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Auch die Petschls kapitulieren

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Das kleine Schweinchen blickt fröhlich in die Welt. Die Landwirte Florian und Katrin Petschl, hier in einem stillgelegten Teil ihrer Ferkelzucht, plagen Zukunftssorgen.Fotos: dpa/ Sebastian Gollnow
Das kleine Schweinchen blickt fröhlich in die Welt. Die Landwirte Florian und Katrin Petschl, hier in einem stillgelegten Teil ihrer Ferkelzucht, plagen Zukunftssorgen.Fotos: dpa/ Sebastian Gollnow
Die Zahl der Landwirte in Baden-Württemberg geht beständig zurück – bei den Schweinebauern aber ist der Rückgang an Betrieben eklatant: Zwischen 2010 und 2020 gab es hier eine Halbierung. Wieso eigentlich? Der Marbacher Landwirt Florian Petschl gibt Einblick in seine schwierige Situation.

MARBACH. Wenn Florian Petschl über seinen Schweinehof läuft, dann ist das auch immer ein Spaziergang durch eine glorreiche Vergangenheit. Gefühlte Ewigkeiten lief es für den Familienbetrieb in Marbach bestens. Der Opa und der Papa verdienten gutes Geld in ihren Traumjobs als Schweinebauern – das Geschäftsmodell galt obendrein als krisenfest, dem anhaltenden Hunger der Bundesbürger auf Schweinefleisch sei Dank. Und so übernahm Landwirt Petschl (32) vor einigen Jahren voller Tatendrang und Hoffnung sukzessive den Hof von seinem Vater. Jetzt findet er sich in einer nie dagewesenen Existenzkrise wieder.

Beständig rote Zahlen

Petschls Betrieb wirft keine Gewinne ab, sondern schreibt beständig rote Zahlen – so wie bei vielen Schweinebauern. Petschl hat aktuell keine Aussicht auf wirtschaftlichen Erfolg, aber dafür einen horrenden Kredit von 1,6 Millionen Euro für einen neuen Stall abzubezahlen. Die große Mehrheit der schweinehaltenden Betriebe im Südwesten mache Miese, sagt Ariane Amstutz vom Landesbauernverband in Baden-Württemberg. Petschl meint: „Im Moment kann man vom Wirtschaftlichen her niemanden empfehlen, in diese Branche zu gehen.“

Die Gründe sind vielfältig. Traditionell ist es für Landwirte im Lauf der Jahrzehnte immer schwerer geworden, im Alter einen Nachfolger für den Betrieb zu finden. Doch zum vermeintlichen Uncoolness-Faktor, den der Job eines Bauern mit sich bringt, kommt seit Jahren ein noch größeres Problem: wirtschaftliche Unkalkulierbarkeit. Nicht nur die politischen und moralischen Anforderungen an die Bauern wachsen mehr und mehr, ein extrem schwankender Marktpreis für Schlachtschweine sorgt obendrein für maximale Unsicherheiten.

Zurzeit ist der Preis angesichts einer coronabedingt gesunkenen Nachfrage und des Ausbruchs der Afrikanischen Schweinepest im Keller: Pro Kilogramm von einem Mastschwein bekommt ein Bauer gerade mal noch 1,19 Euro. Da sind jedem Landwirt rote Zahlen sicher. Wirtschaftlich interessant werde es erst ab einem Preis von mindestens 1,65 Euro, sagt Ariane Amstutz.

Chronische Krise verschärft sich

Corona und die Afrikanische Schweinepest, die Exporte in andere Länder schwierig bis unmöglich macht, verschärfen die sowieso schon chronische Krise der Schweinebauernbranche nochmals. Am-stutz sagt, in der Landwirtschaft kriselten fast alle Bereiche – aber bei der Schweinehaltung sei es dramatisch. „Die Schweinehaltung befindet sich in der größten Krise seit Jahrzehnten. Sicherlich werden in den kommenden Jahren viele weitere Betriebe aufgeben.“ Schon jetzt ist der Schwund an Schweinehöfen in Baden-Württemberg beachtlich: Zwischen 2010 und 2020 sank die Zahl der Betriebe laut jüngsten Zahlen des Statistischen Landesamts um mehr als die Hälfte (54,2 Prozent) auf nur noch knapp 4000. Lediglich rund 2000 Betriebe davon sind auch spezialisiert auf die Schweinehaltung.

Das hat auch damit zu tun, dass sich für viele mittelgroße Betriebe ganz unabhängig von Corona und der Afrikanischen Schweinepest inzwischen kaum noch ein Geschäftsmodell als nachhaltig tragfähig erweist. Florian Petschl beispielsweise übernahm von seinem Vater einen Mischbetrieb: Einerseits zog er Ferkel auf seinem Hof groß, andererseits fokussierte er sich auf die Mast von etwa 5000 Schweinen jährlich. So wechselten die meisten Jungtiere nach ein paar Wochen auf der Welt in den Maststall. Alle Ferkel, die dort nicht mehr reinpassten, wurden verkauft und brachten zusätzliche Einnahmen.

Kritik an der Politik

Doch das rechnet sich nicht mehr. Mit dem Geld, das Petschl zurzeit für ein Ferkel bekommt, kann er seine Kosten nicht ansatzweise decken. Zudem kritisieren Branchenverbände gerade im Bereich der Schweinezucht, zu umfangreiche politische Eingriffe. Um neue Vorgaben erfüllen zu können, müssten Schweinehalter ihre Ställe in den nächsten Jahren teils umfangreich umbauen und dafür viel investieren – und das, obwohl das ganze Geschäftsmodell sowieso schon kaum etwas abwerfe. Hinzu komme ein politisches Hin und Her. Amstutz sagt, die Betriebe investierten auf lange Sicht in neue Anlagen, Abschreibungen brauchten Jahrzehnte. Doch die politischen Auflagen seien oft nur kurzfristig, schlicht nicht verlässlich. „Wer heute einen Stall baut, weiß nicht, ob die Bestimmungen bei Fertigstellung noch gelten.“ Zuletzt hatten die Bauern bundesweit immer häufiger öffentlich auf ihre missliche Lage aufmerksam gemacht, etwa bei den großen Lebensmittelketten lautstark protestiert. Diese drücken nach Ansicht der Bauern mit ihrer Marktmacht die Abnahmepreise etwa für Schweinefleisch entscheidend. Mehrere Händler verpflichteten sich jüngst, die Einkaufspreise etwas zu erhöhen, teils gab es auch Sofortzahlungen für Bauern.

Florian Petschl hat sich mit seiner Frau Katrin (27) dennoch zur Kapitulation entschieden – zumindest was die Schweinezucht angeht. Statt seine in die Jahre gekommenen Ställe gemäß den neuen politischen Anforderungen umzubauen, hat er seine 150 Muttersäue abgeschafft, und will sich jetzt, abseits von Nebenerwerbsversuchen mit Hühnern und einem kleinen Einkaufsladen, auf die Schweinemast konzentrieren. Ein bisschen auch aus der Not heraus: 2012 hatte er einen modernen Maststall bauen lassen und dafür einen Millionenkredit aufgenommen, den er jetzt über Jahrzehnte abbezahlen muss.