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Auch Hesses Grabstein ist nun wieder frei

Nur durch Zufall erfuhren Aktive vom Schwäbischen Heimatbund und der Güterkaufgesellschaft, dass der Vater und eine Schwester des Schriftstellers in Korntal begraben sind – und sorgten dafür, dass das nun wieder sichtbar ist.

Die Schrift auf dem Sandstein ist nun wieder lesbar.
Die Schrift auf dem Sandstein ist nun wieder lesbar.
Die Retter des Grabsteins (von links): Albrecht Rittmann, Wenke Walz und Paul-Ulrich Link. Foto: Holm Wolschendorf
Die Retter des Grabsteins (von links): Albrecht Rittmann, Wenke Walz und Paul-Ulrich Link. Foto: Holm Wolschendorf

Korntal-Münchingen. Er ist einer der bekanntesten Schriftsteller Deutschlands, seine Nachlässe sind in verschiedenen Museen zu besichtigen, ihm selbst auch eigene Einrichtungen gewidmet und seinen gepflegten Grabstein im schweizerischen Montagnola schmücken regelmäßig Gestecke. Umso vernachlässigter war dagegen die letzte Ruhestätte von Hermann Hesses Vater. In einer der hinteren Reihen, fast direkt an der Mauer des Korntaler Friedhofs, liegt er seit 1916 begraben, zusammen mit seiner Tochter Maria, unter einem Stein, zwischenzeitlich ganz schwarz geworden, die Buchstaben kaum noch lesbar.

Wohl auch deshalb hatten selbst Heimatforscher kaum etwas davon gewusst, welche Persönlichkeit da noch auf dem Korntaler Friedhof begraben liegt. Erst der Zufall – und eine wissenschaftliche Tagung zum 200-jährigen Bestehen von Korntal im Sommer 2019 – brachte einen, der um Johannes und „Marulla“ Hesses Grab wusste, mit jenem Mann zusammen, der die Sanierung initiierte: Albrecht Rittmann, stellvertretender Vorsitzender des Schwäbischen Heimatbunds.

„Völlig überrascht“ sei er gewesen, als ein Unbekannter ihn damals fragte, ob man denn nicht etwas gegen den schlechten Zustand des Steins für den ehemaligen Missionar tun könne. Denn obwohl er sich schon lange mit der Heimatgeschichte befasse, wusste er von nichts, so Rittmann heute. Sofort aber, erinnert er sich, habe er sich angesprochen gefühlt, schließlich kümmere sich der Heimatbund unter anderem um Kleindenkmale und hatte vor einigen Jahren „unter großen Wehen und Mühen“ den alten Hoppenlaufriedhof in Stuttgart sanieren lassen. Allerdings: Geld dafür die Ehrenamtlichen nicht.

Doch hier sprang die Korntaler Güterkaufgesellschaft ein, deren Vorsitzender Paul-Ulrich Link zufällig ebenfalls bei dieser Tagung war. Deren Ziel ist es, Gutes zu tun für die Evangelische Brüdergemeinde – den Ursprung des Ortes, rund 200 Nachfahren der ersten Siedler sind heute Mitglieder der GKG und ihnen gehören zehn bis 15 Prozent des Korntaler Bodens –, die Stadt und ihre Bewohner zu tun, etwa die Unterstützung des Bürgerbusses oder des Schulbauernhofs. Und nun eben, die rund 4000 Euro für die Arbeit von Wenke Walz zu zahlen.

Sie hat für die Restauration einiges zu tun. Als sie den Sandstein das erste Mal sieht, ist er schwarz („so viel Patina, unglaublich“), voller Flechten, die Inschrift kaum noch lesbar, auch die Einfassung muss neu gerichtet werden. Nach der Grundreinigung mit einem Dampfstrahler muss Walz in rund vier Arbeitstagen über 200 Schriftzeichen einzeln nachhauen – ungewöhnlich viel. Für Walz aber ein Fest. Durch den schlicht gehaltenen schwäbischen Sandstein könne man viel vermitteln, die Schrift wirke darauf ganz anders als etwa auf blank poliertem Granit, die Schattenwirkung sei sehr stark. „Einem Steinmetz geht immer das Herz auf, wenn er etwas in Sandstein hauen kann.“ Und so nicht nur die Geburts- und Sterbedaten von Johannes (14. Juni 1847 in Weissenstein/Esthland, 8. März 1916) sowie seiner, angelehnt an die alte Heimat im Osten genannten, Tochter Marulla (27. November 1880 in Calw, 17. März 1953) wieder ans Tageslicht bringen kann. Sondern auch einen Psalm: 124,7. „Der Strick ist zerrissen, der Vogel ist frei“, steht nun wieder unter den Daten von Johannes Hesse.

„Ich finde das sehr bedeutend“, so Link, sinnbildlich dafür, dass der Verstorbene die Straße des ewigen Lebens beschreite – nicht mehr an einen Körper und den Rollstuhl gebunden, zitiert er die Geschichte der letzten Jahre. Auch der Psalm unter den Daten zur jüngsten Tochter spielt darauf an: „Unter seinen Flügeln“. Marulla war es, die ihren Vater lange pflegte, nachdem er nach dem Tod seiner Frau – beide hatten sechs Kinder, Hermann war das zweitälteste – und seiner Zeit als Leiter des Calwer Verlagsvereins 1905 nach Korntal gezogen war, einem beliebten Altersruhesitz von Missionaren, auch von anderen Missionen wie der aus Basel, bei der sich Hesse hatte ausbilden lassen. Viele von ihnen sind auf dem alten Friedhof der Brüdergemeinde und dem neuen bestattet, in einem eigenen Bereich. Dicht aneinander liegen die Gräber, nach Osten ausgerichtet, schlicht und in ähnlicher Gestaltung und Größe, als Symbol, dass nach dem Tod alle gleich seien. Zumindest sichtbar ist das nun auch wieder fast direkt an der Westmauer, neben den anderen, gut lesbaren Steinen: beim Grab der Hesses.

Kurzbiografie: Von Estland über Indien nach Calw.

Johannes Hesse, geboren am 14. Juni 1847, besuchte in Reval (heute: Tallinn) die „Ritter- und Domschule“ und ließ sich danach in Basel von der Missionsgesellschaft zum Missionar ausbilden. Nach wenigen Jahren in Indien musste er gesundheitlich bedingt 1873 nach Deutschland zurückkehren und landete in Calw, dort heiratete er auch und bekam mit seiner Frau sechs Kinder, Hermann Hesse war das zweitälteste. Johannes Hesse verfasste, unter anderem als Leiter des Calwer Verlags, mehrere Bücher zur evangelischen Missionsarbeit, auch eines zu Korntal. 1902 starb seine Frau, 1905 zog er schließlich mit Marulla nach Korntal, wo er 1916 starb.

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