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Am Bahnsteig ist noch nicht Schluss

Der Stuttgarter Regionalverband will nächstes Jahr gut 380 Millionen Euro in den Verkehr und in komfortablere S-Bahnen investieren. Er hat aber auch vor, dass sich den Fahrgästen bessere Angebote bieten, wenn sie die Züge verlassen.

Immer in Bewegung bleiben: Die Region will mehr P+R-Stellplätze wie in Vaihingen (oben) und mehr Leihräder. Außerdem setzt sie auf Videoreisezentren. Archivfotos: Alfred Drossel, Andreas Becker, Holm Wolschendorf
Immer in Bewegung bleiben: Die Region will mehr P+R-Stellplätze wie in Vaihingen (oben) und mehr Leihräder. Außerdem setzt sie auf Videoreisezentren. Foto: Alfred Drossel, Andreas Becker, Holm Wolschendorf
An der U-Bahn-Endhaltestelle in Neckargröningen gibt es bereits eine Radstation.Archivfoto: Andreas Becker
An der U-Bahn-Endhaltestelle in Neckargröningen gibt es bereits eine Radstation. Foto: Andreas Becker
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Foto: Holm Wolschendorf

Kreis Ludwigsburg. Vielleicht muss man sich den Stuttgarter Regionalverband wie einen Jongleur vorstellen, der mehrere Bälle gleichzeitig in der Luft hält. So tat es jedenfalls die Regionaldirektorin Nicola Schelling bei der Einbringung des Haushalts 2021 in der Carl-Benz-Arena direkt neben dem Cannstatter Wasen, der seit jeher Schausteller oder Artisten anzieht. Schelling sprach also: „Wir sind ein Multitalent.“

Das soll besonders für den Verkehr gelten. Er bildet mit gut 380 Millionen Euro den mit Abstand größten Brocken im Etat der Region, der auf 414,6 Millionen Euro kommt (wir berichteten). Laut Schelling will ihr Verband 2021 nicht nur den Komfort bei der S-Bahn erhöhen, sondern neben klassischen Angeboten an den Bahnhöfen wie Park and Ride auch zusätzliche Mobilitätsangebote fördern. Der Verkehrsdirektor Jürgen Wurmthaler sagt: „Das ist die Voraussetzung, um neue Kundengruppen im ÖPNV zu erschließen.“ Der ehemalige Böblinger Landrat und Freie Wähler Bernhard Maier fügt hinzu: „Unsere Verantwortung endet nicht am Bahnsteig.“

Regionale Mobilitätszentren. Hier sollen Radverleihsysteme, Radabstellmöglichkeiten, Carsharing oder E-Ladesäulen an einem Ort gebündelt und verschiedene Verkehrsarten miteinander verkettet werden. Städte wie Ludwigsburg, Esslingen oder Fellbach machen bereits mit. Als einheitliches Zugangsmedium fungiert die Polygo-Card.

Die Region will nun auf weitere Mittelzentren zugehen und sie auf Fördermöglichkeiten aufmerksam machen, wie Bahnhöfe oder Haltestellen besser mit dem Umfeld verknüpft werden können. „Wir wollen nicht stehenbleiben“, sagt Wurmthaler.

Park and Ride. Aktuell gibt es an den 110 S-Bahn-Haltestellen etwa 17500 Parkplätze. Bisher hat die Region Vereinbarungen über 1900 Bestandsplätze und 273 zusätzliche Stellplätze an zehn Standorten geschlossen. In Vorbereitung sind Kooperationsverträge über gut 2500 bestehende und 1403 zusätzliche Stellplätze an 13 Standorten. Dabei leistet die Region in den Kommunen einen Finanzierungsbeitrag für bestehende P+R-Stellplätze und fördert den Bau zusätzlicher Anlagen. 1,15 Millionen Euro hält sie dafür 2021 bereit. Im Gegenzug erhält der Verband Einfluss bei der Gestaltung der Parkgebühren.

Bike and Ride. Ludwigsburg kommt nach Angaben des Regionalverbands auf 300 Stellplätze für Räder, in Bietigheim ist ein Fahrradparkhaus in eine P+R-Anlage integriert worden. „Das Fahrrad ist ein ideales Zugangsmittel zu den Mobilitätspunkten“, so der Verkehrsdirektor Wurmthaler.

Seit 2018 gibt es zudem das Fahrradverleihsystem Regiorad, das bisher vom Stuttgarter Rathaus organisiert und von einer Bahntochter betrieben worden ist. Aktuell bietet Regiorad 900 Fahrräder und 500 Pedelecs an. Die Region will das System auch außerhalb der Landeshauptstadt größer aufziehen. In der Fläche sei es hinter den Erwartungen zurückgeblieben.

Ein regionaler Kümmerer soll nun her – und (finanzielle) Anreize, um Kommunen zum Bau weiterer Ausleihstationen zu bewegen. Insgesamt speist der Verband laut Schelling im nächsten Jahr dafür rund 200000 Euro in den Haushalt ein. „Wir sind mit diesem Angebot jetzt auf dem richtigen Weg“, sagte die grüne Regionalrätin Lena Weithofer im jüngsten Verkehrsausschuss. Aus den Kommunen seien schon zehn konkrete Förderanträge gestellt worden.

Videoreisezentren. Zusammen mit der Bahn hat die Region ein Pilotprojekt zur Umsetzung von Videoreisezentren entwickelt. Per Knopfdruck wird der Kunde mit einem Reiseberater in der Zentrale in Ludwigsburg verbunden. Über Kameras kann sich der Fahrgast mit seinem Gesprächspartner austauschen und die normalen Serviceleistungen buchen. „Die Bedeutung des klassischen Schalterverkaufs nimmt immer mehr ab“, prognostiziert Wurmthaler. In Ludwigsburg oder Kornwestheim werden die bestehenden Reisezentren durch die neue Technik noch ergänzt. In Korntal oder Marbach gibt es mittlerweile rein videobasierte Reisezentren.

Carsharing. Nach Ansicht der Region profitieren längst auch Mittelzentren und kleinere Kommunen von Leihautos. Im Frühjahr 2019 seien an 36 Haltepunkten Carsharing-Fahrzeuge angeboten worden. Wurmthaler: „Voraussetzung für die Wirtschaftlichkeit ist eine hohe Nutzerzahl, die sich nur in dichten Räumen sicherstellen lässt.“

S-Bahn-Haltepunkte. Die volle Wirkung erreichen Mobilitätsdienstleistungen nach Ansicht des Stuttgarter Regionalverbands erst, wenn „die Bahnhöfe mit ihrer direkten Umgebung vernetzt sind“. So sieht das auch die CDU. Sie findet, dass die Internationale Bauausstellung 2027 eine geeignete Plattform wäre, um mit interessierten Städten und Gemeinden Lösungen zu erarbeiten und zu präsentieren, wie die Aufenthaltsqualität an den Haltepunkten verbessert werden kann.

Die Peripherie. Laut der Regio-Grünen werden die zusätzlichen Angebote ohne öffentliche Förderung und ohne Kooperation in der Fläche nur schwer etabliert werden können. Die Fraktion fordert deshalb, dass der Regionalverband hier tätig wird. Der Verkehrsdirektor Wurmthaler sagt: „Es muss aber auch eine Nachfrage geben.“

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