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Bürgersaal

Allen wichtig: der Wohnbau

Die Bewerber diskutieren auch über BRT-Busse, Stadtbahn und den richtigen Politikstil

Fast 1000 Besucher im Bürgersaal und 300 weitere über eine Liveübertragung im Internet verfolgen die Diskussion der OB-Kandidaten. Fotos: Holm Wolschendorf
Fast 1000 Besucher im Bürgersaal und 300 weitere über eine Liveübertragung im Internet verfolgen die Diskussion der OB-Kandidaten. Foto: Holm Wolschendorf

Ludwigsburg. Der Amtsinhaber gibt sich als Macher und setzt auf Kompetenz, dynamische Prozesse und Durchsetzungskraft. Der andere betont sein Fachwissen und setzt auf Konsens, Miteinander und Fairness. OB Werner Spec und sein größter Herausforderer, der Verwaltungswissenschaftler und Jurist Matthias Knecht, prägten mit ihren gegensätzlichen Positionen das LKZ-Podium am Donnerstag im Forum. Nicht ohne Grund: In der Vergangenheit war immer wieder Kritik an der Dominanz von Spec aufgekommen.

Spec verteidigte seinen Führungsstil sowohl in der Verwaltung als auch im Gemeinderat: „Ein Oberbürgermeister ist nicht alleine Moderator, sondern setzt eigene Impulse.“ Die „saturierte Gesellschaft“ sei von Beharrungsvermögen geprägt, anders könne man „nicht wirkungsvoll genug vorankommen“. Gleichzeitig nehme er Bürger und Stadträte für Ideen ins Boot: „Damit erreiche ich große Mehrheiten im Gemeinderat.“

Auf die Frage von Moderator Hans-Peter Jans, stellvertretender Ressortleiter der Stadtredaktion, warum sich dann gleich drei große Fraktionen im Gemeinderat klar gegen ihn positionieren, reagierte Spec gereizt. CDU und SPD hatten sich früh für Matthias Knecht als Gegenkandidat entschieden, später zogen die Grünen nach. Er habe Unterstützung „aus allen politischen Lagern“, der OB werde „nicht von den Fraktionsvorsitzenden, sondern von den Bürgern gewählt.“ Eine Rolle spielt der starke Gegenwind trotzdem bei der OB-Wahl am 30. Juni. „Das Risiko gehe ich ein“, der Macher setze sich durch. „Ich mache keine faulen Kompromisse.“

Dagegen verteidigte Matthias Knecht die Möglichkeit politischer Verständigung. Er habe immer wieder Kompromisse erreicht, mit denen alle Beteiligten am Ende die Entscheidungen mittrugen, so Knecht, derzeit Dekan an der Hochschule Kempten. „Ich habe einen wertschätzenden Führungsstil entwickelt, der auf Vertrauen in die Mitarbeiter baut.“ Er positionierte sich klar gegen Spec und bezeichnete sich als Brückenbauer: „Die Rolle des Moderators ist sehr in den Vordergrund gerückt.“ Immer wieder betonte er, dies müsse „fair und angemessen“ geschehen. Knecht betonte seine Erfahrungen in der Verwaltung, auch aus früherer Tätigkeit bei der Wirtschaftsregion Stuttgart.

In der Diskussion um eines der großen Themen des Abends, den angespannten Wohnungsmarkt, setzte der angehende Lehrer Jakob Novotny Akzente. Er forderte, „Wohnraum darf keine Ware sein“. Die Stadt vernachlässige ihre gesellschaftliche Aufgabe, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Wie die Stadt in Neubaugebieten ein Drittel sozialen Wohnungsbau zu erreichen, sei viel zu wenig. „30 Prozent bezahlbarer Wohnraum bedeutet 70 Prozent unbezahlbaren Wohnraum.“

Konrad Kling betonte, „kommunaler Wohnungsbau soll nur Sozialwohnungen bauen, den Rest Private übernehmen.“ Dem widersprach Spec. Die Quote von 30 Prozent durchzusetzen sei „harte Kärrnerarbeit“ gewesen. Auch Heike Baumbach stellte das Wohnen in den Vordergrund. Sie regte an, Immobilienbesitzern die Grundsteuer zu kürzen, um ihnen preiswertere Vermietungen möglich zu machen. Bei Neubauten müsse die Stadt Grundstücke günstiger verkaufen, dann könne mehr sozialer Wohnraum entstehen. Für Knecht macht es die Mischung. „Wir brauchen einen gesunden Mix aus Eigentum und Miete“, sagte er auf die Frage von Moderator Peter Maier-Stein, stellvertretender LKZ-Chefredakteur, wie Abhilfe geschaffen werden könne.

Mehr Nähe zum Volk war ein zweites Thema Knechts, der frühe Bürgerbeteiligung und mehr als Zukunftskonferenzen forderte. „Man muss immer ein offenes Ohr haben.“ Den Kompromiss mit BRT-Schnellbussen und Stadtbahn, nach jahrelangem Streit erreicht, werde er umsetzen, betonte Knecht. „Ich kann mit beiden Systemen leben“. Spec strich heraus, er habe das BRT-System durchgesetzt. Die Stadtbahn sei vor 2030 nicht zu erwarten. Erneut warb er für die Digitalisierung im Verkehr und verknüpfte dies mit der Luftreinhaltung.

Verkehr, Klimaschutz und Integration beschäftigen Publikum

Nach der Diskussion auf dem Podium nutzen die Zuhörer im Forum die Möglichkeit, Fragen an bestimmte Kandidaten oder die gesamte Runde zu stellen

An der Meinung der Kandidaten zu Themen wie Verkehr, Integration und Klimaschutz waren die Zuschauer im Forum interessiert. Nach kurzem Zögern erklärten elf Ludwigsburger, was ihnen auf dem Herzen brennt. Die meisten Fragen gingen an Amtsinhaber Werner Spec und seinen Herausforderer Matthias Knecht.

Eine „Vertreterin der jüngeren Generation“ stellte an Spec und Knecht die Frage: „Was halten Sie von Fridays for Future?“ Dass der Klimawandel ernst ist, sei nicht zu leugnen, so Spec. Deshalb habe er von Anfang an die Bewegung Fridays for Future unterstützt. Für die nächsten Wochen habe er einen „Dialog for Future“ mit Schulleitern, dem Jugendgemeinderat, der Elternbewegung Parents for Future, den christlichen Kirchen und muslimischen Gemeinschaften und der Wirtschaft geplant. Auch Knecht möchte sich mit den Jugendlichen zusammensetzen. Er sprach sich jedoch auch dafür aus, die Jugendlichen insgesamt ernstzunehmen, nicht nur in Sachen Klimaschutz.

Ein Ludwigsburger, der ursprünglich aus Westafrika kommt, wollte wissen, wie das Engagement der Stadt in Burkina Faso und Ecuador weitergeführt wird.

Matthias Knecht hielt sich kurz: „Bei mir können Sie das Thema in guten Händen wissen, denn Klimaschutz und Gerechtigkeit treiben mich sehr um.“ Spec sprach davon, dass er sich schon länger für ein Engagement in Afrika eingesetzt habe. „Der größte Gefallen, den wir dem afrikanischen Kontinent tun können, ist weniger Abgase rauszuhauen“, kam Jakob Novotny nochmals auf den Klimaschutz zu sprechen.

„Fallen die stadtbildprägenden Alleen weg, wenn eine Stadtbahn gebaut wird?“, wollte ein Zuhörer wissen. „Mir ist es wichtig, dass wir die Alleen erhalten“, sagte Knecht. Dann müsse er seinen Anhängern bei den Grünen und der SPD allerdings sagen, dass er gegen eine Stadtbahn sei, grätschte Spec ein. „Wenn eine Stadtbahn gebaut wird, müssen Bäume gefällt werden“, sagte er. Doch dieses Argument ließ Knecht nicht gelten: „In Straßburg gibt es Alleen und moderne Fortbewegungsmittel.“

„Warum lässt Ludwigsburg es zu, dass immer dieselben Bauträger alles bebauen anstatt das Vorkaufsrecht zu ziehen und dadurch Sozialwohnungen zu bauen?“, fragte ein Zuhörer Werner Spec. Er habe in Gebieten, in denen seitens der Stadt Baugebiete entwickelt werden sollen, Vorkaufsrechtssatzungen erlassen, so der amtierende Oberbürgermeister. „Es ist allerdings so, dass in kleineren Arealen auch die Bauträger Flächen kaufen und entwickeln können“, erklärte er. Im größeren Stil mache die Baulandentwicklung jedoch die Stadt.

An welche Maßnahmen Spec und Knecht denken, damit das Pariser Klimaabkommen zumindest zum Teil eingehalten wird, wollte ein Mann aus der Südstadt wissen. Knecht nannte drei für ihn wichtige Maßnahmen: die Umsetzung eines Radwegekonzepts, die Beachtung des Klimaschutzes beim Bauen und die Lärm- sowie Abgasreduzierung in der Stadt. „Wir brauchen mehr ÖPNV“, sagte Werner Spec. Bei der Stadt arbeite man derzeit daran, dass in Zukunft kleine Shuttlebusse kleinteilig Wohngebiete anfahren. Außerdem setze er sich dafür ein, dass der Prozess vorangebracht wird, Gas und Methan synthetisch zu erzeugen und als Kraftstoff einzusetzen.

„Was wird aus dem Wohlfühl-Bahnhof?“, fragte ein Besucher. Knecht ist es wichtig, am Bahnhof zu arbeiten, denn er sei ein Aushängeschild Ludwigsburgs. „Sie können nicht abstreiten, dass wir bereits erste Maßnahmen umgesetzt haben“, so Spec. Weitere seien geplant, etwa eine zweite Unterführung.

In die Runde stellte eine Frau die Frage, was für Menschen mit Migrationshintergrund getan wird. „Integration ist keine Sache, die von der Politik ausgehen kann“, sagte Heike Baumbach. „Ich werde mich für Inklusion und einen regen Austausch und Kulturprogramme einsetzen“, versprach Jakob Novotny. Er sei froh, so Knecht, dass der Integrationsbeirat zu einem Integrationsrat entwickelt wurde, damit er eine Stimme in der Lokalpolitik hat.

Die letzte Frage aus dem Publikum: „Was ist mit der B.27 geplant?“ Für eine „grüne Welle von Ortsschild zu Ortsschild“ sprach sich Konrad Kling aus. Dem schloss sich auch Heike Baumbach an. „Die B.27 soll so weit es geht unter die Erde“, sagte Knecht. Ein Tunnel im Bereich Schloss stehe in seinem Wahlprogramm, sagte Spec. „Der ÖPNV muss so attraktiv gemacht werden, dass die B.27 langfristig zurückgebaut werden kann“, forderte Novotny.

Info: Das Video vom LKZ-Podium kann auf Youtube im LKZchannel jederzeit angeschaut werden. Ein zweites LKZ-Podium zur Oberbürgermeisterwahl wird es am Dienstag, 25. Juni, um 19 Uhr im Louis-Bührer-Saal am Schillerplatz geben. Fragen können per Mail an ob-wahl@lkz.de gesendet werden.

Kurzweilig war beim LKZ-Podium eine erste Vorstellungsrunde, die so einiges über die Kandidaten verriet. So plante der PH-Student Jakob Novotny eigentlich eine Karriere als Tennisprofi, bis ihn eine Verletzung stoppte. Die zweite Option, Musiker und Sänger, strich er dann zugunsten eines Lehramtsstudiums: „Sie hören ja, ich habe eine echte Piepsstimme.“ Er generierte einige Lacher, als er den Stadtgründer als „König Ludwig“ bezeichnete. Seine letzte gute Tat? „Ich habe gestern Klopapier für die WG gekauft.“

Matthias Knecht bekannte auf die Frage, welchen Stadtrat er im Auto mit nach Rom nehmen würde, Elga Burkhardt von der Lubu würde ihm sicher „eine kurzweilige, spannende und überraschende Reise“ bescheren. Knecht, der als Kind Lokführer werden wollte, wurde mit 19 Jahren in der Abi-Zeitung prophezeit, er werde Diplomat oder OB. „Dann kann man gar nicht anders, als das mit 43 mal zu versuchen.“

Der Kindertraum vom Sigmaringer Werner Spec sei „nicht OB“ gewesen, sagte dieser, wichtiger waren ihm die Musik und viel Sport, heute vor allem das Joggen. Im Quiz erhöhte er das Marstall kurzerhand von 18 auf 35 Stockwerke und bekannte, Entspannung finde er draußen. „Licht, Sonne und Natur ist mein Elixier.“

Musik ist für Heike Baumbach, die ihren Traumberuf Erzieherin verwirklichte, Gedichte schreibt und Gitarre spielt, „etwas Wunderschönes“, das die Herzen erreiche, aber auch Probleme aufzeigen könne. Statt Freibad der Fluss: Schwimmen im Neckar gehört bei ihr zum Sommer.

Ritter auf Burg Hoheneck zu werden war Kindheitstraum von Konrad Kling. James Bond wäre eine Traumrolle für den freien Architekten, schöner noch wäre aber der Job als OB: „Acht Jahre angestellt wäre eine sichere Option.“ Der 29-Jährige, Heimatbeauftragter von „Die Partei“ und Basketballtrainer, brachte Äffle und Pferdle mit in die Runde. (ja)

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