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Angeschnittenes und Wortkaskaden

Im Dialog: Steffen Popp und Charlotte Warsen. Fotos: Renate von Mangoldt, Valerie Schmidt/p
Im Dialog: Steffen Popp und Charlotte Warsen. Fotos: Renate von Mangoldt, Valerie Schmidt/p
Im Dialog: Steffen Popp und Charlotte Warsen. Fotos: Renate von Mangoldt, Valerie Schmidt/p
Im Dialog: Steffen Popp und Charlotte Warsen. Fotos: Renate von Mangoldt, Valerie Schmidt/p
Lyrikerin Charlotte Warsen und Schriftsteller Steffen Popp sprechen über visuelle Codes

Marbach. Mit dem ersten Termin des Begleitprogramms zur Ausstellung „#LiteraturBewegt: punktpunktkommastrich. Zeichensysteme im Literaturarchiv“ ist auch der Veranstaltungskalender des Deutschen Literaturarchivs Marbach (DLA) wieder zu öffentlichem Leben erwacht – wenn auch zunächst noch nicht in Präsenz auf der Schillerhöhe, sondern im digitalen Raum. Unter dem Titel „Zeichen zeigen“ waren die Lyrikerin Charlotte Warsen und der Schriftsteller Steffen Popp eingeladen, sich über „visuelle Codes in Lyriknotationen“ auszutauschen.

Vera Hildenbrandt, seit Jahresbeginn Leiterin der Marbacher Museen und federführende Kuratorin der bis 24. Juli laufenden Schau im Literaturmuseum der Moderne, begnügte sich als Gastgeberin mit einer kurzen Vorstellung der beiden Gesprächspartner, um ihnen daraufhin die virtuelle Bühne zu überlassen. Die wiederum hatten keinerlei Anlaufzeit nötig: Im Handumdrehen waren Warsen und Popp über die „Sehtexte“ von Ferdinand Kriwet ins Gespräch gekommen. Mit in konzentrischen Kreisen angeordneten Zeilen hat der Hörspielautor und Mixed-Media-Künstler in den sechziger Jahren eine ganz eigene Form für seine Lyrik gefunden, wobei er das Trägermedium Papier durch „zentrale Scheiben des Alltags“ (Popp) wie Teller ersetzte.

In jedem Fall habe Kriwet „Leseprozesse aufgebrochen und rekonfiguriert“, stellte Popp fest. Warsen konstatierte einen „materiellen Zugang zum Umgang mit Sprache“ und zeigte einen Kriwet-Bierdeckel, den sie lange in der Küche aufbewahrt habe, bevor er vor kurzem doch hinter Glas gewandert sei. Ein Vorgang, der auch die „Grenzstruktur zwischen ikonischem Artefakt und Text“ spiegle, an der Kriwet sich mit seiner visuellen Poesie bewegt, kommentierte Popp schmunzelnd.

Begriffe wie „Textinseln“ oder „Archipelgedicht“ seien zunächst in Analysen zur Lyrik von Rolf Dieter Brinkmann aufgetaucht, so Popp. Die stellenweise Aufkündigung der Linksbündigkeit in Gedichten wie „Westwärts 2“ (1975) habe die Tür für eine ganze Reihe neuer Formen geöffnet: Listen, gestufte Zeilen, Kaskaden oder Zentralkörper zogen ins Gedicht ein. Insgesamt spiele der Weißraum eine größere Rolle, was eine Aktivierung des Hintergrunds bedeute, meinte Popp.

Der Vergleich von Warsens eigener Lyrik und Malerei macht Parallelen augenfällig: Fragile Gebilde, architektonisch und doch schwebend, in denen sich eine „vorsemantische Vorstellung“ manifestiere, so die zuletzt mit dem Gedichtband „Plage“ hervorgetretene Autorin. Popps „118“, 2017 für die Shortlist des Preises der Leipziger Buchmesse nominiert, versteht sich als elementares Inventar von Substantiven wie „Dämon“, so der Titel eines seiner Zehnzeiler. Keine Definition, eher einen Begriff „anschneiden“ sei seine Intention gewesen, erklärt Popp. Umflossen wird der „Fenstertext“ von einem Rahmen, der Eigennamen von Dämonen versammelt und dem wie eine Türklinke in den Textkörper eingeschobenen Wort „Aquarium“. Eine Einladung zum Öffnen von Resonanzräumen – wie die erhellende Veranstaltung selbst.