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Balzer ist dankbar und wehmütig zugleich

Nach mehr als 29 Jahren im Amt verabschiedet sich Remsecks Erster Bürgermeister Karl-Heinz Balzer zum Ende des Monats in den Ruhestand. Im Gespräch mit unserer Zeitung blickt er auf eine ereignisreiche Zeit zurück.

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Foto: Ramona Theiss

REMSECK. Herr Balzer, wie geht es Ihnen so kurz vor Ihrem letzten Arbeitstag?

Ich bin jetzt doch sehr wehmütig. Als ich mich vor rund einem Dreivierteljahr entschieden habe, in Pension zu gehen, war das noch anders. Da ging es mir gut. Jetzt gehen mir die Tage aus. Die Coronabeschränkungen verstärken die Wehmut zusätzlich. Eine Verabschiedung kann nicht stattfinden, nicht einmal Zusammenkünfte mit den Mitarbeitern im kleineren Kreis sind möglich. Aber ich bin auch dankbar für ein erfülltes Berufsleben.

Welche Zeit war für Sie die spannendste?

Die ersten Jahre waren am spannendsten. Da nahm Remseck eine sehr dynamische Entwicklung. Pattonville entstand, wir bekamen den Stadtbahnanschluss, der Stadtbus wurde eingeführt, die Einwohnerzahl ging rasant nach oben. Auch die Wandlung Remsecks vom Dorf direkt zur Großen Kreisstadt, bei der ich ja eine federführende Rolle gespielt habe, war eine hochinteressante Zeit.

Was war die größte Herausforderung?

Zweifellos die Entwicklung von Pattonville. Ich erinnere mich noch gut daran, dass ich gleich in meiner allerersten Arbeitswoche einen Brief bekam, in dem die Amerikaner ankündigten, dass sie die Siedlung verlassen würden. Ich habe dann dabei mitgewirkt, aus einer Geisterstadt ein funktionierendes, lebendiges Gemeinwesen zu entwickeln. Das war wirklich eine Herausforderung. Dafür gab es schließlich keine Blaupause. Und jetzt ist es für mich ein toller Abschluss, dass im Herbst in Pattonville eine neue Grundschule eröffnet werden kann, die dazu noch die erste Ganztagsgrundschule in Remseck ist.

Was war denn das schönste Erlebnis in all den Jahren?

Ganz klar der Stadtbahnanschluss. Das war am 22. Mai 1999. Dieses Datum werde ich nie vergessen. Wir haben gleich am Morgen erst in Hochdorf unseren neuen Stadtbus eingeweiht, sind dann schnell nach Mühlhausen gefahren und dort in die erste Stadtbahn, die nach Remseck fuhr, umgestiegen. An jeder Station wurde gefeiert. Alle waren so stolz. Da herrschte richtig Aufbruchstimmung.

Und welche Zeit war für Sie am schwierigsten?

Ich würde sagen, das war Mitte bis Ende der 1990er Jahre. Der damalige Bürgermeister Peter Kuhn fiel krankheitsbedingt oft und auch über längere Phasen aus. Und dann kam ja auch noch die verlorene Wahl dazu.

Wenn Sie es selbst schon ansprechen: 1998 wollten Sie gerne die Nachfolge von Peter Kuhn antreten, mussten sich dann aber Karl-Heinz Schlumberger geschlagen geben. Im Jahr 2000 bewarben Sie sich in Freiberg als Bürgermeister. Auch das klappte nicht.

Ja, das war nicht einfach. Dass ich in Remseck die Wahl verloren habe, war schon eine große Enttäuschung für mich. Rational habe ich es nachvollziehen können. Die Stadtverwaltung hatte damals keinen guten Ruf. Da wollten die Wähler lieber jemand von außen als Bürgermeister haben. Aber emotional konnte ich es nicht verstehen. Ich hatte in den Jahren zuvor durch die Ausfälle von Peter Kuhn schon viele Aufgaben des Bürgermeisters übernommen. Da schien es für mich logisch, dass ich sein Nachfolger werden könnte. Aber mir war auch klar, dass daraus nichts würde, wenn ein vernünftiger Gegenkandidat antritt. Die Niederlage in Freiberg hat mich nicht so hart getroffen. Da hatte man mich zur Kandidatur aufgefordert. Ich habe es versucht, und es ging halt schief. Natürlich hätte ich mich riesig gefreut, wenn es geklappt hätte.

Dann sind Sie noch über 20 Jahre in Remseck geblieben. Haben Sie das irgendwann mal bereut?

Nein, ich habe mich hier und auch mit meiner Aufgabe immer wohlgefühlt. Und ich war 1992 auch nicht mit dem Ziel nach Remseck gekommen, um dort mehr zu werden. Ich habe nie einen Leidensdruck verspürt, wegzuwollen. Und irgendwann war ich sehr verwurzelt, hatte eine Familie gegründet, ein Haus gebaut und gute Freunde gefunden. Da geht man nicht mehr so einfach weg. Ich bereue es wirklich gar nicht, hiergeblieben zu sein. Ich konnte in meinem Berufsleben sehr viel bewegen.

Welche Ihrer vielfältigen Aufgaben hat Ihnen am meisten Freunde bereitet?

Egal, um welches Thema es ging, es hat mir immer die Zusammenarbeit mit anderen Menschen am besten gefallen. Aber ganz viel Herzblut habe ich in Schulen und Kitas gesteckt. Da gab es in all den Jahren ja auch immer viel zu tun.

In den fast 30 Jahren in Remseck haben Sie drei verschiedene Rathauschefs erlebt. Wie waren sie?

Na ja, es ist ja offenkundig, dass die drei sich schon menschlich stark unterscheiden. Peter Kuhn war noch ein Schultes der alten Schule, der in der Zeit nach der Gemeindereform und in den ganzen Aufbaujahren sicher der richtige Typ für Remseck war. Er hat wirklich epochale Dinge bewegt. Karl-Heinz Schlumberger war eher ein Feingeist und ich habe 16 Jahre gut mit ihm zusammengeschafft. Dirk Schönberger ist nun eher wieder ein forscher Typ, aber in einer moderneren Form, als Peter Kuhn es war. Er ist ehrgeizig, sehr tatkräftig und unglaublich aktiv.

Sie sind ja auch schon viele Jahre Kreis- und Regionalrat. Wie haben sich diese Ehrenämter auf ihre Arbeit ausgewirkt?

Beides hat sich gut miteinander verknüpfen lassen. Man kann sich viel Fachwissen aneignen, das dann sowohl im Beruf als auch in der kommunalpolitischen Arbeit nützlich und wichtig ist. Beruf und Ehrenamt haben voneinander profitiert.

Beruflich waren Sie sehr eingespannt, ehrenamtlich stark engagiert. Was kam bei all diesen Aufgaben zu kurz?

Sicherlich die Familie, also meine Ehefrau und mein inzwischen erwachsener Sohn. Das war nicht immer einfach. Oft war ich abends nicht daheim. Das Familienleben konzentrierte sich eher auf die Frühstücks- und Mittagessenzeit. Aber schöne Urlaube haben wir uns als Ausgleich immer gegönnt.

Gibt es schon Pläne für den Ruhestand?

Ich werde mir sicher mehr Zeit für meine Ehrenämter nehmen und regelmäßiger Sport treiben. Meiner Frau ist auch schon eine ganze Menge eingefallen, was ich zu Hause tun kann, wenn ich in Pension bin. Wahrscheinlich werde ich auch öfter wieder ein Buch lesen, was mir in den vergangenen Jahren nicht gelungen ist.

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