 Millionen Euro gestiegen – vor allem dank eines starken zweiten Halbjahres, in dem aber auch die Konjunktur anzog. „Wir spüren den Klimaindex immer zwei Monate vorher“, sagt Michael Schnell. Nach seiner Ausbildung zum Raumausstatter, der Meisterprüfung und dem Sammeln von Berufserfahrung bot sich ihm 1988 die Chance zur Selbstständigkeit durch die Übernahme des Bereiches Wohndecor im Erlebniswohnzentrum Hofmeister. Er stellte weiteres Personal ein und machte sich in der Region einen Namen. Heute belegt Raumdecor knapp 200 Quadratmeter im Erdgeschoss neben der Teppichabteilung des Bietigheimer Möbelhauses. Michael Schnell lobt die Zusammenarbeit, man kooperiere, könne auf das dortige Angebot zurückgreifen.

1800 Kunden im Jahr nutzen die Kompetenz von Raumdecor, 80 Prozent stammen aus einem Umkreis von 25 Kilometern. „Interessenten kommen meist auf Empfehlung oder weil sie bei Bekannten die Umgestaltung von Räumen durch uns erlebt haben“, sagt Michael Schnell. Raumdecor habe sich in diesem beratungsintensiven Geschäft im Gegensatz zu vielen spezialisierten Handwerksbetrieben, breit aufgestellt, und deckt vom modernen Design, über zeitlose Produkte bis zur exklusiven Ausstattung den vollen Service ab.

Harmonisch, leicht, zeitlos

Seinen Stil beschreibt Michael Schnell als harmonisch, leicht und zeitlos. Zählte noch in den 80er Jahren beim Einrichten vor allem Zweckmäßigkeit, sorgen heute Pflanzengefäße oder auch Wasser für Entspannung. „Für das Gefühl von Freiheit und Wellness zu Hause“, sagt Sebastian Schnell. Seine Stärken habe das Unternehmen bei Gardinen, Sonnenschutz/Markisen und Bodenbelägen. Künftig soll der Parkettbereich erweitert werden. Mit angeschlossenem Nähatelier, eigener Fertigung sowie Werkstatt an der Pleidelsheimer Straße führen insgesamt 14 Mitarbeiter neben Neuaufträgen auch Reparaturen an Markisen und Aufarbeitungen hochwertiger Polstermöbel aus.

„Wir versuchen Lebensräume zu schaffen, in denen sich die Menschen einfach wohlfühlen“, beschreiben die Schnells ihren Job. Dies brauche Kenntnisse über Formen, Farben und Materialien. Ob Ersteinrichtung, Modernisierung oder Komplettumbau: 80 Prozent des Umsatzes erwirtschaftet Raumdecor mit Privatleuten, 20 Prozent mit Aufträgen für Unternehmen, darunter Arztpraxen, Friseure, Hotelbetriebe oder Kliniken.

Das Coaching sehen sie jedenfalls als vollen Erfolg. Es koste nicht die Welt, bringe aber ein Ergebnis, mit dem sich Vater und Sohn wohlfühlen. Dabei ging es auch um Details: So lassen sie sich nicht mit „junior“ oder „senior“ ansprechen, sondern mit ihren Vornamen. „Die klare Aufgaben- und Kompetenzabgrenzung ist gut für die Mitarbeiter, gibt dem Unternehmen eine transparente Struktur und eine völlig neue Perspektive, da sich Freiräume ergeben“, sagt Michael Schnell. Sein Sohn ergänzt: „Man muss sich immer wieder neu erfinden, um dem rasanten Fortschritt und den sich laufend ändernden Marktbedingungen gerecht zu werden.“

Internet: www.raumdecor.com

Michael Müller
Weitere Artikel aus diesem Ressort
Anzeige
UMFRAGE
Deutsche Autos

Nach dem Dieselskandal geraten die deutschen Autohersteller wegen vermuteter Kartellabsprachen weiter unter Druck. Würden Sie trotzdem noch deutsche Autos kaufen?

UMFRAGE
Fan-Gewalt

Helfen sogenannte Stadionallianzen, um Gewalt bei Fußballspielen einzudämmen?

Zeitschriftenvorteil