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Auf der Suche nach dem Steinkrebs

Christoph Chucholls Arbeitsplatz an diesem heißen Augustnachmittag könnte schöner nicht sein: Mit Anglerhosen steht er in der Bottwar und dreht vorsichtig Steine um. Flusskrebsmonitoring nennt sich das, und an diesem Nachmittag durften wir dabei sein.

Je größer der Stein, desto größer der Krebs, der darunter sitzen könnte. Christoph Chucholl beim Monitoring.Fotos: Ramona Theiss
Je größer der Stein, desto größer der Krebs, der darunter sitzen könnte. Christoph Chucholl beim Monitoring. Foto: Ramona Theiss
Dominik Geray (links) und Christoph Chucholl sind zufrieden: Durch die Edelstahlröhre gelangt kein Signalkrebs in den Oberlauf der Bottwar.
Dominik Geray (links) und Christoph Chucholl sind zufrieden: Durch die Edelstahlröhre gelangt kein Signalkrebs in den Oberlauf der Bottwar.
Ein Edelkrebs, dem die linke Schere abhanden gekommen ist; sie wird allerdings nachwachsen; Krebse können zehn Jahre alt werden.
Ein Edelkrebs, dem die linke Schere abhanden gekommen ist; sie wird allerdings nachwachsen; Krebse können zehn Jahre alt werden.

Oberes Bottwartal. Einen zierlichen Steinkrebs und einen größeren Edelkrebs hat er bereits entdeckt und für die Leute von der Presse in einen Eimer voll Wasser gesetzt, damit die Fotografin ein gutes Motiv hat, denn eigentlich sind die stark gefährdeten Tiere nachtaktiv und äußerst scheu. Christoph Chucholl, promovierter Biologe von der Landesfischereiforschungsstelle in Langenargen am Bodensee, hat noch einen langen Arbeitstag vor sich: Nachts wird er mit der Taschenlampe losziehen und Krebse zählen.

Seit 2014 in der oberen Bottwar landesweit die ersten Krebssperren eingebaut worden sind, um Stein- und Edelkrebse vor den invasiven amerikanischen Signalkrebsen im Unterlauf zu schützen, findet alle drei Jahre ein Monitoring statt, um herauszufinden, ob die Sperren wirksam sind. Um das Ergebnis vorweg zu nehmen: Sie sind wirksam.

Dominik Geray, der die Fischereibehörde beim Regierungspräsidium leitet, sagt, dass es kein Signalkrebs in den vergangenen sechs Jahren geschafft hat, durch die glatten Edelstahlröhren in den Oberlauf der Bottwar und damit ins Revier von Stein- und Edelkrebs zu gelangen. Was passiert wäre, wenn es doch gelungen wäre, kann man in der benachbarten Kurzach besichtigen: Innerhalb von drei Jahren hat der Signalkrebs dort die komplette Steinkrebspopulation vernichtet. Denn Signalkrebse sind Träger der Krebspest, einer Pilzkrankheit gegen die die einheimischen Arten keine Chance haben. Als deshalb Signalkrebse in der Bottwar auftauchten, „hat die Hütte gebrannt“, sagt Christoph Chucholl.

Um überhaupt noch etwas zu retten, musste schnell Geld aufgetrieben werden. Einige Gemeinderäte murrten, aber die Kommunen Beilstein und Oberstenfeld zahlten. Den größten Teil steuerte das Regierungspräsidium auf Antrag des Fischereiverbandes bei und finanzierte 2014 die drei Kontaktsperren an der Landesstraße in Oberstenfeld, am Wiesenweg im Prevorster Tal und an der Unteren Ölmühle. Es waren die ersten in Baden-Württemberg – ein europäisches Pilotprojekt. Im Jahr 2017 fand das erste Monitoring statt, das zweite jetzt im August.

Monitoring ist Handarbeit. Christoph Chucholl dreht große Steine im Bachbett um. Dort verbringen die Krebse den Tag, ehe sie in der Dunkelheit auf Jagd gehen. Steinkrebse gelten als „Wildschweine unter Wasser“, sie fressen alles, was ihnen vor die Scheren kommt, Insektenlarven, aber auch Aas. Um zu ermitteln, wie viele Tiere in der oberen Bottwar leben, werden mit Katzenfutter bestückte Reussen ausgelegt. Der Bestand gilt als gut, ein bis zwei Tiere pro Ufermeter garantieren einen Besatz von mehreren Tausend Tieren. Die Befürchtung, die Signalkrebse könnten rechts und links an den Krebssperren vorbeispazieren, hat sich nicht bewahrheitet. Beim ersten Monitoring hat man den Signalkrebsen unterhalb der ersten Sperre Knicklichter auf die Panzer geklebt – sicher ein hübsches Bild in der Dunkelheit. Kein einziger der Krebse war außenherum gewandert, alle waren im Unterlauf geblieben.

Oberhalb der Sperren kippt Christoph Chucholl den kleinen Steinkrebs und den einarmigen Edelkrebs nach dem Fototermin wieder in die Bottwar und dreht weiter Steine um.

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