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„Autoren sind Seismographen im Diskurs“

Der Suhrkamp Verlag ist ein Stück jüngerer deutscher Geschichte. Verleger Jonathan Landgrebe sieht sein Haus auch heute noch als intellektuelle Institution.

Die Freiräume des Denkens sind für ihn essenziell: Jonathan Landgrebe. Foto: Suhrkamp Verlag/dpa
Die Freiräume des Denkens sind für ihn essenziell: Jonathan Landgrebe. Foto: Suhrkamp Verlag/dpa

Berlin. Seit fünf Jahren ist Jonathan Landgrebe Vorstandsvorsitzender der Suhrkamp Verlag AG in Berlin. Anlässlich des 70. Geburtstags des Hauses am heutigen Mittwoch erläutert der Verleger die aktuelle Lage sowie die Aussichten eines der wichtigsten deutschen Verlage.

Herr Landgrebe, wo sehen Sie die wichtigsten Erfolge Ihres Verlages?

Jonathan Landgrebe: Jedes Buch, das wir veröffentlichen, ist ein Erfolg. Und natürlich möchten auch wir Verkaufserfolge, die jedoch kann man nicht planen, nur selten jedenfalls. Uns ist es wichtig, unsere Autoren zu begleiten, über viele Jahre, in ihrem Schreiben und im Veröffentlichen ihrer Bücher. So entstehen die wirklichen Erfolge des Verlags.

Suhrkamp war über Jahrzehnte eine intellektuelle Institution der Bundesrepublik – warum gibt es das in der Form heute nicht mehr?

Der Verlag ist auch heute eine intellektuelle Institution. Mit den Autorinnen und Autoren, die ihre Bücher bei uns publizieren, ob in der Literatur oder den Wissenschaften, bündelt sich bei uns bis heute ein gewichtiger Teil des geistig-intellektuellen Lebens dieses Landes – auch aus dem fremdsprachigen Raum übrigens. Das drückt sich durch unsere Bücher und auch die Debatten aus, die sie anstoßen.

Was können Verlage und Autoren heute noch zu Selbstverständnis und Selbstbewusstsein eines Landes und seiner Gesellschaft beitragen?

Literatur wendet sich doch zuerst einmal an die einzelne Leserin und an den einzelnen Leser. Und sie trägt wesentlich bei zum Erfahrungsschatz eines Menschen und seiner Selbstverortung im Leben. Die Fantasie, die Sensibilität, der in der Literatur Ausdruck verliehen wird, sie trägt auch immer die Möglichkeit einer anderen Welt in sich. Und dadurch wirkt sie auch in die Gesellschaft hinein.

Wo sehen Sie heute noch Schriftsteller, die sich einmischen?

Überall. Man darf nicht gleich erwarten, dass ein Schriftsteller sofort die politische Welt verändert, das war noch nie so, auch wenn man das retrospektiv manchmal denkt. Die Präsenz der Autoren im öffentlichen Diskurs ist da. Sie sind Seismographen. Mit ihrer Unabhängigkeit und ihrer Intuition bringen sie zum Ausdruck, was mancher vielleicht spürt, aber nicht formulieren kann.

Inwiefern haben die internen Streitereien dem Renommee des Verlags geschadet?

Die Auseinandersetzungen sind seit 2015 beendet, das ist jetzt bald sechs Jahre her und das Kapitel ist abgeschlossen. Das Verlagsprogramm, die öffentliche Resonanz, die zahlreichen Preise für unsere Autoren, und ja, auch die Verkaufserfolge zeigen, dass der Verlag diese Phase unbeschadet überstanden hat.

Was an Literaturkritik ist noch wichtig für den Verlag?

Wo Menschen lesen, wird immer auch Literaturkritik entstehen. Ihr medial Raum zu geben, ist für Autoren, für Verlage, für die Lebendigkeit des literarischen Lebens wirklich zentral. Wir können im deutschsprachigen Raum stolz sein auf die Lebendigkeit der Literaturkritik, das gilt auch im Falle des Theaters.

Der Verlag stand stets hinter umstrittenen Autoren wie Walser oder Handke. Wo verlaufen die Grenzen verlegerischer Loyalität?

Die Loyalität geht weit, denn Freiräume der Literatur und Wissenschaft, des Denkens zu erhalten ist essenziell. So wie es wichtig ist, Grenzen zu ziehen. Deshalb sind wir unter anderem bei Themen wie Extremismus, Hass und Intoleranz, Antisemitismus oder Rassismus naturgemäß besonders aufmerksam.

Wo in der Welt entsteht zurzeit die interessanteste Literatur?

Unser Programm zeigt, dass interessante Autoren heute aus Mittel- und Südeuropa, Südamerika, aber auch aus Australien, England und den USA kommen, und natürlich aus dem deutschsprachigen Raum selbst. Für uns sind außerdem die literarischen Impulse aus osteuropäischen Ländern immer wieder aufregend, und ich kann nur jedem empfehlen, sich darauf einzulassen. Auffällig ist, dass es manche Länder gibt, aus denen uns weniger Literatur erreicht, China zum Beispiel, politisch und wirtschaftlich in aller Munde, literarisch aber etwas unterrepräsentiert.

Welchen Trend hat Suhrkamp inhaltlich verpasst?

In Bezug auf Literatur und Wissenschaft muss es kein Nachteil sein, Trends zu verpassen. Aber schade finde ich, ideell und kommerziell, dass es der Verlag seit den 90er Jahren versäumt hat, Kinder- und Jugendbücher zu veröffentlichen. Ganze Generationen von Kindern sind seit Mitte der 90er Jahre mit Büchern aufgewachsen, von ihnen geprägt, die in unseren Verlagsprogrammen keine Rolle gespielt haben, nachdem der Insel Verlag sein Kinderbuchprogramm Ende der 80er Jahre eingestellt hat.

Wer wird künftig noch Bücher in die Hand nehmen?

Jeder. Das gedruckte Buch hat sich vom E-Book bisher nicht sonderlich stören lassen, das zeigen die Zahlen immer noch, selbst zu Corona-Zeiten.

Wie sieht Suhrkamp die Entscheidung für eine Frankfurter Buchmesse im Corona-Herbst 2020?

Die Buchmesse ist uns sehr wichtig. Sie ist ein Höhepunkt des literarischen Jahres und stößt so vieles an zwischen Autoren und Publikum, Schreibenden und Lesenden. Es ist ein Ereignis von Rang, um das uns die ganze Welt beneidet. Mit Corona werden wir länger leben müssen, sicher auch im nächsten Jahr. Darum begrüßen wir die Bemühungen um die Messe. Und auch wir wollen sie deshalb nicht einfach absagen, prüfen im Moment die Situation und arbeiten gemeinsam mit der Messe an Konzepten, zumindest in kleinerem Rahmen etwas realisieren zu können.

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