Logo

Aufgeladener Resonanzraum

Der Ludwigsburger Thomas Weber zeigt im Akku Exponate aus „Das Dorf“

Thomas Weber in der Ausstellung. Foto: privat
Thomas Weber in der Ausstellung. Foto: privat

Stuttgart. Zwei scheinen sich an der Wand festgekrallt zu haben (womit?), fünf weitere müssen auf die Fensterbank gestiegen sein (warum?). So verschiedenartig die Keramiken auf den ersten Blick wirken mögen – kastenförmig oder verschlungen, zumeist aber eine immer wieder neu und anders ansetzende Kombination aus den sich hier gegenüberstehenden Organisationsprinzipien –, alle gehören einem größeren Zusammenhang an: Jede der Keramiken aus rotem, gebranntem, unglasiertem Ton ist Teil der Installation „Das Dorf“, einer seriellen Werkgruppe, die der Ludwigsburger Künstler Thomas Weber 1993 begonnen hat und bis heute fortführt. Rund 1500 Objekte, die also im erweiterten Sinn als „Urhütten“ aufgefasst werden könnten, sind seitdem entstanden. Mehr als 300 von ihnen sind nun im Projektraum Akku, den der Künstlerbund Baden-Württemberg und die Kunstakademie in der Stuttgarter Innenstadt betreiben, zu sehen.

„Das sind die Flüchtlinge“, sagt Weber, auf die Gruppe angesprochen, die sich gegenüber der Eingangstür versammelt hat. 2015 entstanden, scheint die Menge sich in Bewegung gesetzt zu haben und auf den Betrachter zuzukommen. Einige tragen merkwürdig erschlaffte, kegelförmige Aufbauten, die wie Minaretttürme und -kuppeln, aber auch wie exotische Kopfbedeckungen wirken. Andere scheinen Antennen auszufahren. Ihnen gegenüber sind Keramiken von 2012 aufmarschiert, in Reih und Glied wie ein militärischer Verband. Die jüngste Erweiterung im „Dorf“ ist während der Pandemie entstanden: Kraftstrotzende Wülste winden sich in der Enge ihrer Behausungen, drängen über deren Kubatur hinaus, wo die Wände fehlen, und bleiben doch der Raumzelle verhaftet – eingesperrte Energie im Leerlauf, Lagerkoller im Lockdown? Ihre Gruppierung wirkt beliebig, beziehungslos gegeneinander verdreht die einzelnen Hütten, zerrüttet das einst verbindliche Straßenraster als Sinnbild des gesellschaftlichen Gefüges.

Bewusst einfach und den Materialeigenschaften seines Werkstoffs folgend ist Webers keramisches Vokabular in dieser Terrakotta-Armee menschlicher Behausungen gehalten: Alles entsteht aus Variationen zweier archaischer Elemente – Platte und Wulst gehen im „Dorf“ stets andere, oft auch überraschende Verbindungen ein. Denn immer wieder treibt Weber die Möglichkeiten des Tons wortwörtlich auf die Spitze: So roh die Keramiken auch wirken mögen, so fragil sind einzelne ihrer Teile.

Die Tendenz zur Zuspitzung kennzeichnet auch die Werkreihe, mit der Weber, als Teil der Ateliergemeinschaft in der Eberhard-Ludwig-Kaserne und Leiter der Tonwerkstatt der Kunstschule Labyrinth seit langem fest in Ludwigsburg verankert, 1984 den Reiz des seriellen Arbeitens für sich entdeckt hat. „Malerei auf Papier“ nennt er die Blätter dieser Serie lapidar. Was für seine Keramiken der handelsübliche Tonblock darstellt, eine Art Grundeinheit, ist für seine Bilder das liegende A3-Format. Auch hier ein begrenztes Repertoire an Formen – Architekturelemente, Landschaften –, nicht konkret abbildend, sondern auf ein Konzentrat typologischer Chiffren reduziert, das stets aufs Neue dekliniert wird. „Ein Bild stößt das nächste an“, so Weber.

Was alle Arbeiten eint, ist ihr anthropologischer Bezug. Selten bis nie ist in Webers gegenständlicher Kunst tatsächlich eine menschliche Figur zu sehen, und doch besitzt jede seiner Arbeiten eine spezifische Wesenhaftigkeit, ein kreatürlicher Zug.

Info: Die Ausstellung ist bis 4.Februar von Mittwoch bis Freitag zwischen 14 und 18 Uhr im Projektraum Akku in der Gerberstraße 5 C zu sehen.

Autor: