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Alte Sirenen sind wieder gefragt – vielleicht sogar zu sehr

Die Nachfrage nach den Warnanlagen steigt nach der Hochwasserkatastrophe auch im Kreis deutlich an. Deshalb könnten Lieferengpässe drohen.

Nicht überall sind noch Sirenen zu sehen, wie hier auf dem Rathaus in Ottmarsheim.Foto: Alfred Drossel
Nicht überall sind noch Sirenen zu sehen, wie hier auf dem Rathaus in Ottmarsheim. Foto: Alfred Drossel

Kreis Ludwigsburg. Lange Zeit war es still um sie geworden, galten sie doch als ein Relikt aus der Vergangenheit, unmodern und reif fürs Museum, respektive den Abbau. Doch nun wird es sprichwörtlich wieder lauter – nicht nur, weil am morgigen Mittwoch um Punkt 11 Uhr die 90 Sirenen im gesamten Landkreis Ludwigsburg ihrem alljährlichen Probealarm unterzogen werden. Sondern weil die antiquiert wirkenden Anlagen trotz weit verbreiteter Handy- und Warnapp-Nutzung neue Bedeutung und Freunde gewonnen haben – eben weil es zu still war.

Drastischstes Beispiel ist etwa die Flutkatastrophe im Juli in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Aber auch bei Großbränden wie jenem auf dem Recyclinggelände des Hofguts Mauer Mitte Juni hätte man die Bevölkerung auf diese Weise mit am besten warnen können, so CDU, Freie Wähler und Unabhängige Bürger aus Ditzingen, die in dem Zusammenhang an den „Flop“ des mit viel Tamtam angekündigten ersten bundesweiten Warntags im September 2020 erinnern, ebenso daran, dass nachts viele Handys, Radio und TV aus seien. Die drei Fraktionen beantragten deshalb eine Prüfung, ob auf der Gemarkung eine „moderne Sirenenanlage“ errichtet werden kann – die Große Kreisstadt ist eine von acht Kommunen im Kreis, die überhaupt keine Sirenen hat, ebenso wie Korntal-Münchingen, auf dessen Gemarkung das Hofgut liegt. Die Ditzinger Sozialdemokraten gehen gar noch einen Schritt weiter und fordern gleich die Installation – und kritisieren die Verwaltung, die das in der Vergangenheit mit Hinweis auf andere Warnmöglichkeiten abgelehnt habe. „Wir halten dies für nicht mehr vertretbar“, so die SPD.

Schon einige Förderanträge gestellt

Das scheint man mittlerweile aber auch bei der Verwaltung so zu sehen. Denn obwohl als Reaktion auf die Anträge eine Beratungsvorlage erst für die Sitzungsrunde Ende November/Mitte Dezember versprochen wurde, hat sie bereits einen ersten Entwurf für Sirenenstandorte erstellt und Fördermittel aus einem Bundes-Sonderprogramm beantragt, heißt es auf LKZ-Anfrage aus dem Rathaus. Ähnlich sieht es in Bietigheim-Bissingen aus, dort will man neun Sirenen installieren. Im Stadtgebiet gibt es zwar schon ebenso viele, allerdings keine für Bissingen, Untermberg sowie das Wohngebiet Buch – die liegen nämlich außerhalb eines festgelegten Radius um das Neckarwestheimer Atomkraftwerk, in dem noch viele Sirenen vorhanden sind, betrieben durch die EnBW, erläutert Stadtsprecherin Anette Hochmuth. Auch in Großbottwar hat man dieser Tage einen Förderantrag gestellt, hier gibt es zwar ebenfalls schon Sirenen für weite Bereiche, allerdings werde ein Teil von Hof und der Sauserhof nicht abgedeckt. Ebenso in Hemmingen, dort soll auf den Turm des „Alten Rathauses“ eine Anlage kommen.

Der steht 2022 eh zur Sanierung an – doch nicht nur deshalb drängt die Zeit. Denn das 88 Millionen Euro schwere Förderprogramm, kritisiert Bürgermeister Thomas Schäfer, ist „mit heißer Nadel gestrickt“: Erst Ende September hatte das Landesinnenministerium die nötige Richtlinie erstellt, die Antragsfrist endet am 12. November. Zudem müssten Installation und Abrechnung bis Ende 2022 erfolgt sein, eine „sehr ambitionierte“ Frist. Zudem kritisiert Schäfer das Windhundprinzip – wird also manch kleinerer Ort mit wenig Kapazitäten für die Antragstellung zurückstecken gegenüber den großen, auch wenn die schon Sirenen haben? „Mag sein, aber das ist doch bei jeder Förderung so“, sagt dazu Anette Hochmuth.

Viele Experten sind dennoch zufrieden, dass der Bund nun einmal schnell die Initiative ergreife – und sich wohl keine Kommune durch eine Förderabsage von der Installation abbringen lassen werde. Problematischer dagegen ist vielmehr die Tatsache, dass es bundesweit nur zwei Hersteller gebe. Dazu kommt, dass manche Kommunen offenbar gar nicht wüssten, wo genau ihre Sirenenstandorte seien, sagt Riccardo Lardino von „InsideTeam“, einem landesweit agierenden Verein zur Förderung des Rettungswesens. Denn der Bund habe das Sirenennetz aufgebaut, 1992 nach dem Ende des Kalten Kriegs die Verantwortlichkeit aber abgegeben – und nur wenige Kommunen pflegten es so wie Heilbronn (durch die Berufsfeuerwehr), wo man damals nicht nur die 18 defekten Sirenen reparierte, sondern ihre Zahl von 64 (noch über das Telefonnetz anzusteuernden) auf nun 91 (ausreichend für 95 Prozent des Stadtgebiets) funkgesteuerte ausbaute. „Die sind dort sehr vorbildlich“, so Lardino. Die Verantwortlichen hätten auch schnell erkannt, wie wichtig ein „Warnmix“ sei – eine Sirene allein reicht nicht, könne aber aufwecken und für weitere Nachrichtenkanäle sensibilisieren.

Die Stadt kann sich also das Rennen um die Förderung – laut einer Schätzung reicht das Geld vom Bund für 9000 Sirenen, allein Bayern aber plant 26000 Neuinstallationen – und Anlagen überhaupt sparen. Denn die Hersteller spüren vor allem seit den Überflutungen eine deutlich gestiegene Nachfrage, ein Jahr könne die Lieferzeit durchaus betragen – und bis zum bundesweit flächendeckenden Ausbau, so gibt es die Heilbronner Feuerwehr an, fünf bis sechs Jahre. Erst dann könnte es überall wieder richtig laut werden.

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