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Abi in Zeiten der Pandemie

Keine großen Reisen, kaum Partys, die Zukunft ungewiss: Drei Markgröninger Abiturienten erzählen, wie sie Corona erleben.

Haben ihr Lachen trotz Corona nicht verloren: Die Markgröninger Abiturienten Luis Böhringer (rechts), Thilo Kendlbacher.
Haben ihr Lachen trotz Corona nicht verloren: Die Markgröninger Abiturienten Luis Böhringer (rechts), Thilo Kendlbacher.

Markgröningen. Vivien Braun wollte nach New York und Irland. Luis Böhringer und Thilo Kendlbacher wollten mit einigen anderen Klassenkameraden nach Lloret de Mar an die Costa Brava. Nach der Schule würde die große Freiheit kommen, der beste Sommer. Das stand für die drei Absolventen des Markgröninger Hans-Grüninger-Gymnasiums (HGG) fest.

Doch irgendwann im März oder April wird ihnen klar, dass Corona ihre Pläne zerstören würde. Dass sie ihre Reiserouten modifizieren müssten. „Bei mir wird es jetzt die Nordsee“, sagt Vivien Braun, 17, Jeansjacke, Turnschuhe, lange dunkle Haare.

Sie sitzt draußen im grünen Klassenzimmer des HGG und erinnert sich, wie Freunde ihr einen Korb mit Süßigkeiten, Ohrstöpseln und Entspannungsmasken vorbeibringen, damit sie sich gründlich auf das Abi vorbereiten kann. Braun muss sich während des Lockdowns das Zimmer mit der Schwester teilen und ihr bei den Hausaufgaben helfen. Außerdem hat sich die Familie eine Katze angeschafft, die Ablenkung bringt. Ihr Gymnasium bleibt für fast zwei Monate geschlossen.

In fast allen europäischen Ländern fallen die Abschlussprüfungen in diesem Jahr aus – in Deutschland nicht. Hier werden die Partys, die Abistreiche und die Unbekümmertheit gestrichen. Aufzugeben ist für Luis Böhringer, 18, nie eine Option gewesen. „Wir wollen nicht den Stempel aufgedrückt bekommen, auf dem steht: Corona-Jahrgang“, sagt er. „Bei Partys sind wir kreativ.“ Statt auf das Frühlingsfest auf den Wasen geht es eben in die Gartenlaube ans Lagerfeuer.

Sie haben sich in den vergangenen Monaten also hingehockt, Abstandsregeln beachtet, Mund-Nasen-Schutz getragen und sich immer wieder die Hände gewaschen. „Das Prozedere hat dazu geführt, dass sich die Unterrichtszeit verkürzt hat“, sagt Thilo Kendlbacher, ebenfalls 18. Trotzdem wurden Gedichte analysiert, Dramen interpretiert oder lineare Funktionen berechnet. „Analysis war schwer“, sagt Böhringer, während Braun nickt. Die Matheaufgaben der vergangenen Jahre, die sie zur Vorbereitung lösten, seien leichter gewesen. „Ich hoffe jetzt auf eine faire Bewertung“, sagt Böhringer – und auf Berücksichtigung der Pandemie. Kendlbacher fällt Analysis leichter. Er will im Herbst Mathe und Physik in Stuttgart studieren. Allerdings steht jetzt schon fest, dass das erste Semester online unterrichtet wird.

Die drei befinden sich in einem Schwebezustand. Die Klausuren sind geschrieben, die mündlichen Prüfungen stehen Mitte Juli auf dem Programm. Dazwischen müssen sie Tests schreiben, die während der Schulschließung ausgefallen sind. „Wir können die Beine nicht hochnehmen“, sagt Böhringer. Freunde, die in Ludwigsburg oder Kornwestheim Abi machen, seien mit ihrem Pensum schon durch. „Das ist frustrierend.“

Immerhin passt die Situation zum Abimotto: HGGambling – bis zum Schluss wird um jeden Punkt gepokert. Während der Mottowoche, die stattfinden kann, wollen die Gymnasiasten aus ihrer Schule ein Casino machen. Der Dresscode: schick. Außerdem ist ein Gender Swap geplant, bei dem die Geschlechterrollen getauscht werden.

Ihre Abizeugnisse sollen Braun, Kendlbacher, Böhringer und die weiteren knapp 50 Absolventen Ende Juli bekommen. Derzeit sieht es so aus, als könnte die Stufe zusammen feiern – allerdings ohne Eltern. Das gibt die Coronaverordnung nicht her. „Wir haben uns überlegt, ob wir den Abiball im Herbst nachholen“, sagt Braun – und den Plan wieder verworfen. Weil der Jahrgang 2020 dann bereits auseinandergegangen ist.

Fragt sich noch, was aus dem Abschlussfoto wird, auf das rund 50 Abiturienten passen müssen, die 1,50 Meter Abstand halten. Der Mann, der dieses Problem lösen muss, ist HGG-Abteilungsleiter Stephan Hotz. Er hat schon nachgefragt, ob er der Zeitung in diesem Jahr nicht drei Fotos schicken kann.

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